Mein Großvater väterlicherseits war einem solchen Güterschlächter in die Hände gefallen. Bauer in Seiffersdorf, vielleicht fünfzig Kilometer von Neiße, aber zur nächsten Kreisstadt Grottkau gehörig, mit etwa sechzig Morgen Acker. Als Schulze im Dorf hatte er seinem Nachbar einen Gefälligkeitswechsel unterschrieben. Später zur Schuldenzahlung mit herangezogen, ließ er sich auf Hypothekeneintragung und ähnliches nicht ein, was ihn bis ans Ende des Lebens in Schulden gehalten hätte. Lieber ließ er Hof und Haus versteigern, verlor sein Schulzenamt und ging als Arbeiter in die im Dorf ansässige Zuckerfabrik. Ich bin als Kind mehrmals dort gewesen zu Besuch. Er war mit der Großmutter eingemietet bei einem Häusler und betreute die Bewässerungsrinnen für die Wiesen der Fabrik. Von seinen beiden Söhnen hätte er keine Unterstützung angenommen. Eine Tochter war an den Schlächter im Dorf verheiratet, ein halbes Dutzend Enkelkinder; ich wurde bei der Tante untergebracht und mitbetreut. Mit dem Onkel fuhr ich dann über Land Kälber einkaufen.
Ich erinnere mich an den Großvater, der im Dorf der „polnische Josef“ genannt wurde und damals schon über siebzig Jahre alt war, besonders deswegen, weil er einmal im Jahr zu Ostern nach Neiße kam. Wahrscheinlich einem Gelübde folgend, kam er den langen Weg, nachdem er am Abend des Karfreitags in Seiffersdorf aufgebrochen war, oft noch bei Schnee und Eis barfuß nach Neiße, die Stiefel über den Rücken gehängt. Ich war mit meiner Schwester am Eingang der Bechauer Chaussee nach der Stadt aufgestellt, wo wir ihn erwarteten. Er traf in den frühen Nachmittagsstunden des Samstags ein und wurde von uns nach Hause gebracht, wo sich dann die Familie feierlich zum Essen versammelte.
Er beachtete meine Mutter überhaupt nicht, die Mutter kam auch niemals nach Seiffersdorf. Mit dem Vater sprach er gerade das Notwendigste, sonst blieb er einsilbig und abweisend. Warum er nach Neiße kam und den Vater besuchte, weiß ich nicht – wahrscheinlich ist er mit der Uhrmacherei nicht einverstanden gewesen. Wie ich so hörte, sollten die Söhne Lehrer werden; wenigstens einer, aber dazu reichte das Geld nicht mehr. Der Großvater blieb die Tage über im Haus. Er ging nicht auf die Straße und auch nicht in die Kirche.
Er blieb in einem Winkel sitzen und sah meist starr vor sich hin, ein großer starkknochiger Mann, die schwere Joppe bis zum Hals zugeknöpft. So wird er auf der Wiese gestanden sein, das Wasser fließt über die Rinne. Wie das Wasser, so verrinnt die Zeit, die Hoffnungen und Erwartungen eines Lebens. Das Wasser tropft auch auf die gelben Sumpfdotterblumen und vereinzelte Vergissmeinnicht. Gedanken wird er sich darüber nicht gemacht haben.
Trotz alledem – ich bin in der Welt herumgekommen und könnte eine Reihe von Städten aufzählen, für die es sich verlohnen würde, Erinnerungen zu bewahren an Landschaft und Leute und einige Besonderheiten; im Grunde … Neiße gehört nicht zu diesen Städten. Enge Straßen, die konzentrisch zu einem Marktplatz laufen, dem Ring, Promenaden schon mehr an der Außenseite, ein Damm längs des Neiße-Flusses zwischen den beiden Brücken, die Kette der Sudetenberge bei klarer Sicht und nach Osten und Westen hin Flachland, Wiesen und Äcker. Vorgeschoben der Soldatenstadt nach dem Flachland hin ein Netz von Festungswällen, Wallgräben und Redouten, für Spaziergänger freigegeben, aber nicht zum Spielen für die Kinder – dort blühen im März in großen Büschen die weißen und blauen Veilchen und vorher noch die Schneeglöckchen. Dammwege, die in der Richtung zum Flusswehr, Übungsplatz für das Pionier-Bataillon, in eine Art Stadtwald gelangen. Die Biele, die hier in die Neiße mündet, fließt in mehreren Armen durch das Stadtwäldchen und kanalisiert eine Wiese, auf der im Winter Schlittschuh gelaufen wird.
Es gibt in dieser Landschaft nichts besonders Erinnernswertes … außer einer der mit Kiefern bewachsenen Anhöhen im äußeren Festungsgürtel. Der Kieferduft an heißen Sonnentagen, das Gras und die Feldblumen, kleine blaue Falter und Grashüpfer und die Ameisen im Teppich der Kiefernadeln vom Sommer vorher. Ich brachte dorthin das weiße Kaninchen, das ich die Schulferien über behalten durfte. Sobald die Ferien zu Ende waren, wurde das Kaninchen wieder weggegeben.
