Gut. Stellen wir uns Günther in diesem warmen, verschatteten Schlafzimmer vor. Er wendet sich um, betrachtet seinen Freund, wenn wir ihn der Einfachheit halber noch so nennen dürfen! Natürlich ist sich Günther in diesem Augenblick nicht bewusst, dass die Lähmung seines Willens von jenen Vorstellungen herrührt, die er aus Kindheit und Jugend in das freiere Leben nach dem Tode der Eltern mit hinübergenommen hat, ist an die Idee der Unverbrüchlichkeit der Ehe bis zum Tode gefesselt, nicht nur das, erwartet von einer Beziehung die Fortsetzung primärer Bindung. Das nur in Parenthese. Verfolgen wir die Szene.
Und er würde mich nicht verstehen, dachte Günther, der sich aufgesetzt hatte, wenn wir über alles sprächen. Wie sollte er. Für ihn ist ja alles in Ordnung. Er braucht mich. Er liebt mich.
Günther erhob sich, nahm eine Zigarette aus dem Päckchen, das auf der Wäschekommode lag, steckte sie in den Mund, blickte versonnen vor sich hin. Es war still. Die Hitze des Sommers lagerte im Zimmer, auch wenn der Wind in die Vorhänge drückte.
Ich langweile mich, dachte er. Dies alles bedeutet mir gar nichts mehr.
Also?
Er zuckte mit den Schultern. Sein Blick wanderte zu Richard hinüber, als könne eine unerwartete Antwort von daher kommen.
Dieser Blick veranschaulicht, dass er die Erfüllung seiner Bedürfnisse von anderen erwartet. Darf er nicht. Darf niemand. Seine Bedürfnisse sind legitim, haben ein Recht darauf, über sich selbst zu verfügen. Aber er selbst, dieser schwierige Mensch in allen seinen Verästelungen, ist ihm immer noch verdächtig. (Irgendwann ist er wohl so grundsätzlich verachtet worden, dass man ihn geopfert hat. Aber aus den Fetzen seines Körpers, die in der Erde vergraben wurden, sind keine Pflanzen erwachsen, wie in gewissen Mythen, nur Zerstörung ist geblieben, Drangabe an ein höheres, nicht zu haltendes Versprechen. Anm. d. Erz.)
Klavier, dachte Günther. Er würde mit beiden Fäusten auf die Tasten schlagen, wild, verrückt, außer sich, um seinen Freund aus dem Todesschlaf zu erwecken, um in ihn zu knallen mit hundert Dissonanzen, aber Richard würde weiterruhen und er, Günther, würde die Hände mutlos von den Tasten nehmen.
Lassen Sie mich noch hinzufügen, dass er selbst es in Wirklichkeit ist, der aus Verweigerung und Lähmung geweckt werden soll, aber seine Impulse stoßen noch in die falsche Richtung vor. Die Mutlosigkeit, die ihn sogleich erfasst, ist sicheres Indiz.
Günther zündete die Zigarette an. Richard, vom Zischen des Streichholzes erwacht, bewegt sich. Wie glücklich er sein muss, dachte Günther. Ahnungslos und glücklich. Richard drehte sich auf den Rücken. Wie spät es sei, fragte er bei geschlossenen Augen.
Gleich vier.
Ob Günther auch geschlafen habe. Er sei plötzlich so müde gewesen.
Nein.
Warum nicht?
Richard räkelte sich, rieb sich den Schlaf aus den Augen, setzte sich auf den Bettrand, zog die Armbanduhr an. Günther hasste die Bewegungen, mit denen Richard die Armbanduhr anlegte. Sie waren so auf den Punkt gebracht, entschlossen, jetzt gab es kein Zurück mehr. Aber das Wesentliche blieb auf der Strecke. Sie schlossen eine Antwort auf Richards Frage, warum er nicht geschlafen habe, von vorneherein aus.
Ich kann das verstehen, obwohl ich einräumen muss, dass er Richard in seiner verspannten Abwehrhaltung nicht gerecht werden konnte. Das ist kein Vorwurf. Er war viel zu sehr in seiner Entwicklung befangen. (Der Autor ist ja der Meinung, ich fände Günther attraktiver als Richard und wäre von daher parteiisch. Aber das stimmt nicht. Sollte der Autor eifersüchtig sein? Was für ein menschlicher Zug!)
Richard war nicht das kalte Ungeheuer, das Günther in ihn hineinsah. Es war eine seiner Schwächen, das unbedingte Verlangen Günthers nach Klarheit, Deutlichkeit, erarbeiteten Haltungen zu unterschätzen. Er wischte vieles mit einer Handbewegung vom Tisch. Während Günther in seinem jugendlichen Idealismus die größeren Zusammenhänge des Lebens betrachtete, dachte Richard, seiner Meinung nach, nur an das kleine alltägliche Überleben. Das setzte ihn in seinen Augen herab. Das war eines ernsthaften Mannes nicht würdig.
