Heute verhält es sich mit der Langeweile anders. Sie ist mehr Übersättigung, Zerstreuung, Ruhelosigkeit. Ich langweile mich oft, aber das liegt nicht am fehlenden Angebot: tausende Fernsehsender, die Unerschöpflichkeit von Netflix, zahllose Internetradiosender, unzählige ungehörte Alben, ungesehene DVDs und ungelesene Bücher, das labyrinthische Archiv von YouTube. Bei der heutigen Langeweile geht es nicht um Hunger als Antwort auf die Entbehrungen; es geht um den Verlust des kulturellen Appetits als Reaktion auf die Übersättigung unserer Ansprüche bezüglich unserer Aufmerksamkeit und unserer Zeit.
In einer der berühmtesten Szenen aus Nicolas Roegs Film Der Mann, der vom Himmel fiel sieht man den von David Bowie verkörperten Außerirdischen Thomas Jerome Newton, wie er ein Dutzend übereinander gestapelter Fernseher gleichzeitig betrachtet. Dieses Bild eines hoch entwickelten Wesens, das in der Lage ist, all diese verschiedenen Daten simultan zu verarbeiten, erscheint mir ein passender Vergleich für die Entwicklung unserer Kultur. Am Ende des Films ist Newton auf der Erde gefangen, weil die Behörden ihn daran hindern, zu seiner Familie auf seinem Heimatplaneten zurückzukehren. Er wird Alkoholiker und Kultmusiker, der unter dem Namen The Visitor gespenstische Alben veröffentlicht. Ich bin mir nicht sicher, ob wir diese Musik tatsächlich zu hören bekommen; ich habe mir immer ausgemalt, dass sie wie die B-Seite von Low klingt, melancholische Schwaden eines an Satie erinnernden Sounds, kühl und zerfahren. Aber wie hätte Newtons Musik geklungen, wenn sie in irgendeiner Form den nicht mehr aufnahmefähigen Blick widergespiegelt hätte, mit dem er diese vielen Fernseher angesehen hat? Sie hätte vielleicht etwas von der Musik erahnen lassen, die in den letzten Jahren der 2000er produziert wurde, die an einem Syndrom leidet, das ich »übersättigt« nenne.
Die Musik der von Einflüssen übersatten Musiker klingt geradezu wie geronnen: Sie mag auf manchen Ebenen reichhaltig und beeindruckend sein, aber letztlich ist sie für die meisten Hörer ermüdend und verwirrend. Ganz akut tritt dieses Problem an den Hipster-Rändern der Musikproduktion auf: Frei von kommerziellen Erwägungen, die Musiker zu Zugänglichkeit und Einfachheit motivieren, können sie in den Info-Kosmos versponnener Musik abdriften, sie reisen gleichermaßen in abgelegene Bereiche der Geschichte wie in entfernte Ecken der Erde. Zwei aktuelle Beispiele dieser hyper-eklektischen Haltung sind Hudson Mohawkes Butter und Flying Lotus’ Cosmogramma von 2009 beziehungsweise 2010. Butter ist Prog-Rock, der für die Pro-Tool-Ära aktualisiert wurde, ein CGI-artiger Albtraum eines grellen und überladenen Sounds. Cosmogramma ist Hip-Hop-Jazz für die ADHS-Generation.
Wenn es Zeit braucht, bis man die Musik zu fassen bekommt, liegt das daran, dass in mancher Hinsicht zu viel Zeit hineingesteckt wurde. Zeit im Sinne von musikalischer Arbeit: Musiker, die in Heimstudios und mit Digital Audio Workstation arbeiten und keinerlei finanzielle Beschränkung ihrer Arbeitsstunden haben. Doch auch Zeit in einem kulturellen Sinne; jeder der musikalischen Stile, die diese Künstler digital miteinander verweben, steht für eine Tradition, die vor Jahrzehnten entstand und sich über Jahrzehnte entwickelt hat, das heißt, sie sind gewissermaßen eingebettete historische Zeit. Entsprechend verlangt es viele Stunden des aufmerksamen Hörens, um die Komplexität zu erfassen. Zeit, die die meisten Hörer heutzutage nicht haben.
