Heute backe ich in der Weihnachtszeit all die Kekse, deren Rezepte bei uns in der Familie überliefert worden sind, und verschenke sie auch gerne. Vanillekipferln zu backen oder zu essen ist kein Bekenntnis zum Christentum. Diesen Gedanken gebe ich gerne auch an Muslime weiter. Manchmal denke ich dabei an meine Klassenkameradin Mariam, damals, Anfang der 1980er-Jahre, die einzige Muslimin unter uns, die wir irgendwie bemitleideten, weil es für sie keine Geschenke zu Weihnachten gab. Sie sagte: „Bei uns ist es eigentlich besonders weihnachtlich. Wir haben keinen Stress davor und genießen es als Familie zusammen zu sein, zünden Kerzen an, essen gut und spielen und reden miteinander.“ Warum also nicht die spezielle Stimmung des Festes genießen? Noch dazu, wo Weihnachten theologisch die Möglichkeit bietet, sich mitzufreuen über Jesus. Denn für die Muslime ist er ein Prophet und die Geschichte seiner Geburt lässt sich sogar im Koran nachlesen. 3
Für meine Mutter war es eine große Erleichterung, nach und nach zu erleben, dass gerade im kulturellen Bereich die Traditionslinien, die sie mir mitgegeben hatte, von mir gepflegt und an die eigenen Kinder weitergegeben wurden. Auch die Ängste, dass ich einer Gehirnwäsche unterzogen worden sei, legten sich, sobald sie merkte, dass ich „die Alte“ geblieben war. Als ich dann ungefähr ein Jahr nach der Konvertierung einen Muslim heiratete, wurde mein Mann sehr herzlich als Schwiegersohn aufgenommen. Dass wir eine partnerschaftliche Ehe führen, überwand Vorurteile und Befürchtungen. Die Tochter würde bezüglich ihrer Frauenrechte nicht wieder hinter das zurückfallen, was die Mutter in ihrer Generation erreicht hatte! Im Dialog mit Feministinnen wurde mir immer wieder klar, wie frisch die Errungenschaften der zweiten Frauenbewegung der 1970er-Jahre noch sind. Das erklärt die Angst, dass die zunehmende Präsenz des als streng patriarchalisch wahrgenommenen Islams diese Frauenrechte gefährden könnte.
Aber ist der Islam wirklich patriarchal? Während ich nach und nach ein sehr entspanntes Verhältnis zu meiner eigenen kulturellen Tradition fand, war mir bereits früh aufgefallen, dass „Tradition“ in Zusammenhang mit dem Islam immer mehr zum Schlagwort wurde, um das Unbehagen angesichts frauenfeindlicher Zustände auszudrücken. Im Dialog mit Andersgläubigen wurde der Hinweis auf die „böse Tradition“ oft eine Art Joker, um im Gespräch die manchmal krassen Widersprüche zwischen islamischem Anspruch und der gelebten Realität zu begründen. Auch unter Muslimen erlebte ich den Rückzug auf die Position, Missstände der Tradition zuzuschreiben. Mich stimmte dies zunehmend unzufrieden. Denn es schien zu bequem, damit eine Art Sündenbock zu haben, um nicht weiter nachdenken zu müssen, ob die Religion – in Form frauenfeindlicher Auslegungstraditionen – nicht doch ihren Anteil an der Misere hat.
Die islamische Theologie kann sich nicht davor drücken, eine kritische Sichtung gewisser Auslegungen vorzunehmen, die Frauen in starre Rollenbilder zwängen oder gar Menschenrechtsverletzungen Vorschub leisten. So kann das Ziel verfolgt werden, Argumente freizulegen, die Frauenrechte stärken und für Geschlechtergerechtigkeit plädieren. Der Islam genießt einen hohen Stellenwert in muslimischen Gesellschaften. Selbst Menschen, die ihn weniger praktizieren, wissen, dass Argumente auf dem Boden des Islams dringend nötige Bewusstseinsänderungen bringen können. In der Migration kommt der zusätzliche Bedarf an Orientierung hinzu, wie eine authentisch muslimische Lebensweise gelingen kann, ohne sich von der Gesellschaft abzukapseln. In jüngster Zeit sind Integrationsdebatten unter Muslimen mehr in Richtung Partizipation gegangen. Der Wunsch, endlich als lebendiger Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, macht Teilhabe notwendig. Der Dialog erhält so einen hohen Stellenwert.
