Betrachtet man die dialektischen Verhältnisse ihrer autobiographischen Reise von »reel« (der Filmrolle) zu »real« (dem wahren Selbst) genauer, so liegen ihre Haltungen als Materialistin und kulturelle Feministin nicht so weit auseinander. Obwohl Annies sexuelle Prägung dem gehorchte, was Williams den »Willen zum Wissen / zur Macht« der westlichen scientia sexualis 29, die dem Ethos der Hardcore-Pornographie zugrunde liegt, nennt, machte Sprinkle letztendlich starke Anleihen bei der fernöstlichen ars erotica, die darauf abzielt, »das Allgemeinwissen der Erfahrenen an die zu Initiierenden weiterzugeben« 30.
Williams führt aus: »Michel Foucault unterscheidet in Sexualität und Wahrheit hauptsächlich zwischen zwei Arten der Organisation des sexuellen Wissens. Wo antike und nicht-westliche Kulturen das Wissen des Sex um eine erotische Kunst, oder ars erotica herum organisierten (…), ohne die Einzelheiten dieses Wissens zu spezifizieren oder klassifizieren, haben die modernen westlichen Kulturen zunehmend eine scientia sexualis konstruiert – eine Hermeneutik des Begehrens, die auf die immer akribischere Erforschung der wissenschaftlichen Wahrheiten der Sexualität abzielt. Die scientia sexualis konstruiert, wie Foucault behauptet, moderne Sexualitäten entsprechend dem Zusammenschluß von Macht und Wissen, der die meßbaren und gestehbaren
Wahrheiten
einer Sexualität, die die Körper und deren Begehren beherrscht, untersucht.« 31
Während Annie die Prinzipien der scientia sexualis mit Auftritten wie Nurse Sprinkle’s Sex Education Class und bis zu einem gewissen Grad auch in A Public Cervix Announcement verulkt, scheint sie die mystische Überschwenglichkeit der Philosophie der ars erotica aufrichtig zu vertreten. Ihre Behauptung, einen Gebärmutterhals könne man niemals entmystifizieren, erinnert an den Mythos der Ur-Mutter, was in ähnlicher Weise auch für ihr Masturbationsritual gilt. Statt sich aber in materialistische und essentialistische Sackgassen zu verirren, gelingt es Annie, beide Positionen miteinander zu versöhnen, was sie letzten Endes zu einer anti-essentialistischen Essentialistin macht.
Der Titel ihrer jüngsten Performance, Herstory of Porn – From Reel to Real, setzt auf vielfältige Weise diese historische Bedeutung und das subversive Potential alternativer feministischer Pornografie in Szene, einer Pornografie, die interaktiv, humorvoll und im geistigen Sinne therapeutisch wirkt, da sie sehr viel stärker darauf abzielt, zu heilen und zu erziehen als zu erregen. In einem siebenteiligen Szenario, das Annie mit den sieben Chakren vergleicht 32, dokumentiert Sprinkle ihre fünfundzwanzig Jahre in der Porno- und Post-Porno-Industrie, sowie ihren Übergang von der scientia sexualis zur ars erotica, vom in der Pornografie üblichen »Wahn der Sichtbarkeit« – einer Dramaturgie, die ihren Höhepunkt stets im
cum-shot
oder
money-shot
eines ejakulierenden Penis findet – hin zu sinnlicheren, weniger realistischen pornografischen Genres. Sprinkle beobachtet sich selbst bei ihren Auftritten in Dutzenden von Hardcore-Filmen und erzählt in trockener Brechtscher Manier in chronologischer Abfolge von ihrer Entwicklung vom angehenden Pornostar zur Doku-Pornografin, immer in dem klaren Bewußtsein, daß sie selbst als Star ihrer eigenen New-Age-Pornofilme lediglich als Repräsentation ihrer selbst dargestellt ist. 33Aber auch in dem Einvernehmen, daß ihre Performance ein gewisses Maß an schamanistischem Leiden erfordert.
