„Ja, aber wenn uns jemand sieht und merkt, dass ich mich mit einer Luftballonschlange unterhalte, dann denken doch die Leute, ich bin plemplem.“ Theobald wirkte sehr verunsichert. “Aha, das war also auch gestern Abend der Grund der Maskerade“, sagte Anastasia. Arabella verstand nur Bahnhof. „Ja klar“, sagte Theobald, „ich habe schließlich einen sehr guten Ruf hier auf der Insel.“
„Dein Ruf kann durch Arabella nur noch besser werden.“ Wieder zwinkerte Anastasia fröhlich Arabella zu: „Also Kappe ablassen und loslegen, lautet die Devise, glaub mir, die Menschen werden Arabella lieben und Dich lieben sie sowieso schon.“
„Na, wenn Du meinst?“ Theobald war noch nicht ganz überzeugt, aber er glaubte seiner Oma alles, denn alles was sie ihm bisher beigebracht und gesagt hatte, stimmte, also war dies hier jetzt bestimmt auch richtig. Theobald hängte die Baseballkappe wieder zurück an den Garderobenhaken und platzierte Arabella so im Korb, dass sie gut herausgucken konnte. So machten sie sich auf den Weg zum Einkaufen. „Ohne Einkaufszettel, na, da bin ich mal gespannt“, murmelte Anastasia etwas skeptisch, als die beiden das Haus verließen, aber Arabella war ja dabei.
Theobald und Arabella gingen rechts die Straße hinunter in Richtung Stadtzentrum. Dort befand sich am Anfang der Fußgängerzone ein kleiner Supermarkt. Der hatte eigentlich alles vorrätig, was man so zum Leben brauchte. Ja und war mal etwas nicht da, konnte man es beim Supermarktbesitzer bestellen und bekam es meistens schon am nächsten Tag. Die Straße führte am Strand entlang. Das Wetter war seit gestern wieder gut. Nach einer Woche Dauerregen und Sturm schien jetzt die Sonne und der Himmel war blau, ohne eine einzige Wolke. So waren sehr viele Menschen am Strand zum Schwimmen und Sonnenbaden. Etwas weiter hinten sah man Surfer und Stand-up-Paddler. Es war eine sehr schöne, entspannte Stimmung, man hörte Musik von irgendwo her, ein Eiswagen fuhr langsam an der Promenade entlang und klingelte ab und zu mit einer kleinen Glocke, um sich auch bei allen bemerkbar zu machen. Arabella genoss ihren Ausflug mit Theobald und guckte hin und her, um nichts zu verpassen. Sie stellte Theobald tausend Fragen, die er erst etwas verhalten, aber dann immer selbstverständlicher beantwortete. „Was machen denn die ganzen Menschen hier am Strand?“, wollte Arabella wissen.
„Ist hier jeden Tag so viel los? Warum sind denn da gar keine Hunde am Strand? Was ist das denn da? „Sie zeigte auf einen großen Lenkdrachen, der die Form einer bunten Mickey Mouse hatte. Theobald wusste auf jede ihrer Fragen eine Antwort. Arabella war sehr zufrieden und wurde nach einiger Zeit etwas ruhiger, als ihre Aufregung sich legte. Sie atmete die frische Meerluft ein und fühlte sich pudelwohl in ihrem Korb.
Da hatten sie auch schon den Supermarkt erreicht. Theobald nahm einen von den Einkaufswagen, die vor der Tür standen, stellte den Korb mit Arabella hinein und fuhr in den Laden. Arabella staunte mit offenem Mund über die vielen Sachen, die sich in den Regalen befanden. Direkt am Eingang befand sich die Obst- und Gemüseabteilung. Da brauchten sie nichts, also fuhr Theobald weiter und blieb am Milchregal stehen. Er nahm drei Liter Milch und 5 Pakete Butter. Dann fuhr er weiter zum Gewürzregal. Hier suchte er nach Koriander, fand es und packte es ein. Arabella schaute seinem Treiben zu und fragte dann vorsichtig: „Theobald ist das denn Quark und Zimt, was Du hier in den Wagen getan hast?“ Theobald kratzte sich am Kopf, wie er es ja immer tat, wenn er nachdachte. „Nein, das ist es natürlich nicht. Ich wollte Dich auf die Probe stellen, ob Du Dir gemerkt hast, was wir einkaufen sollen“, sagte er schelmisch. In Wirklichkeit wollte er damit vertuschen, dass er komplett vergessen hatte, was er für Anastasia im Supermarkt einkaufen sollte. „Aha, verstehe“, sagte Arabella, die das Ganze schnell durchschaute. „Na, dann ist es ja gut, dass ich dabei bin. Also mach ’ne Kehrtwende zum Milchregal und such den Quark. Den anderen Krempel kannst Du wieder wegstellen, braucht kein Mensch … obwohl … warte mal… Milch braucht man für Kakao und Pfannkuchen, oder?“
