Der Oberst hatte am Tisch Platz genommen. Seine grauen Augen blickten durch die runden Gläser auf die Karte. Mit Kohle waren unsere Standorte und Stellungen eingezeichnet. Es gab breite Lücken dazwischen; eine zusammenhängende Linie hätten wir mit den vorhandenen Kräften nicht besetzen können. Bei dem herrschenden Frost wäre dies ohnehin undenkbar gewesen. Wir waren auf die Ortschaften angewiesen, denn es gab keine Winterbekleidung, nicht einmal Filzstiefel für die Gefechtsvorposten und Feldwachen. Die Russen waren erheblich besser und zweckmäßiger ausgerüstet; sie besaßen wattierte oder pelzgefütterte Uniformen, dichte, filzige Mäntel, Pelzkappen und vor allem geeignetes Schuhwerk. Wir hatten uns, so gut es ging, selbst geholfen. Aus Bettzeug hatten wir Schneehemden herstellen lassen, und die Stahlhelme waren weiß gestrichen, aber das war kein Kälteschutz.
Die mangelhafte Bekleidung allein war es freilich nicht, was mich jetzt, wo die Rote Armee offensichtlich zum Großangriff antrat, bedenklich stimmte. Beim Armeeoberkommando hatte man zwar den Angriff erwartet, aber weiter im Süden, bei Artemowsk oder ostwärts Stalino bei der italienischen Division »Celere«. Oberst Metzelbrod dagegen hatte die Linie am nördlichen Donez zwischen Isjum und Liman stets für besonders gefährdet gehalten. Er hatte immer wieder Draht zur Sicherung unserer Stützpunkte, mehr Artillerie, schwere Flak zur Panzerbekämpfung und eine wirksame Reserve aus Panzern oder Sturmgeschützen angefordert. Aber woher nehmen? Der Papierkrieg der vergangenen Wochen war höchst unerfreulich und aufreibend gewesen, und Oberst Metzelbrod hatte sich in den höheren Regionen manchen Feind geschaffen.
Mittlerweile hatten sich auch das zweite und dritte Bataillon gemeldet. Auch dort beobachtete man im Schutz der russischen Feuerglocke übers Eis vorgehende feindliche Kräfte. Die siebente Kompanie hatte bereits einen Angriff in Kompaniestärke abgewiesen. Die Verluste, die das Trommelfeuer verursachte, das jetzt nach und nach das ganze Hauptkampffeld erfasste, waren nicht so hoch, wie ich insgeheim befürchtet hatte. Aber wir standen ja erst am Anfang, und zunächst gab es noch kein klares Bild.
In unser Dorf krachten die ersten Einschläge. Ein Splitter fegte durch die Tür und blieb im Lehmfußboden stecken. Schon vernahm man das Prasseln von stürzendem Gemäuer und Rufe nach den Sanitätern. Die Häuser – einstöckige Katen – waren Lehmbauten; sie schützten gegen die Kälte, aber nicht gegen Granaten.
Ich holte für alle Fälle die Stiefel des Kommandeurs aus der Kammer. Als er sie gerade an den Beinen hatte, rief Oberstleutnant Soltern an, der Ia der Division. Oberst Metzelbrod erklärte ihm die Lage, so weit sie uns selbst bekannt war. Seine Auffassung war, die feindlichen Verbände seien auf Durchbruch und Einkesselung aus. Soltern schien diese Meinung zu teilen. Der Oberst gab mir den Hörer, und ich notierte die Befehle der Division. Major Knappe sollte demnach unter allen Umständen die abgerissene Verbindung zum linken Nachbarn wieder aufnehmen.
Eine Stunde später wussten wir, dass der linke Nachbar unter starkem Feinddruck nach Südwesten zurückging, dass also die Front an dieser Stelle bereits nachgab. Unsere linke Flanke war somit offen. Major Knappe, der Kommandeur des ersten Bataillons, meldete, er habe die erste Kompanie zurückgenommen und baue mit ihr eine Flankensicherung auf, um der drohenden Umfassung zu begegnen.
Der Kommandeur war währenddessen im Schlitten nach vorn gefahren. Der Melder Janke begleitete ihn.
Solche Frontfahrten oder -gänge gehörten zu den Eigenheiten von Oberst Metzelbrod. Er unternahm sie nicht, um »nach dem Rechten zu sehen« oder jemanden bei einem Versäumnis zu ertappen. Es war bei ihm das Bestreben, die Verhältnisse persönlich in Augenschein zu nehmen, um danach die Lage zu beurteilen und seine Entschlüsse entsprechend zu fassen. Die Furchtlosigkeit, die er auf seinen Wegen zur Hauptkampflinie und gelegentlich bis zu den Gefechtsvorposten zur Schau trug, bereitete mir oftmals Sorge, und nicht nur mir, sondern auch den Bataillonskommandeuren und Kompaniechefs, die bei ihm waren. Im vergangenen Herbst, am Dnjepr, hatte der General ihn sogar einmal ermahnt, etwas weniger couragiert zu sein, da kein Überfluss an brauchbaren Regimentskommandeuren bestehe. Der Oberst hatte damals erwidert: »Herr General, mir geht es unter anderem darum, meinen Leuten zu zeigen, dass die Kugeln, die von drüben kommen, nicht nur für sie gegossen worden sind.«
Nun war er wieder unterwegs, und niemand konnte sagen, ob nicht gerade dort, wo er sich befand, ein Stoßkeil des angreifenden Feindes die dünne Front aufgerissen hatte.