In Neiße hat es angefangen
Die Erinnerung ist das, was sich abgesetzt und bereits eingefressen hat, die ganzen Jahre über mitgewachsen und eingekerbt, Jahresringe. Vergangenheit allein verliert an Interesse, zumal es sich nicht vermeiden lässt, dass sie zumeist irreführend akzentuiert wird. Das zeigt sich in besonders eindringlicher Form in der Geschichte der Menschen als einer der bekannteren Lebensstufen unter tausend ähnlichen Entwicklungsphasen. Jeder weiß, wie verwirrend das sein kann, denn der Mensch steht nicht an der Spitze der Lebewesen.
Was zählt, ist das, was – wenngleich noch so entfernt – Gegenwart geblieben ist. Was sich in eine neue Gegenwart zurückrufen lässt, bunter und ständigem Wechsel unterworfen. Das was missverstanden worden ist oder überhaupt nicht verstanden. Das was so wehgetan hat und jetzt plötzlich explodiert in einer Hochspannung von Glück. Eine neue Gegenwart, tiefer verwurzelt in der Vorstellungswelt alles Lebenden, die in unser Dasein hinein die Zukunft spiegelt.
Ich meine diese Gegenwart, die ich vielleicht zurückzurufen in der Lage bin.
Es wird noch im ersten Lebensjahr gewesen sein, in dem schmalen Frontzimmer mit dem einen Fenster, allgemein Berliner Zimmer genannt. Längs der rechten Wand war die Krippe aufgestellt, das schmale Bett, das vielleicht schon etwas größer gewesen sein mag als die Krippe, und an der gegenüberliegenden Wand über dem Sofa mit dem Tisch davor, an dem in den späteren Jahren die Mahlzeiten eingenommen wurden … an dieser Wand hing das Bild, das eine Landschaft darstellen sollte, sicherlich ein billiger Kunstdruck. Dieses Bild hat sich mir tief eingeprägt. Die Farben, die Umrisse, die Figuren … sind schärfer geworden, von Jahr zu Jahr, leuchtender und zwingender. Es wäre vergeblich, dem entfliehen zu wollen oder zu vergessen; die neue Gegenwart holt den Zögernden ein.
Ich weiß heute, wenn ich noch einmal das Bild im Glanz der Breite und Tiefenperspektive ganz in mich aufnehmen werde, so wird dies bei vollem Bewusstsein der letzte Anblick meines Lebens sein. Ich gestehe, dass ich einer solchen Möglichkeit oft genug ausgewichen bin. Ich hätte diese Landschaft sehen können in den Fjorden im nördlichen Norwegen, an der italienischen und französischen Riviera, auch bei Loctudy in der Bretagne, besonders aber an den oberitalienischen Seen und im Tessin … eine Landzunge, die sich in eine Bucht vorschiebt, der breite Horizont als Hintergrund, See im Rückspiegel des Lichts, die Sonne wird hinter den Bergen stehen. Schon mehr nach dem Vordergrund zu Tupfen von weißen Wolken im Blau.
Von der Landzunge steigt nach rechts ein Weg auf zu einer Anhöhe, anschließend eine Welle von Hügeln, die Bucht abzuschließen. Oben wird der Weg weitergehen, an einer Reihe von kleinen Häusern entlang, ausgerichtet in Linie, die Fronten weiß, die Dächer flach mit rotem und blauem Rand.
Es wird an einem Feiertag gewesen sein, an einem Sonntagvormittag, frischer Glanz ist noch ringsum. Aus einem Einschnitt hinter der Landzunge ist ein langes Boot in die Bucht hinausgefahren. Man sieht, wie es eben die Spitze der Landzunge umfahren hat und jetzt in der freien See aufzukreuzen beginnt. Geputzte Menschen sitzen in dem Boot, stehen und schwenken die Hüte und Tücher. Es ist Musik im Boot, Geigen – Guitarren – Blasinstrumente, man sieht das nicht, ich erinnere mich nicht … aber sie singen, die Gäste, die Ausflügler; das weiß ich.
Es wäre gar nicht nötig gewesen, dass ich die längste Zeit Umwege gemacht habe, diese Landschaft zu meiden, oder wenn ich schon davor gestanden bin, die Augen fest zu schließen. Das sind die Missverständnisse. Das Bild ist längst nach innen geschlagen, Teil einer Lebensfunktion, die nicht einmal mehr besonders interessiert. Ich muss sowieso damit fertig werden, wenn es so weit sein wird. Es liegt mir außerdem nicht. Ich liebe die Leere und die Weite, wo man nicht mehr über die Menschen, sondern über Dämonen stolpern wird. Ich liebe die Wüste, die Dürre, das Aufbäumen vor dem letzten Atemzug, die Revolte in der Wurzel, deren Stauden und Blätter oben bereits abgestorben sind. Und ich liebe die großen tiefen Wälder, in deren Dunkel ich mich verlieren will.
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