„Ja, ich glaub schon, dass Oma Milch in den Pfannkuchenteig getan hat“, pflichtete Theobald ihr bei, „also nehmen wir die auf jeden Fall mit.“ Schnell hatte er den richtigen Quark gefunden, den, den seine Oma immer aß, der mit dem roten Deckel nämlich. Nun konnte er umdrehen wieder in Richtung Gewürzregal. Dort räumte er den Koriander wieder ins Regal, nachdem er kurz daran gerochen hatte und sich naserümpfend fragte, wofür man den wohl brauchte. Gerade wollte er weiterfahren, als eine quäkende Stimme sich aus dem Korb meldete: „Theobald, wo bleibt der Zimt?“
„Uiuiui, stimmt ja! Wo Du recht hast, hast Du recht.“ Schnell schwenkte er zurück und stolperte dabei über seine viel zu großen Schuhe. Theobald hielt sich am Einkaufswagen fest und hätte diesen beim Stolpern fast umgeworfen. Der Wagen stand schon auf 2 Rädern und kippte bedrohlich zur Seite. Arabella sah sich bereits kopfüber auf den Boden purzeln. „Nein, nein, nein, Theobald, was machst Du denn da“, rief sie panisch. „Hilfe!“. Sie sah sich unter der Milch und dem Quark auf dem Boden begraben und wollte sich gar nicht ausmalen, was dann passieren konnte.
Sie hielt sich vorsichtshalber die Augen mit beiden Händen zu und ließ nur einen kleinen Schlitz zwischen zwei Fingern frei, um doch noch ein bisschen sehen zu können. Sie war eben eine sehr neugierige kleine Luftballonschlange. Plötzlich kam der Wagen mit einem Ruck wieder auf 4 Rädern zum Stehen und eine freundliche ältere, dunkle Stimme sagte lachend: „Hey, Theobald Grossfuß, das hätte auch schiefgehen können. Habe ich nicht schon oft gesagt, dass Deine Schuhe ein kleines Stück vielleicht zu groß sind? Und hab ich recht? Natürlich habe ich das, wie immer, ich hab immer recht!“ Arabella guckte vorsichtig aus dem Korb heraus und sah einen kleinen, ziemlich dicken, gutmütig blickenden, weißhaarigen Mann, der Theobald auf die Beine half. Der Mann musste dem Aussehen nach schätzungsweise 170 Jahre alt sein, wenn man ihn mit Anastasia verglich, dachte Arabella. Er war viel kleiner als Theobald.
Er musste nach oben schauen, um ihm ins Gesicht zu blicken, als Theobald wieder sicher auf zwei Beinen stand. Theobald hatte seinen Schreck schnell überwunden. Er zog seine Hose und sein Hemd gerade und guckte sich um, wer ihn denn da gerade gerettet hatte und ob ihm irgendetwas aus der Hosentasche gefallen war bei dem Sturz. Auf diese Art und Weise hatte er nämlich auch schon mal seinen Kalender verloren. Als er nichts fand, schaute er den kleinen Mann an, der mit triumphierendem Blick vor ihm stand. „Ach Du bist es, Markus! Dich habe ich ja ewig und drei Tage nicht mehr gesehen.“ Lachend umarmten sich beide. Sie waren so laut, dass alle Leute in dem sonst eigentlich immer sehr ruhigen Supermarkt sich mittlerweile umgeschaut hatten, wer da so ein Spektakel machte. „Sag an, wie geht’s Dir“, fragte der Mann, der Markus hieß. „Gut, gut! Danke, Danke!“, erwiderte Theobald. Lächelnd und staunend und wortlos standen sie sich gegenüber.
„Und mir ginge es dann auch gut. Wie schön, dass auch einer nach meinem Befinden fragt“, kam es aus dem Korb im Einkaufswagen.
Beide Männer schauten wie auf Knopfdruck in die Richtung aus der die Stimme kam. Theobald verlegen und Markus verwundert. „Na, wen haben wir denn da?“, fragte Markus, „willst Du uns nicht mal vorstellen Theobald?“ Und zu Arabella gerichtet sagte er: „Sie müssen entschuldigen, aber Höflichkeit war noch nie Theobalds Stärke.“ Theobald trat einen Schritt auf den Einkaufswagen zu und sagte: “Na gut, also darf ich vorstellen: Arabella – Markus – Markus – Arabella“, wieder mit der jeweiligen Handbewegung von einem zum anderen, damit man auch wusste, dass man nicht der andere war. Den Sinn dieses Vorstellungsmanövers würde sie wohl nie verstehen, dachte Arabella, aber so war das wohl bei den Menschen. Sie schüttelte den Kopf und dann die Hand, die Markus ihr entgegenstreckte. „Sehr erfreut“, sagte Markus.
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