Dada, der eine Zeit lang die intellektuelle Elite, das ist die geistige Oberfläche, zu beschäftigen schien, ist in Wirklichkeit in die Geisteshaltung dieser Schicht nicht sehr tief eingedrungen und hat auch keinerlei Spuren hinterlassen. Was heute noch aus dieser Übergangszeit zur Revolution als Dadaismus, das ist die Bereitschaft zur Revolution, bezeichnet wird, trägt diesen Namen zu Unrecht. Als der offizielle Dadaismus in Deutschland auf das Podium vor die Öffentlichkeit trat, war die Revolution vorbei; sie war bereits vor der Ausrufung zur Republik gescheitert. Von diesem Dadaismus der zwanziger Jahre habe ich keine Vorstellung. Ich hatte nach dem Umsturz keine Verbindungen mehr. Ich habe weder in diesen Zeitschriften noch an den Veranstaltungen teilgenommen.
Es mag mir erlaubt sein, noch einige Bemerkungen über die dadaistische Bewegung in den letzten Monaten vor Kriegsende anzufügen, so wie wir sie damals gesehen haben, ehe sie von den Historikern fixiert worden ist; ich spreche nicht für andere, nicht aus einer Gruppe oder Bewegung heraus, sondern allein für mich selbst und aus meiner eigenen Beurteilung.
Ich halte Raoul Hausmann für den begabtesten dieser intellektuellen Provokateure, ein ausgezeichneter Maler und ein sehr beweglicher abstrakter Philosoph, der sich mit Astronomie und Mathematik ebenso ernsthaft beschäftigte wie mit dem Versuch, eine neue Herrenmode zu kreieren. Zwischendurch hatte er in dem Architekten Baader einen Ober-Dada erfunden.
Ob Baader tatsächlich Architekt gewesen ist und Grundstücke verkauft hatte, die ihm nicht gehörten, so dass er, um den daraus sich ergebenden Schwierigkeiten zu entgehen, ins Militär verschwinden musste, weiß ich nicht. Als durch Zeugen belegt mag gelten, dass er in Brüssel vor der Front einer Landsturm-Kompanie nach dem Kaiser Wilhelm gerufen hat, dem er den Befehl von Gott auszurichten habe, sofort Frieden zu schließen. Er wurde noch am gleichen Tage nach Deutschland abtransportiert und wahrscheinlich in ein Irrenhaus gesteckt. Er hatte eine Frau und vier Kinder, die allerdings niemand von uns je gesehen hat.
Hausmann, der in der Nähe von Steglitz sein Atelier hatte, trieb ihn dort in dem unbebauten Hügelgelände eines Tages auf, Baader als Prophet, umgeben von einer Reihe älterer Männer und Frauen, denen er von der Armee des Einen predigte, der alle anderen Armeen, wenn die Zeit gekommen sein wird, zerschmettern wird, er, Baader, selbst dann als der Feldwebel vom Dienst.
Hausmann hat ihn mit ins Atelier genommen und dort ihn zum Ober-Dada modelliert. Welche Mittel und Exerzitien Hausmann angewandt haben mag, weiß ich nicht.
Hausmann schob diesen Baader, einen sonst harmlosen und freundlichen Mann, etwas schwachsinnig und zum Verwechseln ähnlich dem Zigarrenhändler an der nächsten Straßenecke, als Dummy vor sich her, als Punching-Ball. Baader bewegte sich und sprach nur, was Hausmann ihm eingetrichtert hatte.