Herstory of Porn – das Annies langjähriger Freund und Mitarbeiter Emilio Cubeiro 1999 inszenierte und in San Francisco, New York, Chicago, Ohio und Texas ebenso wie in Frankreich und Holland aufgeführt wurde – ist in vielerlei Hinsicht eine »Neuauflage« von Sprinkle. Wie immer behält Annie eine ironische Distanz zu ihrer Performance sowie auch die Kontrolle über die Produktionsbedingungen. Aber diesmal präsentiert sie nicht nur ihren eigenen Bühnenauftritt, sondern auch den ihres Doubles, vermittelt durch ihr auf Zelluloid gebanntes jüngeres Selbst in Hardcore-Filmen. Eine frühere Fassung von Herstory mit dem Titel Hardcore from the Heart folgte einer ähnlichen Idee, ließ aber die Ausgereiftheit und Prägnanz von Cubeiros Inszenierung vermissen. Wenn die Leinwand-Elemente bei Herstory die stereotypen Mechanismen der Hardcore-Pornografie aufzeigen, nach denen Männer handeln und Frauen erscheinen, erkundet Annie auf der Bühne die Strategien und die Metaphysik ihres Übergangs von der Pornografie zur Kunst, von der Jugend zur Reife, von der Heterosexualität zur Metamorphosexualität. Herstory ist keine Performance im traditionellen Sinne, vielmehr lädt uns Annie ein, Zeugen eines rituellen Wandels zu werden: auf die holprigen Pfade durch verschiedene Identitätsstrategien.
Annie beschwört in »Post-Porn Modernist«
Die Legende der heiligen Hure aus alter Zeit
herauf. Foto: © Dona Ann McAdams
Das P.S. 122, wo Herstory aufgeführt wurde, als ich es im Frühjahr 1999 sah, wurde in ein Pornokino mitsamt zwei Popcornständen links und rechts der Sitzreihen verwandelt. Vor den Sitzen befindet sich eine Kinoleinwand, flankiert von Vorhängen. Im Verlauf der Performance führt uns Annie ins Pink Pussy Cat Sinema (Hollywood), das Mitchell Brothers Theatre (San Francisco), das Orleans Theater (New York City), das New Age Sex Multiplex (Taos, New Mexico), das Museum of Modern Art (New York City), das Sappho Film Co-op (Northampton, Massachusetts) und wieder zurück zum Performance Space 122, New York City, wo sich Annies Kreis an einem »Ort des Mitgefühls und der Akzeptanz« 34schließt. Aber Herstory gehört auch zu Annies kühnsten Versuchen als transmedialer Künstlerin, kreative autobiografische Risiken auf sich zu nehmen. Die dramatische Spannung entsteht durch die vielschichtige Gegenüberstellung von Annies Film-/fetischisierten Bildern auf der Leinwand, die innerhalb der Porno-Industrie entstanden, und ihren ebenso künstlichen Bühnenrollen, die wiederum auf die Bilder, die sie zum Porno-Star machten, reagieren. Das radikalste Element dieser Veranstaltung ist nicht der pornografische Inhalt der gezeigten Filmclips, sondern vielmehr die Kühnheit und die Angreifbarkeit des Gesprochenen. Die Vielstimmigkeit des Erzählten – Marla Carlson sprach von der »Vielzahl von Sprachgemeinschaften, innerhalb derer sie agiert« 35– läßt ein faszinierendes Spiel von Distanz und Nähe zum Publikum entstehen. Annies Publikum setzt sich aus alten Pornofans aus ihrer Varieté-Zeit, Paaren aus den Vorstädten, die ihre Real-Sex-Auftritte im Fernsehen gesehen haben, feministischen Akademikerinnen und Sex-Arbeiterinnen, sowie einer jüngeren, pro-sexuellen, pro-pornografischen Generation weiblicher Fans zusammen, die ihre Arbeit an Universitäten kennengelernt haben.
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