Zusammengefasst sollten die folgenden Überlegungen in den Entscheidungsfindungsprozess (Nickname zitieren oder anonymisieren) einbezogen werden:
Ist die Nennung der Nicknames relevant für die Forschungsfrage?
In welcher (möglicherweise für die Person, die im Web unter dem Namen agiert, kompromittierenden) Umgebung taucht der Nickname auf?
Wie leicht ist es, im spezifischen Fall anhand des Nicknames Rückschlüsse auf den Klarnamen einer Person zu ziehen?
Diese Fragen sollten Sie sich natürlich sowieso stellen, bevor Sie Klarnamen in Ihre Arbeit integrieren.
Sollten Sie sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit dafür entscheiden, Klarnamen oder Nicknames zu anonymisieren, sollte dies im gesamten Dokument konsequent geschehen. Für eine bessere Übersichtlichkeit können Klarnamen und Nicknames in der Datensammlung mit Zahlen oder Buchstabenkombinationen indiziert werden. Dabei ist darauf zu achten, dass ein- und der*dieselbe Urheber*in auch ein- und dasselbe Kürzel erhält. Besonders von Belang ist diese Vorgehensweise bei Fragestellungen, die beispielsweise dialogische Prozesse thematisieren. Eine Liste, auf der Nickname und Kürzel einander zugeordnet dargestellt sind, muss dem*der Verfasser*in einer wissenschaftlichen Arbeit selbstverständlich vorliegen. Bei der Anonymisierung von Klarnamen ist ebenso zu verfahren.
Datum und UhrzeitWichtig könnten auch die genauen zeitlichen Angaben sein, um die Diskursdynamik zu bestimmen. Wird beispielsweise sofort geantwortet oder erst am nächsten Tag? Wie reagieren andere auf den Beitrag und wie antwortet der*diejenige, der*die die Diskussion begonnen hat? Datum des eingestellten Beitrags und Uhrzeit (sofern nachvollziehbar und abhängig von der spezifischen linguistischen Fragestellung) sollten also in das KurzzitatKurzzitat (und auch die vollständige Quellenangabe im der Arbeit beigefügten Verzeichnis) übernommen werden. Die Reihenfolge der Angaben kann selbstständig festgelegt werden, sollte aber in der gesamten Arbeit einheitlich bleiben. Wir erachten eine Reihenfolge wie: Name des Portals/der Plattform/des Internetangebots, Nutzernamen oder Index für den Nutzernamen oder Nickname, Datum, Uhrzeit (wenn eruierbar) und ggf. Social-Media-Reaktionen als sinnvoll, siehe (1-8).
(1-8)
Luca: Jeder von euch war schon mal bei StarBucks.
Ich, 15, habe noch nie einen StarBucks Laden gesehen
(YT, Seranet, 2019-10-31, ca. 21:00, L: 0, DL:0)
Demographische Informationen, wie Geburtsjahr oder Geschlecht, die Nicknames oftmals enthalten, können zwar in eine korpusergänzendeKorpus Legende aufgenommen werden, sie sind jedoch keine verlässliche Grundlage für eine Daten-Auswertung im Hinblick auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen.
Social-Media-ReaktionenInsbesondere beim Zitieren von sprachlichen Belegen von Sozialen-Netzwerk-Seiten stellt sich oftmals die Frage, inwiefern auch die Reaktionen auf einen Beitrag mit dokumentiert werden müssen. Wir erachten diese Angaben als zum jeweiligen Kommunikat zugehörig und empfehlen, diese in den Kurzverweis aufzunehmen. Gerade bei der seit 2016 erweiterten Facebook-Gefällt-mir-Funktion kann der Kurzverweis dabei rasch unübersichtlich werden. Abkürzungen für die jeweiligen Funktionen sind daher ratsam. Für Kommentare, die sowohl bei Twitter, Facebook, Instagram oder YouTube jeweils Reaktionen auf einen Initialbeitrag (Tweet, Statusmeldung etc.) darstellen, schlagen wir als Abkürzung das „K“ vor. Für die Teilen-Funktion (Retweet, Teilen) schlagen wir ein „T“ vor. Eine Positiv-Evaluation (Favorisierung, gefällt mir, Herzsymbol oder auch Daumen hoch) kann mit einem „L“ gekennzeichnet sein, die seit 2016 erweiterte Facebook-gefällt-mir-Option kann entsprechend mit einem „Lo“ für „Love“ oder „Liebe“, einem „Ü“ für „Überraschung“, einem „W“ für „Wut“, einem „Tr“ für „Trauer“ oder „Traurigkeit“ ergänzt werden, siehe (1-9). Bei YouTube gibt es auch eine Dislike-Funktion, die mit „DL“ abgekürzt werden kann, siehe Beispiel (1-8).
