„Ach, papperlapapp. Das ist schon in Ordnung“, fielen ihr Markus und Theobald ins Wort „Wir kennen Dich ja nun lange genug, und wissen wie störrisch Du sein kannst“, lachten sie, „aber Du bist die allerallerbeste Oma auf der ganzen Welt“, fügte Theobald hinzu. Anastasia war sehr gerührt und wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge. Es war wirklich schön, fand Arabella. Geborgenheit, Liebe und echte Zuneigung gab es hier und das fühlte sich richtig gut an. Nach dem Kaffee verabschiedeten sich Antonius und Markus. „Wir müssen jetzt noch zu einem anderen Hausbesuch“, erklärte Antonius, „aber auf dem Rückweg nachher schauen wir gerne noch mal rein, wenn’s Dir recht ist, Anastasia? Denn, wenn das Knie dann immer noch so dick geschwollen ist, sollten wir besser doch mal eine Röntgenaufnahme im Krankenhaus machen lassen.“ Anastasia zog ärgerlich die Stirn in Falten. „So weit kommt das noch“, begann sie schon wieder zu schimpfen. Arabella, Theobald, Markus und Antonius konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Das werden wir nachher schon sehen, dann ist das Knie wieder tipptopp. Ja, ja, Ihr werdet es schon sehen“, bekräftigte Anastasia ihre eigenen Worte. „Nun macht aber, dass Ihr weiterkommt, Ihr beiden“, sagte sie zu Markus und Antonius. „Ihr könnt gerne nachher wiederkommen. Dann essen wir zusammen Pfannkuchen mit Apfelmus, wenn ihr mögt.“
„Oh, was für rosige Aussichten.“ Markus und Theobald rieben sich in Vorfreude auf das angekündigte Festmahl die Bäuche. Antonius nickte freundlich. Arabella fragte sich, wer wohl die Pfannkuchen und das Apfelmus zubereiten sollte. Markus und Antonius waren gegangen und sie räumte den Tisch ab. Theobald legte sich in den Liegestuhl im Garten für ein nachmittägliches Nickerchen und Anastasia hatte sich ebenfalls für ein kleines Schläfchen auf der Küchenbank zurückgelehnt.
Arabella war nicht müde. Sie hatte Lust auf einen Strandspaziergang. Warum eigentlich nicht, dachte sie. Sie nahm vorsichtshalber den Schal aus der Garderobe, den Theobald ihr gestern umgelegt hatte, und verließ leise das Haus. Kurz überlegte sie, einen Zettel mit einer Nachricht auf den Küchentisch zu legen, aber da sie ja noch nicht wusste, wohin sie ging, konnte sie das ja auch nicht schreiben. Sie war schon fast an der Haustür, da kamen ihr doch Bedenken. Anastasia und Theobald würden sich vielleicht Sorgen machen, wenn sie nicht da war, wenn sie aufwachten. Also gut, dachte sie, und schrieb auf einen Zettel: „Ihr Lieben, ich, Arabella, bin spazieren gegangen – bis gleich!“ So, das musste reichen. Sie wollte sich ja auch nur kurz die Beine vertreten, die Insel erkunden und frische Luft schnuppern. Das war ja schnell erledigt. Sie ging durch die Haustür und freute sich auf ihren Ausflug. Leise fiel die Tür ins Schloss und frohen Mutes machte Arabella sich auf in Richtung Strand.
Sie wollte direkt zum Strand, und zwar zu der Stelle, an der sie mittags die vielen Kinder gesehen hatte. Da war es lustig und schöne Musik hatte gespielt. Ja, genau dort wollte sie hin! Summend ging sie den schmalen Holzpfad entlang, der direkt zu der Stelle führte, wo sich viele Menschen aller Altersgruppen tummelten. Es war eine schöne, kleine Bucht, in der man in Ruhe schwimmen konnte, auch wenn man es noch nicht so gut konnte, aber natürlich auch, wenn man es schon perfekt konnte. Manche tauchten auch und zwei Jungen hatten ein kleines Schlauchboot und plantschten träge darin herum. Weiter hinten sah man Surfer und Stand-up-Paddler. Auch Kitesurfer mit riesigen bunten Segeln waren dort. Das sah wirklich wunderschön aus, fand Arabella. Und sah auch nicht so schwierig aus. Sie nahm sich vor, unbedingt Kitesurfen zu lernen. Aber später mal, jetzt wollte sie erst mal hier die Gegend erkunden. Fröhlich und neugierig lief sie weiter an der Wasserkante entlang und ließ das Wasser über ihre Füße fließen. Wenn mal eine höhere Welle kam, sprang sie einfach darüber weg. Schön war das hier!