Ach, dieser Junge. Gut, dass er schon bald den spielerischen Charakter des Lebens entdecken sollte. Der Übermut des Lebens zerbricht Ideale, ist stärker. Aber zum Spiel gehört Reife …
Er würde jetzt gehen, sagte Richard, nahm das von getrockneter Samenflüssigkeit erstarrte Taschentuch, um es in die Toilette zu werfen. Er blinzelte Günther zu.
Er nähme jetzt erst einmal eine Dusche.
Günther zog an seiner Zigarette. Wenigstens würde dieser Mann jetzt gleich verschwinden. Er öffnete die Vorhänge, sah auf die Straße hinunter. Ein Auto fuhr langsam am Haus vorbei.
Ich möchte eine Tagebucheintragung zitieren, die, wie ich meine, auf das oben erwähnte Problem hinweist.
»… und die Tatsache, dass ich mich nicht aus dieser toten Beziehung zu befreien vermag, wirkt wie ein zu heftiger Stromkreis, der mich jeden Abend durch die Stadt jagt. Ich bin in mir gefangen, kraftlos, so kommt es mir vor, ich weiß, dass es etwas gäbe, die Unruhe auszuschalten, weiß sogar was: der Sprung über den Schatten. Aber da verlässt mich der Mut.«
Ja klar. Angst vor dem Unbekannten, dem Wagnis, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Aber es kommt der Punkt, an dem er keine Wahl mehr haben wird.
Günther fühlte sich öde, leer, nachdem Richard gegangen war, kein Zustand, den er mit einer Stunde Schlaf hätte besänftigen können. Er wanderte in seiner Wohnung umher, fühlte sich wie ein Tier im Käfig. Es war dieser Stromkreis, dessen überhöhtes Voltampere ihn zerschliss. Günther steckte kurz entschlossen Geld in die Hosentasche, würde das Haus verlassen, nicht auf Richards vereinbarten Anruf warten, dieser Unruhe einen größeren Körper verschaffen, würde sie in die Straßen der Stadt strömen lassen, die Verlängerungen seiner Nervenbahnen.
Er blieb vor der Haustür stehen. Es war heiß. Die Wärme stand zwischen den Häusern. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, aber sie glitten in die schmierige Frankfurter Hitze hinaus. Die Häuser wirkten schemenhaft, verbargen sich hinter geschlossenen Jalousien. Günther ging langsam die Straße entlang.
Ich werde spazieren gehen, dachte er.
Eine gute Idee. Das würde ihn entspannen. Die Straße war wenig befahren. Die Mainbrücke, in die sie mündete, spannte ihren Bogen verwaist über den Fluss, leitete den Blick an jenem silbrig schlanken Hochhaus hinauf, das wie die Klinge eines Stiletts in der Sonne blitzte. Die Straßenbahn fuhr geräuschlos gelb an ihm vorbei, glitt wie ein Reptil aus ihm hervor, und er wusste, dass »Spazierengehen« nur ein besänftigendes Wort für die Wanderung war, deren Kurs seine Getriebenheit vorgeben würde.
Ich nehme an, Günther wird eines Tages anfangen zu malen. Ein in Bildern empfindender, für deren Magie empfänglicher Mensch. Interessant bei der Lektüre der Notizen zu beobachten, wie der (imaginäre) Stich des Stiletts einen Gedanken befreien kann! Er gleitet im Gewand eines Straßenbahnzuges hervor, verwandelt sich in Worte. Ich erinnere mich an eine Tagebuchstelle, die ich unbedingt wiedergeben möchte. Er schreibt da:
»Stehenbleiben. Umkehren. Dem Sog der Getriebenheit entkommen. Aber es wird sich nichts ändern, solange ich meine Bedürfnisse verachte, ja, andere über sie zu Gericht sitzen lasse. Unterwerfung und Besserung schließen einander aus. Ich weiß.«
Was verbirgt sich in diesem Gedanken- und Gefühlsbrodeln? Günthers Getriebenheit ist nicht nur auf das Schuldenkonto seines Freundes zu rechnen. Die gespannte Abwehr gegen ihn hat gute Gründe, das wissen wir, aber das Feindbild Richard/Ehe verschleiert einen anderen, tieferen Konflikt. Er spricht von Bedürfnissen, die er sich, wie wir noch sehen werden, nicht wirklich eingesteht. Die Sätze brechen bei diesem Thema ab, als schäme er sich, darüber Buch zu führen, spricht von Verachtung, Gericht. Ich will nicht zu weit vorgreifen. Die folgenden Szenen, die ich behutsam nachzuzeichnen versuche, sprechen eine eigene Sprache.
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