Er betrachtete traurig das Pulver, das die Spurensicherung an den Türrahmen und Griffen hinterlassen hatte. Am Safe sah es wahrscheinlich nicht viel besser aus. Es würde noch eine Weile dauern, bis sie erfuhren, ob fremde Fingerabdrücke gefunden wurden. Emery war sich allerdings ziemlich sicher, dass der Eindringling Handschuhe getragen haben musste, als er ihn durchs Treppenhaus jagte.
»Oh«, sagte Duffy.
Er meinte zweifelsohne die Krümel, die Wäsche – sauber und schmutzig –, die Stapel alter Fotorahmen, Speisekarten, Stromrechnungen und Theaterprogramme. Um ehrlich zu sein, trugen die paar ausgeräumten Schubladen kaum zu dem Chaos bei, das im Wohnzimmer herrschte. Überall lag irgendwelcher Mist auf dem Boden verstreut – aufgerissene Verpackungen von Batterien, alte Geburtstagskarten und Magazine mit Sushi-Rezepten, für die ihm seine Mom zu Weihnachten ein Abonnement geschenkt hatte, obwohl er nie selbst kochte.
»Ja, ich wohne in einem Schweinestall«, sagte Emery müde. Er brachte nicht die Energie auf, um zu erklären, dass Aufräumen ihn psychisch belastete. Die meisten Menschen hielten ihn einfach nur für faul. Manchmal rechtfertigte er sich mit seinem Job und sagte, vierundzwanzig Stunden Kreativität am Tag wären zu anstrengend, um auch noch über Staubsaugen nachzudenken. Heute war das nicht der Fall. »Normalerweise kommt donnerstags eine Putzfrau. Sie ist wunderbar, aber ich habe ihr für diese Woche abgesagt. Ich will ihr nicht zumuten, sich mit einem gottverdammten Tatort abzuplagen. Ich will das gröbste Chaos erst selbst beseitigen.«
Emery seufzte. Er wusste nicht, wann er dazu die Zeit finden sollte, weil er morgen schon seine Reise antreten musste. Aber er wollte Lola nicht im Stich lassen. Sie machte seine Wohnung zu einem Zuhause und ohne sie würde er durchdrehen.
Duffy sah sich im Wohnzimmer und in der Küche um. »Dann habe ich ja Beschäftigung, bis du gepackt hast.«
Emery blinzelte. »Hä? Nein. Du musst hier nicht aufräumen. Das wäre mir peinlich.«
»Warum?« In Duffys Worten lag keine Feindseligkeit, im Gegenteil. Emery hätte schwören können, sogar einen freundlichen Unterton zu hören. »Bei dir ist eingebrochen worden. Die meisten Menschen verstehen nicht, wie schrecklich sich das anfühlt. Es ist eine schwere Verletzung der Privatsphäre. Außerdem würde mir meine Ma nie verzeihen, wenn ich hier einfach nur untätig rumsitze, obwohl so viel zu tun ist.« Er stieß sich mit dem Daumen an die Brust. »Katholisch«, erklärte er. »Ich rolle gerne die Ärmel hoch und packe mit an. Mit den Händen bin ich gut.«
Verdammt, das nehme ich dir ungeprüft ab. In Emerys Kopf überschlugen sich die Fantasien. Was hätte er nicht darum gegeben, dieses Chaos zu vergessen und sich direkt ins Schlafzimmer zu begeben, damit Duffys Hände etwas zu tun hatten. Aber solche Gedanken waren gefährlich, weil der Mann nicht nur heterosexuell war, sondern Emery außerdem auch noch sein Auftraggeber.
Er hätte gerne geglaubt, dass Duffy ihm seine Hilfe beim Aufräumen anbot, weil er Emerys Probleme mit der Hausarbeit verstand. Aber warum sollte Duffy sich von den anderen unterscheiden, die Emerys mangelnde Fähigkeiten bei der Hausarbeit einfach nur als Faulheit verurteilten? Sie waren der Grund, warum Emery lieber seine Freunde besuchte und nie jemanden mit in seine Wohnung brachte, auch die Männer nicht, mit denen er sich einließ. Wenn es irgendwo saubere öffentliche Toiletten gab, war ihm das lieber, als einem Mann zuzumuten, sich den Weg durch schmutzige Socken und Federboas bahnen zu müssen.
Sonics Käfig war die einzige Ausnahme. Den hielt Emery immer makellos sauber. Die Wohnung kam ihm ohne den kleinen Igel so leer vor. Er hoffte, dass Sonic sich bei seiner Tante Ava wohlfühlte und dass der neue Käfig schon geliefert worden war.
