Still hörte Rosa zu, nur ein wenig bleicher wurde sie. Jetzt biss sie energisch das Ende eines Fadens ab, um ihn in die Nadel zu fädeln, und sagte leise: »Gut, ich werde gehen.« Dann nähte sie.
Verblüfft schaute Herr Herz sein Kind an. Was war denn passiert? Die blasse, ergebene Rosa ward ihm unheimlich; er verstand sie nicht mehr. Alles gab sie auf und wollte gehen?
Agnes Stockmaier kündigte mit Grabesstimme an, die Suppe warte. Rosa faltete ihre Arbeit zusammen, glättete sich mit den Handflächen das Haar und trat zu ihrem Vater: »Komm«, sagte sie und umschlang ihn; »sei nicht betrübt, es wird alles gut werden.« Dabei lächelte sie ein so verständiges, tröstliches Lächeln, dass es dem alten Ballettänzer warm ums Herz wurde und er bewundernd zu seiner Tochter sagte: »Weißt du, Kind, wie du heute ausschaust? Wie eine Madonna.«
Die Überzeugung, dass alles gut werden würde, hatte sich Rosa nicht ohne Kampf errungen. Mitten in der Nacht war sie endlich zur Klarheit, wie sie meinte, über ihre Lage und zu einem festen Entschluss gelangt.
Während es ringsum still und finster war und nur die Turmuhr des Gymnasiums ihr melancholisches Bimbam herübersandte, hatten Furcht und Verzagtheit Rosa ergriffen; Ambrosius wird sie doch verlassen. Die Schank und Lanins werden doch recht behalten, und alles – alles wird vorüber sein! Ihr Leben gestaltet sich dann noch leerer und qualvoller. Sie wird verachtet, verspottet. Niemand geht mit ihr um. Oder sie muss fort – in die Fremde – muss Kinder spazierenführen und waschen. O nein! Nie!
Angstvoll saß Rosa in ihrem Bette auf. Sie konnte nicht so ohne weiteres ihre Hoffnungen fahrenlassen. Endlich mussten doch auch die Festtage ihres Lebens kommen! Wieder zu den unklaren, schwermütigen Träumereien eines armen Mädchens zurückkehren, sich wieder unter die Sittenregeln der Schank beugen; wieder immer nur andere beneiden, nur heimlich wünschen, das konnte sie nicht. Alles, was sich in einer jungen Seele nach Genuss sehnt, kochte in Rosa auf. Fiebernd und weinend bohrte sie ihren Kopf in die Kissen und stöhnte: »Amby – Amby!« Das arme Kind hielt Ambrosius für die Verkörperung ihres Glückes, für den Türhüter ihres Paradieses. Mit ihm stand und fiel das Glück. – Er wollte fort? – Gut, sie auch. Er liebte sie ja; er hatte es ihr versprochen, sie in eine große Stadt zu bringen. Dort durfte niemand sie stören, dort – dort – würde das große, schöne, einzig ihrer würdige Leben ihnen weit die Tore öffnen. Das war es! Der einzige Ausweg war gefunden, und nun arbeitete sie ihren Plan aus. Ganz genau; nichts ward vergessen. Die Rede, die sie Ambrosius halten wollte, die Vorwände, unter denen sie, am Abend der Flucht, den Vater entfernen würde, die Kleider, die mitzunehmen waren – den Brief, den ihr Vater am Morgen nach der Flucht in ihrem Zimmer finden sollte. – Alles überdachte sie, und als die Sonne ins Zimmer schien, erhob sich Rosa, nach der schlaflosen Nacht bleich und müde, aber ruhig und entschlossen. Sie bestellte Ambrosius für den Abend zum Trödler. »Es hängt alles davon ab, dass ich dich heute sehe«, schrieb sie…
Um die Zeit des Sonnenunterganges ging Rosa fort. »Bleibe wenigstens nicht zu lange aus!« rief ihr Agnes nach. – Wenigstens! Das verdroß Rosa. Es war wohl an der Zeit abzureisen; alle, selbst Agnes, verletzten sie und sagten ihr unangenehme Dinge. – Von der Herzschen Wohnung bis zum Trödler war es nicht weit, nur eine Straße brauchte man hinabzugehen – und doch! – wieviel Widerwärtiges sich auf solch einem kleinen Stück Weg ereignen kann! Als Rosa aus dem Hause trat, ging der Sekretär Feiergroschen an ihr vorüber.