(1-9)
Wir sind im RADIO! Ein kleiner Beitrag auf BR24. Morgen um 6:20 auf B5 oder jetzt schon hier
www.br.de/…/trauerbewaeltigung-im-internet-wenn-sch…
(Fb, 22monate, 2019-10-31, L: 46 (davon Tr:1, Lo: 18) T:1, K: 0)
Die Social-Media-Reaktionen sind natürlich eine sehr dynamische Größe. Im Beispielverzeichnis sollten deshalb auch Datum und Uhrzeit der Dokumentation notiert werden. In diesem Fall sind solche Angaben sehr hilfreich. In anderen Fällen haben diese Angaben wenig Aussagekraft, wir kommen darauf in Kap. 1.5 zurück.
1.3.2 So zitiert man wissenschaftliche Publikationen
Für das Zitieren von wissenschaftlichen Publikationen, die im WWW veröffentlicht sind, gilt die etablierte Kurzform „Zitatbeginn … Zitatende“ (Autor*innen Publikationsjahr: Seitenzahl/en). Bei PDF-Dokumenten ist das sehr gut zu bewerkstelligen. HTML-Dokumente hingegen enthalten keine Seitenzahlen. Stattdessen definieren manche Seitenbetreiber sogenannte Sprungmarker (auch Anker, Links). Diese können auch den Rezipient*innen Ihrer Arbeit als Orientierung dienen und sollten anstelle der Seitenzahlen in die Kurzform eingefügt werden, Beispiel (1-10).
(1-10)
„Kookkurrenzen oder auch KollokationenKollokationen sind Gruppen von Wörtern, die häufiger zusammen auftreten, als dass es rein zufällig sein könnte.“ (Bubenhofer 2011: Kookkurrenzen)
Sind keine Anker vorhanden, wird in der Kurzform im Fließtext auf eine spezifizierende Angabe verzichtet, Beispiel (1-11).
(1-11)
„Das tut Schrift ja immer: persönliche (face-to-face) Kommunikation einfrieren und unabhängig von Raum und Zeit ermöglichen. Schrift, zumal Handschrift, ist aber immer auch Bild.“ (Schmitz 2003)
In der Bibliographie sähe der Eintrag dann so aus:
Schmitz, U. (2003): Sommer liegt in der Luft. Text-Bild-Lektüre im Deutschunterricht . linse. http://www.linse.uni-due.de/publikationenliste/articles/sommer-liegt-in-der-luft-text-bild-lektuere-im-deutschunterricht.html
Allerdings ist dieser Artikel 2004 unter dem Titel „ Bildung für Bilder. Text-Bild-Lektüre im Deutschunterricht“ in dem von J. Hartmut und P. Josting herausgegebenen Sammelband „Ästhetik –Medien – Deutschunterricht. Jutta Wermke zum 60. Geburtstag gewidmet“ im Münchener kopead-Verlag erschienen. Deshalb kann in diesem Fall der zitierte Textausschnitt entsprechend präziser der Druckfassung entnommen und gemäß den üblichen Regeln zitiert werden: Schmitz, U. (2004): Bildung für Bilder. Text-Bild-Lektüre im Deutschunterricht. In: Hartmut, J./Josting, P. (Hrsg.) (2004): Ästhetik –Medien – Deutschunterricht. Jutta Wermke zum 60. Geburtstag gewidmet. München: kopaed, 219–232.
Generell gilt: Lässt sich der*die Autor*in einer Online-Publikation (oder auch der Betreiber einer Internetseite) nicht ermitteln, ist diese Publikation als wissenschaftliche Quelle nicht zitierfähig. Fehlende Jahresangaben oder Seitenzahlen sollten durch Vermerke wie o. J. ( ohne Jahr ) oder o. A. ( ohne Angabe ) – auch in der Bibliographie – vermerkt werden. Publikationen jedoch, für die sich diese Angaben nicht ermitteln lassen, sind genauestens auf ihre Ziterfähigkeit aber auch auf ihre Relevanz zu prüfen.
1.4 Onlinedaten erheben – Durchaus eine Herausforderung
Angesichts der Fülle an Daten, die sekündlich im WWW generiert werden, mag es paradox erscheinen, dass die Datenerhebung eine wirkliche Herausforderung darstellt. Diese besteht darin, die benötigten und für die aktuelle Forschungsfrage relevanten Daten zu finden, sie müssen dabei reliabel und reproduzierbar sein und einen systematischen Bezug zur Sprachwirklichkeit haben (vgl. Bickel 2006). Im folgenden Abschnitt werden verschiedene Wege der Datenerhebung, wie Korpusgenerierung, Einsatz von Fragebögen, Flyern oder Keyloggern, auf ihre Anwendbarkeit für die Internetlinguistik geprüft.
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