Emery war in der Nacht schreiend und schweißgebadet aufgewacht. Er hatte geträumt, er wäre nicht rechtzeitig zurückgekommen, um Sonic zu retten. Duffy, der im Nebenzimmer schlief, kam sofort angerannt, als er Emery schreien hörte. Er hatte an die Tür getrommelt und gefragt, ob alles in Ordnung wäre. Nachdem sich Emerys rasendes Herz wieder etwas beruhigt hatte, musste er sich eingestehen, dass er das verdammt sexy fand.
Er biss sich auf die Lippen und führte Duffy in die Küche, damit er sich dort ums Geschirr kümmern konnte. Es war eine einfache Aufgabe und Emery musste ihm nicht erst erklären, wo was aufbewahrt wurde. Duffy musste nur das Geschirr abspülen und in die Spülmaschine stellen. Emery wollte das Pulver abwischen, mit dem die Spurensicherung die halbe Wohnung eingepudert hatte.
Er hatte damit gerechnet, sich in Duffys Gegenwart unbeholfen und wertlos zu fühlen. Die meisten Menschen konnten nicht verstehen, warum ihm seine Arbeit so wichtig war. Sie sahen in ihm nur ein Möchtegern-Model, das dafür bezahlt wurde, Urlaub zu machen. Aber so war das nicht. Emery hatte nur meistens nicht die Kraft, um diese Fehleinschätzung richtigzustellen und den Menschen zu erklären, worum es bei seiner Arbeit wirklich ging. Schon gar nicht bei weißen, heterosexuellen Männern.
Doch obwohl ihm Duffy höllisch auf die Nerven fiel, weil er aus jeder Mücke einen Elefanten machte, hatte sich Emery in seiner Gegenwart nie wie ein Versager gefühlt. Sie waren so unterschiedlich, dass sie nie etwas gemeinsam haben würden, doch Duffy hatte ihm nie das Gefühl gegeben, als müsste er Verständnis für diese Arschlöcher haben, die ihn ständig zu lynchen drohten oder ihm Aids anhängen wollten.
Lag das nur an Duffys Professionalität? Wahrscheinlich musste er in seinem Job zu jedem Auftraggeber höflich sein. Emery hasste solche Menschen und wollte nicht, dass Duffy ihm etwas vorspielte. Sosehr er sich auch wünschte, dass der Mann, mit dem er unerwartet so viel Zeit verbringen musste, ihn vielleicht nett fand. Ehrlichkeit war ihm lieber. Wenn Duffy sich insgeheim durch Emery und das, wofür er stand, beleidigt fühlte, wollte er das wissen.
»So«, sagte er und riss eine Packung Desinfektionstücher auf, um die Küchentür abzuwischen.
Duffy sah ihn über die Schulter an. Er hatte seinen Anzug gegen bequeme Jeans und einen Hoodie ausgetauscht, an dem er tatsächlich die Ärmel hochgerollt hatte, um das Geschirr zu spülen. Hm. Und er war tätowiert. Emery versuchte sich einzureden, dass Tattoos nicht attraktiv wären, aber das war gelogen. Die Farben glänzten auf Duffys Haut und erweckten die Tiere und Fabelwesen zum Leben.
Was hatte er eben noch sagen wollen? Oh, richtig. Er wollte mehr über Scouts Hintergrund herausfinden.
»Bin ich die erste Queen, mit der du dich rumärgern musst? Das war bestimmt ein Schock.« Er ließ die Hand provokativ über den Türrahmen gleiten, als wäre es ein Stripper-Pole oder – noch besser – ein riesiger Schwanz.
Duffy zog unbeeindruckt eine Augenbraue hoch und drehte sich wieder zum Spülbecken um. »Nein.«
»Nein?«, wiederholte Emery, doch Duffy ging nicht näher darauf ein. War Emery nicht sein erster schwuler Klient oder wollte Duffy ihm damit sagen, dass er nicht über andere Klienten mit ihm reden wollte? Er versuchte es mit einem anderen Ansatz. »Weißt du, womit ich mein Geld verdiene? Warum dieser Kerl und die anderen hinter mir her sind?«
Duffy nickte, drehte sich aber nicht zu ihm um. Er konzentrierte sich ganz darauf, die Teller abzuspülen. »Du hast einen YouTube-Kanal und produzierst seit einigen Jahren Videos. Dein Markenzeichen ist aber der Instagram-Account. Du hast angefangen, LGBT-Kommentare mit betrunkenen Synchrontexten zu überblenden und erscheinst seitdem in offiziellen Musikvideos und Realityshows im Fernsehen. Deine größte Leistung ist eine Stiftung, die Over The Rainbow Foundation, die schon Tausende von Dollars für LGBT-Jugendliche gesammelt hat. Sie unterstützt vor allem Bildungsprojekte, Heime für obdachlose Jugendliche und Rechtshilfeorganisationen.«
Читать дальше