Er blieb stehen, lächelte süß und sagte »Guten Abend«. Dabei winkte er mit der flachen Hand einen Gruß und nahm den Hut nicht ab.
»Eine Unverschämtheit«, sagte sich Rosa und dankte nicht für den Gruß. Kaum war sie wenige Schritte gegangen, als Lanin und Klappekahl ihr entgegen kamen; sie richtete sich stramm auf, biss sich auf die Unterlippe und machte ihr hochmütiges Gesicht. Die Herren waren in ihr Gespräch vertieft und schrien laut; als Rosa aber an ihnen vorüberging, schwiegen sie plötzlich; Klappekahl wandte sich ab und sagte ein gedehntes Ja, das nicht zur Sache zu gehören schien, Lanin aber sah das Mädchen scharf an und grüßte nicht. Rosa ward rot und stieß ihren Sonnenschirm grimmig auf die Steine. Konnte sie sich denn nicht mehr zeigen, ohne gekränkt und gedemütigt zu werden? Gott sei Dank, da war das Trödlerhaus schon! Wer bog aber dort um die Ecke? Wieder ein Bekannter? Meiner Seel, der junge Toddels! Wird er grüßen, oder wird er es auch wagen…? Nein, er grüßte schon von weitem, zog tief seinen Hut ab, rief »Guten Abend, reizendes Wesen«, und zwei Finger an die Lippen drückend, warf er Rosa eine Kusshand zu. Das war zuviel! Rosa traten die Tränen in die Augen, und sie begann zu laufen. Sie wollte es Ambrosius klagen, er musste sie schützen, sie fortnehmen aus diesem Ort, wo man sie zu Tode folterte.
Hastig stieß sie die Türe zur Trödlerwohnung auf. »Ist der junge Herr da?« rief sie Ida zu.
»Ja, Fräulein Rosa; der junge Herr ist draußen im Laden beim Vater.«
»Ruf ihn!«
Ungeduldig trommelte Rosa mit den Absätzen. Wo blieb er nur? Es war sonst niemand im Gemach, selbst die alte Jüdin fehlte. Die Fenstervorhänge waren herabgelassen, auf dem Tische stand ein Strauß von Astern und wohlriechenden Erbsen, das Bett in der Ecke war mit frischem Leinenzeug überdeckt. Das dunkle, unreinliche Gemach schien heute einen Versuch gemacht zu haben, festlich auszusehen. Lag es nun am Strauß auf dem Tische oder am reinen Bettzeug – es missfiel Rosa, sie wusste nicht warum.
Da Ambrosius noch säumte, zog sie sich ihren Mantel aus, legte ihren Hut ab, schaute sich nach einem Spiegel um – dort auf dem Tische stand ja einer, ein kleiner alter Spiegel mit abgeriebenem Goldrahmen. Er lehnte sich an einen Stoß Bücher und war mit bunten Bonbonpapieren geschmückt, wie Ida sie zu sammeln liebte. Vor dem Spiegel lagen ein Stecknadelpolster und ein Kamm, dem die Hälfte seiner Zähne fehlte. Seltsam. Wozu diese Vorbereitungen? Rosa dachte nach… – Endlich kam Ambrosius in einem neuen hellen Anzug, das Haar sorgfältig gebrannt, die Wangen rot, ein heiteres, sorgloses Lächeln auf den Lippen. »Nun Schatz! Wir haben uns lange nicht gesehen!« rief er munter und breitete seine Arme aus. Stürmisch warf sich Rosa in diese Arme. Jetzt hielt sie ihn, jetzt war er wieder da, mit seinem guten, leichtfertigen Gesicht, mit seiner lustigen Stimme, die alle Widerwärtigkeiten wie einen Spaß besprach, über den man zusammen kichert.
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