Künstler und Hörer sitzen im selben Boot, und dieses Boot geht im »Meer der Möglichkeiten« unter, um eine Zen-buddhistische Redewendung zu gebrauchen. »Beschränkung ist die Mutter aller Erfindungsgaben«, sagte Holger Czukay von Can und brachte damit den minimalistischen Ansatz der Band gegenüber dem Maximalismus ihrer Prog-Rock- und Jazz-Fusion-Zeitgenossen auf den Punkt. Man könnte aber auch sagen, dass Beschränkung die Mutter der Vertiefung ist. Anders gesagt: Musik inniger wahrzunehmen, bedeutet, sich mit der Realität der Endlichkeit abzufinden: Man wird nie in der Lage sein, sich mehr als nur einem Bruchteil der Flut der gegenwärtigen Musik aufmerksam anzuhören, ganz zu schweigen von der in der gesamten menschlichen Geschichte produzierten.
Dies ist eine der großen Fragen unserer Zeit: Kann die Kultur unter den Bedingungen von Unbegrenztheit überleben? Genauso wie ein jederzeit verfügbarer Internetzugang überwältigt, bietet er auch Möglichkeiten. Es gibt Künstler, die durch den unsteten Info-Ozean des Internets steuern und für die sich besonders beim Durchwühlen des immensen Erinnerungs-Flohmarktes YouTube neue Möglichkeiten der Kreativität auftun.
Nico Muhly, ein aufstrebender junger Komponist, der als Protegé von Philip Glass anfing, benutzt oft Quellen aus dem Netz für seine Werke. Einige seiner Stücke entstanden aus YouTube-Entdeckungen. Er komponierte zum Beispiel ein Violinen-Konzert, das auf Ideen der Astronomie in der Renaissance basiert – ein Interesse, das geweckt wurde durch die zufällige Entdeckung einiger 80er-Jahre-Lehrvideos über das Sonnensystem, die ein Spinner auf YouTube hochgeladen hatte, sogar mit Kommentaren von Carl Sagan, einer heute kitschig erscheinenden Gestalt. Oder er arbeitet an einem Stück, das zur Begleitung bizarr banaler YouTube-Clips gedacht ist, von Videos, die einen Garten zeigen oder eine Person, die den Haushalt macht.
Als ich Muhly in seiner Wohnung in Manhattan beim Mittagessen besuchte, um ihn zu interviewen (es gab vorzüglichen Blumenkohl mit Käse), erzählte er mir, dass er an einer »Internet-Oper« arbeite, die von der wahren Geschichte eines Jungen handle, »der sieben Online-Identitäten erfindet, um einen älteren Jungen zu verführen und dann erstochen wird«. Auf die Frage nach dem Einfluss von YouTube und dem Netz im Allgemeinen auf seine Musik, antwortete Muhly, er verschwinde in »Internet-Wurmlöchern«. »Das Netz ist, so gesehen, wirklich gruselig! Wenn man über Leute recherchiert, die ihre Zwergponys wie Kunstwerke ausstaffieren, dann findet man fünfhunderttausend derartige Sachen!«
Das Porträt im New Yorker , das ihn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte, betonte, dass Muhly ein Web-2.0-Komponist ist: Er schreibt Musik in eine virtuelle Partitur, während er E-Mails beantwortet, über Instant Messaging chattet und gleichzeitig an mehreren Online-Scrabble-Spielen teilnimmt. Muhly ist eindeutig ein gut funktionierendes Geschöpf des Multitasking-Zeitalters und sein Kompositions-Ansatz ist typisch für den assoziativen Strom des Netzes. Er bezeichnet das als »durchdringendes Narrativ«, aber es ist eher ein Anti-Narrativ. Und Muhlys Recherche ist genauso wie sein Kompositionsstil: nicht-linear. Er beschreibt den Vorgang als »in die Dinge aus einer anderen Perspektive eindringen, als würde man mit dem Messer ein Telefonbuch durchstechen. Ein bestimmtes Feld, sagen wir die Astronomie, führt zu etwas anderem, und das wiederum führt zu etwas ganz anderem. Es ist eine endlose Geschichte, ohne Anfang und Ende, die Story ist die, wie man sich einen Weg da durch bahnt .«
Während Muhly sich durch die Welt der Carnegie Hall und der English National Opera bewegt, befindet sich Daniel Lopatin in einem völlig anderen Milieu der modernen Musik: Dem experimentellen elektronischen Underground mit Konzerten in Brooklyner Squats und Kleinstlabels, die nur auf Vinyl oder Tapes veröffentlichen. Trotzdem reagieren beide Talente auf ähnliche makro-kulturelle Umwälzungen: die Etablierung des Internets als eine Landschaft des Erhabenen, die einen ähnlichen Platz einnimmt wie die Natur in der Vorstellung der Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts und die Stadt für die Komponisten des 20. Jahrhunderts.
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