Doch am Mittag kehrte Oberst Metzelbrod wohlbehalten zurück. Ich hatte tüchtig einheizen lassen, und drei Mann der Stabskompanie hatten mittlerweile im Lehmfußboden ein tiefes Deckungsloch ausgehoben.
Das Artilleriefeuer hatte nachgelassen, aber immer wieder kamen Feuerüberfälle, und Pawlowskaja wurde nicht verschont.
Oberst Metzelbrod war sehr erschöpft. Er hatte den ganzen Rückweg zu Fuß zurückgelegt. Im Schlitten hatte er Verwundete mitgebracht. Ich meldete ihm, der Ia habe mehrmals nach ihm gefragt, aber er nickte nur stumm und setzte sich an den Tisch, wo ich das Essen auftragen ließ. Später brachte Kerst Kaffee, und ich holte die Kognakflasche, die noch halb voll war.
Der Oberst zündete sich eine Zigarette an.
»Emser«, sagte er, »Emser, wir sind so weit. Man geht eben nicht ungestraft in Sommerschuhen nach Russland.«
»Geht man denn überhaupt, Herr Oberst?«, fragte ich. Ich vertraute ihm, und er schätzte die offene Rede, wie ja auch er selbst die Dinge mir gegenüber stets beim Namen nannte. »Musste man denn nach Russland gehen, Herr Oberst?«, fügte ich hinzu. Ich hatte mir diese Frage seit dem 22. Juni 1941 oft gestellt.
»Davon verstehen wir nichts«, meinte Oberst Metzelbrod, »Sie nicht und ich nicht. Das ist nicht unser Ressort. Ich führe das Regiment, und Sie sind mein Adjutant. Wir haben unseren Abschnitt zu halten, da wir nun einmal hier sind, und wir werden ihn halten, solange es menschenmöglich ist. So ist das, Emser!«
Wir kamen später noch einmal auf dieses Gespräch zurück, das heißt, ich warf meine Frage noch einmal auf, und Oberst Metzelbrod stellte die nahe liegende Gegenfrage, ob wir denn nach Hause gehen sollten …
An jenem Nachmittag aber hatten wir anderes zu tun, als grundsätzliche Probleme zu erörtern, denen wir ohnehin nicht beikommen konnten. Noch hatten die Bataillone, wiewohl sie zeitweilig in schwere Abwehrkämpfe verwickelt waren, kein Gelände aufgegeben. Man verteidigte die Unterkünfte, und die russischen Soldaten, von den Kommissaren angefeuert und vom Frost bedroht, wollten hinein. So war es. Dies war kein Krieg wie der im Sommer 40 in Frankreich; es war ein Wolfskrieg, aber es war nicht so, dass nur die anderen die Wölfe gewesen wären.
Es wurde sehr früh dunkel. Der Himmel hatte sich bedeckt. Sacht fing es an zu schneien. Im Dorf brannten zwei Häuser. Purpurner Schein rötete den Schnee und das Eis an den Fenstern.
Oberst Metzelbrod hatte soeben mit Major Knappe gesprochen. Die Störungssucher hatten die Leitung wieder in Ordnung gebracht; zwei Mann waren dabei gefallen. In die Abendmeldung hatte ich unter der Rubrik »eigene Verluste« 14 Tote und 47 Verwundete eintragen müssen. Diese Zahlen waren nicht einmal vollständig. Sie waren schlimm genug.
Die Hauptlast an diesem ersten Tag der Winterschlacht bei Isjum hatte unser linker Nachbar zu tragen gehabt. Dort hatte der Feind in Stärke von zwei Regimentern mit Panzerunterstützung angegriffen, wie man uns aus Slawiansk berichtete, und bis auf einige kleine Stützpunkte, die sich am frühen Nachmittag noch verteidigt hatten, war alles im Wanken. Der strenge Frost – wir hatten jetzt trotz der Wolkendecke nahezu 40 Grad – verschärfte die Lage erheblich. Denn die zurückfallenden Bataillone, denen der Feind mit Infanterie, Reitern und Panzern und nicht zuletzt auch mit seiner Artillerie auf den Fersen war, hatten in dem dünn besiedelten Gelände keine Möglichkeit, sich erneut festzusetzen, zumal es keine Auffangstellungen gab. Wie von Wölfen zersprengte Herden trieben sie durch die Winternacht, und Feuerschein im Westen zeigte uns, dass auch das Schicksal der Stützpunkte, die wie Inseln in der vernichtenden Flut tapfer standgehalten hatten, besiegelt war.
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