Mit hämmerndem Kopf lag sie nun im Bett und der letzte Abend lief wie ein Film noch einmal vor ihrem geistigen Auge ab. In ihrem Inneren klangen die Worte ihres Mannes nach: Er habe sich in eine andere Frau verliebt und wolle demnächst ausziehen. Wie betäubt und geschockt hatte sie vor ihm gesessen, zunächst unfähig, irgendetwas zu sagen.
Jetzt schaute sie noch einmal auf die andere Bettseite und ihr war klar, es war kein Traum. Es war wirklich passiert.
Wie in Trance stand sie nun langsam auf. Die Kinder mussten ja geweckt und das Frühstück vorbereitet werden. Als sie am Wohnzimmer vorbeikam, sah sie, dass ihr Mann, der die Nacht auf dem Sofa verbracht hatte, schon aufgestanden war. Wie benebelt schlich sie in Richtung Küche. Seine Schuhe standen nicht mehr, wie um diese Tageszeit üblich, im Flur vor der Eingangstür. Er war also schon los zur Arbeit. Sie fühlte sich gerädert, schlapp und irgendwie ausgelaugt, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Doch Leni musste sich um die Kinder kümmern. Wie automatisiert ging sie zunächst ins Bad, um sich, so gut es ging, die verheulten Augen zu überschminken, bevor sie zu den Kindern hochging und sie liebevoll weckte, wie sie es jeden Morgen tat. Sie gab sich alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen und so zu tun, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Dienstagmorgen. Aber das war es nicht. Tief in ihrem Inneren wusste sie genau, dass ab heute nichts mehr sein würde, wie es einmal gewesen war.
Nachdem sie mit den Kindern gefrühstückt hatte – oder besser gesagt mangels Appetit nur den Kindern das Frühstück zubereitet hatte und sie nun auf dem Weg zur Schule waren –, sackte Leni auf dem Küchenstuhl zusammen. Die Tränen rannen ihr nur so übers Gesicht. Verzweiflung und Ratlosigkeit machten sich in ihr breit. Was habe ich falsch gemacht?, hämmerte es immer wieder durch ihren Kopf. Ein Gedanke nach dem anderen beschäftigte sie. Was ist passiert? Wie konnte das geschehen? Fragen über Fragen, auf die sie keine Antwort wusste.
Nach einer ganzen Weile wurde ihr klar, dass sie hier nicht sitzen bleiben konnte. Sie konnte nicht, wie Tim Bendzko es gesungen hatte, »einfach frei machen«. Sie hatte eine Arbeit und es warteten Verpflichtungen auf sie, die sie einhalten musste.
Kurz überlegte sie, ob sie ihren Mann anrufen sollte, stieg dann aber doch die Holztreppe hinauf, um zu duschen. Eine gefühlte Ewigkeit ließ sie das heiße Wasser auf ihren Körper prasseln. Versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Aber das Bauchkneifen ging genauso wenig weg wie die vielen quälenden Fragen. Besonders die Frage danach, was sie getan, ja was sie falsch gemacht hatte. Am vorherigen Abend hatte sie ihrem Mann diese Fragen bestimmt acht Mal gestellt, aber er hatte immer wieder beteuert: »Nichts, du hast nichts falsch gemacht. Es ist einfach passiert.«
Einfach passiert, dachte sie. »So was passiert doch nicht einfach!«, sprach sie ihren Gedanken nun laut aus.
In Gedanken versunken begann sie sich abzutrocknen und das rot geschwollene Gesicht und die Augen ein weiteres Mal, so gut es ging, zu schminken. Ja, sie konnte ein wenig von ihrer Traurigkeit kaschieren, aber wer genau hinsah, erkannte die dicken Augenringe. Doch es nützte nichts, sie musste sich langsam fertig machen. Im Büro erwartete man sie, und sie wusste, dass dort viel zu tun war.
Behutsam lenkte Leni ihren Kleinwagen aus der Garage und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Bloß kein Aufsehen erregen, nicht dass noch jemand sie fragte, wie es ihr gehe. Das wäre jetzt die Hölle für sie.
Während sie die Auffahrt hinunterrollte, kamen die Erinnerungen hoch. An die Zeit, als sie zusammen mit ihrem Mann das Haus geplant und gebaut hatte. An den Tag, an dem sie gemeinsam den Vorgarten gestaltet hatten. Wieder kamen ihr die Tränen. Leni stoppte kurz, wischte sie ab und fuhr dann gleich wieder los.