Da sah sie plötzlich zwei Mädchen, die exakt gleich aussahen. Träumte sie, sah sie jetzt doppelt, hatte sie einen Sonnenstich? Arabella rieb sich die Augen, schloss sie, öffnete sie wieder. Nein, die beiden waren ohne Zweifel da. Wie war das denn möglich? Sie kam einen Schritt näher. Die beiden hatten rötliche Haare, die zu ganz vielen kleinen Zöpfen geflochten waren. Sie waren übersät mit Sommersprossen, hatten beide einen hellblauen Badeanzug an, trugen um das rechte Handgelenk ein kleines, mittelbraunes Lederarmband mit einem kleinen silbernen Stern drauf. Die beiden Mädchen unterhielten sich über irgendetwas, das Arabella aber nicht verstehen konnte. Sie hörte irgendetwas von Clown … und Vorstellung … und morgen Nachmittag … und lustig …, aber sie konnte sich keinen Reim drauf machen. Arabella blieb vor den Mädchen stehen und schaute ihnen zu. Sie hatten eine Sandburg gebaut und verzierten diese gerade mit wunderschönen Muscheln und Steinen, die sie um sich herum fanden. Sie schienen sehr beschäftigt und versunken in dem, was sie taten.
Arabella trat ein bisschen näher heran, sodass ihr Schatten auf die Sandburg fiel. Die beiden Mädchen schauten auf. Die eine der beiden fragte neugierig: „Hey, wer bist Du denn? Wieso bist Du so blau?“, wollte sie wissen. Die andere sagte nichts. Sie guckte aber auch sehr freundlich und auch sehr neugierig. „Hey“, sagte Arabella und stellte sich erst mal vor: „Ich heiße Arabella, ich war mal ein blauer Luftballon und nun bin ich so, wie ich bin.“ Das musste erst mal reichen, fand sie. Mehr wusste sie eigentlich auch nicht zu sagen. „Und wer seid Ihr beiden? Und wieso seht ihr genau gleich aus?“, fragte sie. Die beiden Mädchen kicherten und hielten sich beide Hände gegenseitig zum Abklatschen entgegen. Sie setzten sich im Schneidersitz vor Arabella hin „Also“, sagte wieder das Mädchen, das schon mal geantwortet hatte, „ich bin Katharina und das ist Pauline“, sie deutete auf das andere Mädchen. „Wir sind Zwillinge und für die meisten sehen wir genau gleich aus; das tun wir aber gar nicht in Wirklichkeit. Pauline hat z. B. zweihundertsiebenundfünfzig Sommersprossen und ich habe zweihundertvierundfünfzig. Pauline ist zwei Minuten jünger als ich. Ich male gerne und lese gerne und erzähle gerne. Pauline rechnet gerne und spielt Klavier. Sie ist eindeutig besser im Hochsprung, aber Sport machen wir beide gerne und viel. Ach ja, und Eis und Pfannkuchen mit Apfelmus sind unsere absoluten Lieblingsessen. Ja und unsere Lieblingsfarbe ist blau – alle Blaus, die es gibt.“ Katharina machte eine kurze Pause, dachte kurz nach und sagte dann: „So, nun weißt Du fürs Erste eigentlich schon das Wichtigste über uns.“
„Und meine Lieblingszahl ist die 7! Katharina weiß ihre Lieblingszahl noch nicht, sie kann sich nicht entscheiden“, meldete sich nun Pauline erstmals zu Wort. „Ja, stimmt, das hatte ich vergessen“, sagte Katharina nickend. Puh, das waren aber viele Informationen auf einmal. Arabella war fast schwindelig. Aber sie fand es schön, sich mit den beiden zu unterhalten. „Setz Dich doch zu uns“, forderten Katharina und Pauline sie jetzt auf, „du kannst uns helfen die Burg weiter zu bauen. Bis morgen muss sie fertig werden, übermorgen fahren wir nämlich nach Hause.“
„Ach wirklich?“ Arabella setzte sich und war ein bisschen enttäuscht. Gerade hatte sie Freunde gefunden und schon waren sie wieder weg. „Wieso fahrt Ihr denn nach Hause? Wo wohnt Ihr denn? Und wieso bleibt Ihr nicht hier wohnen? Hier ist es doch schön“, fragte sie verwundert. Wieder kicherten Katharina und Pauline, jetzt etwas lauter als vorhin. „Unsere Ferien sind zu Ende. Wir müssen nächste Woche wieder zu Schule.“ Wieder führte Katharina das Wort. Das war wohl so bei den beiden, dachte Arabella, aber beide schienen zufrieden damit. „Hmm, aha, darum also …, aber eine Schule gibt’s doch auch hier.“ Arabella bohrte weiter. „Ja klar, überall gibt es Schulen!“ Pauline meldete sich jetzt doch zu Wort: „Aber man geht doch immer zur Schule da, wo man auch am meisten wohnt. So ist das bei allen.“ Ja, das machte wohl Sinn, fand Arabella. „Und wo wohnt Ihr, wenn Ihr nicht hier seid?“, fragte sie die beiden. „Auf dem Festland in einer ziemlich großen Stadt mit Hochhäusern und U-Bahnen und vielen Menschen“, sagte Pauline. „Ist es schön da?“, fragte Arabella neugierig.
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