Das Meisterstück lieferte Baader, als er von Hausmann und anderen Instruktoren umgeben auf der Straßenbahn nach Steglitz den Reichstagsabgeordneten Philipp Scheidemann erspähte. Scheidemann blieb auf der hinteren Plattform der Bahn durch Baader und seine Gefolgschaft eingeschlossen. Baader, der sich einen pastoralen Vollbart zugelegt hatte, hielt eine Ansprache, mit einer dröhnenden Stimme, die straßenweit zu hören war, und ernannte Philipp Scheidemann zum Ehren-Dada. Scheidemann wusste nicht, wie sich verhalten – schließlich sprach das „Volk“ zu ihm, er war sehr verlegen, und es dauerte geraume Zeit, bis er entweichen konnte. Wenige Wochen darauf wurde Philipp Scheidemann zum Reichskanzler der Republik ausgerufen; der Anschluss Dadas an die Revolution war hergestellt. Ich möchte hier aus der Ankündigung eines Buches von Raoul Hausmann, „Heute und Übermorgen“, zitieren, für das wir Subskriptionen werben wollten. Auf über 500 ausgesandte Briefe und Werbeschreiben sind nur drei Antworten eingegangen. Daraufhin, fürchte ich, wurde das Buch erst gar nicht geschrieben. Ich zitiere: „Der Mensch erlebt vielerlei Arten von Zeiten, vielleicht eigene und fremde. Die Zeit der Felsen ist eine andere als die des Meeres, die Zeit der Pflanze ist verschieden, und der Mensch erlebt sie verschieden bei Regen oder Sonne, bei Kälte und Wärme. Dieses Zeiterlebnis in den täglichen und körperlichen und seelischen Beziehungen der Menschen zueinander und wiederum des Einzelnen aus diesem Beziehungsvorgange zu sich selbst, gilt es darzustellen.“ Und „Geschlechtliches erlebt sich kaum anders als etwa Holz sägen. Die übliche Vorstellung von der Schamhaftigkeit wird nicht außer acht gelassen, sondern stark verletzt. Die Schamlosigkeit ist nicht das Programm des Buches, sondern die selbstverständliche Voraussetzung einer menschlichen und künstlerischen Einstellung.“
Das eigentliche Zentrum unserer Spielart einer provokativen Gesinnung war die Zeitschrift „Neue Jugend“. Sie erschien im Großformat, ähnlich der Londoner Times, in der Zeit der Papierbeschränkung und des Verbotes neuer Publikationen eine beachtliche Leistung. Bald in Vier-Farben-Druck, bald auf schwarzem Papier mit weißen Lettern, eine Augenweide. Wir riefen darin auf über eine Zentralstelle mit fiktiver Adresse zur Sammlung von Lebensmittelkarten für die Kriegsgefangenen: Das hungernde Deutschland wird die Not seiner Feinde nicht vergessen. George Grosz verbreitete sich darin über die psychologische Notwendigkeit des Radfahrens: Ohne Radfahren keine Politik.
Die Seele des Ganzen aber war Jonny Heartfield. Unvorstellbar, noch in der Erinnerung, was Jonny geleistet hat. Wir konnten das Manuskript immer nur stückweise setzen lassen und bei verschiedenen Druckereien abziehen. Selbstverständlich hatten wir für die Zeitschrift keine Lizenz und auch keine echte Verlagsadresse. Wir täuschten den Drucker ebenso wie die Polizei. Jonny brachte es fertig, trotzdem Exemplare an die größeren Kioske zu bringen, die Leute nahmen es allein schon wegen der äußeren Aufmachung; außerdem stand nichts vom Frieden darin – das Einzige, worauf die Polizei Jagd machte. Trotzdem mussten die Exemplare etwa im Laufe einer Stunde verkauft sein. So lange brauchte die Polizei, um die Beschlagnahme-Verfügung in die Hand zu bekommen. Im Gesamtverhältnis sind nur eine geringe Anzahl von Exemplaren jeweils beschlagnahmt worden. Die meisten verteilten wir unter der Hand oder verschickten sie mit der Post, wohlverwahrt in den Umschlägen des „Seedienstes“.
Der erste Teil dieses Buches geht zu Ende. Es wird bald nicht mehr mit gesetzlicher Genehmigung und dem Segen der Kirche in den Schützengräben geschossen werden, sondern auf der Straße, und zwar ohne Genehmigung. Sicherlich – heißt es dann in den Geschichtsbüchern, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ich bin dessen nicht so sicher.
Die Welle der Gewalt und der Zerstörung mag Dutzende von äußeren Auslösungsmomenten haben. In Wirklichkeit ist sie organisch bedingt, sie kommt von innen her und ist auch von innen ausgelöst. Es ist nicht nur Wut und Hass – darüber könnte man hinwegkommen, es ist die Panik, die innere Panik unserer Existenz, die in jedem Einzelnen von uns steckt, die lange Zeit niedergehalten werden kann, einmal aber zur Entfaltung kommt und dann durchbricht.
Jeder weiß, wie gut das tut –
Die Revolution hatte mich in Hamburg eingeholt.
Ich war zu einer Verwaltungssitzung des Seedienstes beordert worden, zu einer Besprechung mit den Herren der Seeversicherungsgesellschaften. Wir werden die Herausgabe einer wöchentlich erscheinenden Schifffahrtszeitung zu beschließen haben, mit den Schiffsankünften und -abfahrten im Stile von Lloyds List. In der Mönckebergstraße konnte man bereits den Anmarsch des Demonstrationszuges der Matrosen von der Minensuchboot-Flottille hören, Ziel der Rathausmarkt.
Die Stimmung bei uns blieb sachlich und kühl.
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