Wie automatisiert bog sie links auf die Straße ab und nahm den gewohnten Weg zur Arbeit – zunächst durch die Stadt und dann über eine Landstraße, die in den benachbarten Ort führte.
Ein paar Kilometer hinter der Ortsausfahrt registrierte sie plötzlich eine Weggabelung. Irritiert überlegte sie: Den Weg kenne ich ja noch gar nicht. Warum ist er mir bisher nie aufgefallen? Sie sah sich um, schaute in alle Richtungen, um sich zu vergewissern, dass sie sich auf der richtigen Straße befand. Ja, sie war auf der Straße, die sie seit mehr als sechs Jahren jeden Morgen und jeden Mittag auf dem Weg zur Arbeit und zurück befuhr. Sie wohnte schon so lange in dieser Gegend, aber diese Abzweigung war ihr noch nie aufgefallen. Verwirrt bremste sie vor der Gabelung leicht ab. Dann glitt ihr Blick zur Uhr.
Sie hatte, wie jeden Morgen, mehr als genug Zeit. Leni war immer gern rechtzeitig an ihrem Arbeitsplatz. Niemand sollte ihr je nachsagen können, dass sie auch nur ein einziges Mal zu spät gekommen sei. Es könnte ja unterwegs auch mal etwas passieren, was sie aufhalten würde.
Ohne groß über ihre Entscheidung nachzudenken, lenkte sie ihren Wagen an der Gabelung nach links, um herauszufinden, wohin der Weg führte. Kopfschüttelnd, weil sie sich absolut nicht an diesen Weg erinnerte, fuhr sie weiter. Die Straße wurde nach kurzer Zeit etwas schmaler und führte leicht bergauf an einem großen Rapsfeld und einer mit verschiedenen Blumen übersäten Wiese vorbei.
Schon nach kurzer Zeit bog der Weg noch einmal links ab und schlängelte sich den Hügel hinauf. Oben angekommen, befand sich auf der rechten Seite eine kleine Parkbucht. Leni entdeckte eine Holzbank sowie einen kleinen Grillplatz. Kurz entschlossen hielt sie den Wagen an, stieg aus und war verblüfft, was für einen schönen Ausblick man von hier über das Tal hatte. Warum hatte sie das nicht gewusst? Warum war sie bisher noch nie hier gewesen?
Der leichte Wind, die Sonne am strahlend blauen Himmel und das leise Rascheln der Blätter einer großen Kastanie am Ende der Parkbucht taten ihr gut. Sie atmete zwei Mal ganz tief durch.
Plötzlich sagte eine Stimme hinter ihr: »Guten Morgen, genießt du auch eine kleine Auszeit?«
Als Leni sich umdrehte, sah sie auf der Holzbank eine alte Frau sitzen. Wo kommt die denn auf einmal her?, fragte sie sich. Eben war die Bank doch noch leer gewesen, als Leni ihr Auto angehalten hatte. Aber das Lächeln der Frau war so freundlich und einladend, dass sie nicht unhöflich sein wollte. »Guten Morgen«, erwiderte sie. »Nein, ich weiß auch nicht, eigentlich bin ich auf dem Weg zur Arbeit und war gerade über mich selbst erstaunt, dass ich diesen schönen Platz gar nicht kenne. Und das, obwohl ich schon so lange in dieser Gegend lebe.« Sie sog noch einmal die frische Luft in sich ein. »Sie sind nicht von hier, oder?«, platzte es plötzlich aus ihr heraus, denn sie kannte die Frau nicht. Und sie kannte sonst fast jeden hier in der Umgebung, zumindest vom Sehen. Sie lebten ja schließlich auf dem Land. Dann registrierte sie neben der Frau einen auffälligen roten Rucksack, der irgendwie so gar nicht zu ihr passte, weil sie eher unauffällig gekleidet war. Leni ertappte sich dabei, für einen kleinen Moment in sich hineinzuschmunzeln.
»Ich komme öfter mal hierher, wenn dieser Ort mich braucht«, sagte die alte Frau. »Übrigens, ich heiße Samira.« Sie streckte Leni ihre rechte Hand entgegen und forderte sie mit einer einladenden Geste auf, sich neben sie zu setzen.
»Eh, oh, ja, ich bin Leni«, stotterte Leni und dachte: Was für ein komischer Tag heute! Sie nahm neben der Unbekannten Platz. »Ich weiß«, hörte sie diese sagen. Leni stutzte. Woher kennt sie mich?, überlegte sie. Sie war sich sicher, die alte Frau noch nie in ihrem Leben gesehen zu haben.
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