„Eine gute Frage ist die Hälfte der Wissenschaft“ 4: Dies begründet die vorliegende Form, die Kapitel mit Fragen zu überschreiben. In muslimischen Kreisen gehört manchmal Mut dazu, eine Frage zu formulieren, in der fundamentale Kritik an bestehenden scheinbaren Selbstverständlichkeiten steckt. Diese Fragen können somit einen Prozess in Gang setzen, der auch die Theologen in die Pflicht nimmt, stärker dem zutiefst islamischen Anspruch zu entsprechen und bei Berücksichtigung der Quellen Koran und Sunna die Lebenswirklichkeit der Gläubigen einzubeziehen. Die Angst, nur mehr zeitgeistig irgendwelchen Trends hinterherzulaufen und allerlei Meinungsmachern nach dem Mund zu reden, bremst hier leider oft. Offenheit für die Moderne ist aber eine theologische Notwendigkeit. Sonst ginge ein wesentlicher Anspruch des Islams verloren: „Erleichterung von der Bedrängnis“ 5. Darin steckt eine emanzipatorische Kraft, die gerade in der Frage der Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit zu nutzen ist.
Auch Fragen aus der Außensicht sind wertvoll, weil sie dazu einladen, Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung zu entdecken. Wer sich ehrlich auf eine Beantwortung einlässt, muss eigene Standpunkte überprüfen.
Selbstverständlich kann es auf viele Fragen keine letztgültige Antwort geben. Die Beiträge verstehen sich als Teil eines spannenden Prozesses, in dem die Leserinnen und Leser selbst als Agierende angesprochen sind. Manchmal werden Fragen auch neue Fragen aufwerfen. Auf jeden Fall sollen die Texte aber Orientierung bieten, gewisse Erscheinungsformen gerade des Alltags und des Zusammenlebens besser einordnen zu können. Praktische Vorschläge, wie in auftretenden Situationen eine zielführende Handlungsweise aussehen könnte, dürfen dabei nicht fehlen. Oft geht es um ein gemeinsames Ausloten von Möglichkeiten.
So soll das Buch Dialogerfahrungen nicht nur würdigen, sondern auch ein Stück erlebbar machen. Fragen – und gerade die „dummen“ oder provokanten Fragen – regen zu kritischer Selbstreflexion an und liefern wertvolle Denkanstöße. Der Dialog unter Frauen – sei es auf interreligiöser Ebene bereits seit den 1990er-Jahren, sei es zwischen der Frauenrechtsbewegung und Musliminnen – hat in Österreich wesentlich dazu beitragen können, mehr gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Viele der nachfolgend aufgenommenen Fragen stammen daraus. Frauen können nicht nur viel voneinander lernen, sondern werden entdecken, dass bei der Vielfalt der Zugänge letztlich gemeinsame Interessen vorhanden sind. Das „Wir Frauen“ kann so neue Bedeutung in einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft gewinnen.
Dass auch Männer Partner in diesem Prozess sein können, ist von immenser Bedeutung. Sie können als Multiplikatoren ein wichtiges Sprachrohr sein, wenn sie etwa die Kanzel der Moschee nutzen, um Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit zu wecken. Mit dem Begriff der Geschlechtergerechtigkeit tun sich viele Muslime, sowohl Frauen wie Männer, leichter als mit „Emanzipation der Frau“, weil er vermittelt, dass der Weg, beiden Geschlechtern gerecht zu werden, auch ein gemeinsamer ist. Gerechtigkeit als universaler Anspruch impliziert ein gemeinsames Interesse. Auch Männer erkennen darüber hinaus zunehmend den Bedarf, ihnen zugeschriebene traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen.
Manche der Antworten mögen sehr „theologisch“ erscheinen. Eine seriöse Verankerung in den islamischen Quellen ist aber unumgänglich, wenn erfolgreich gegen verkrustete Haltungen angegangen werden soll. Zu oft wurden Forderungen nach Einstellungsänderungen mit dem Hinweis: „Nicht islamisch argumentiert!“ vom Tisch gewischt. Das betrifft den innermuslimischen Diskurs. Gleichzeitig ist es angesichts aktueller Debatten um die Vereinbarkeit des Islams mit Europa auch wichtig, nicht nur theoretisch zu behaupten, dass Muslime ihre Religion als dynamisch verstehen, sondern dies unter Beweis zu stellen. Das geht nur, wenn auch methodisch Einblick gegeben wird, wie zeitgemäße Auslegungen zugleich den Anspruch der Authentizität erheben können und somit für gläubige Muslime Relevanz gewinnen. Es ist zu hoffen, dass auch Nichtmuslime sich von einer theologischen Argumentation nicht abschrecken lassen, sondern, im Gegenteil, mit Interesse verfolgen, wie das betrieben werden kann. Viele praktische Beispiele sollen dabei helfen, dicht an der Lebensrealität zu bleiben und nicht in reine Theorie abzuschweifen.
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