Erst bis wir uns ganz verirrt oder umgedreht haben – denn der Mensch braucht nur einmal in dieser Welt mit geschlossenen Augen herumgedreht zu werden, um verirrt zu sein –, lernen wir die Weite und Fremdartigkeit der Natur schätzen. Nicht eher, als bis wir verloren sind – mit anderen Worten: bis wir die Welt verloren haben –, fangen wir an, uns selbst zu finden und gewahr zu werden, wo wir sind und wie endlos ausgedehnt unsere Verbindungen sind.
Thoreau spielt hier mit der biblischen Frage, was es dem Menschen hülfe, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele. Verliere die ganze Welt, erklärt er, verliere dich in ihr und finde deine Seele.
»Auf welche Weise willst du dasjenige suchen, wovon du ganz und gar nicht weißt, was es ist?« Jahrelang trug ich Menons Frage mit mir herum, und dann, als so ziemlich alles schiefging, brachten mir Freunde und Freundinnen lauter Geschichten, eine nach der anderen, die, wenn schon keine Antworten, so doch zumindest Meilensteine und Wegweiser zu sein schienen. May schickte mir aus heiterem Himmel ein langes Zitat von Virginia Woolf, das sie in runden schwarzen Buchstaben auf dickes unliniertes Papier geschrieben hatte. Es handelte von einer Mutter und Ehefrau, allein, am Ende eines Tages:
Denn jetzt brauchte sie über niemanden nachzudenken. Sie konnte sie selbst sein, allein sein. Und das war es, wonach sie jetzt oft das Bedürfnis verspürte – nachzudenken; nein, nicht einmal nachzudenken. Still zu sein; allein zu sein. All das Sein und Tun, das raumgreifende, glitzernde, vernehmliche, verdunstete; und man schrumpfte, mit einem gewissen Gefühl der Feierlichkeit, darauf zusammen, man selbst zu sein, ein keilförmiges Kerngehäuse im Dunkeln, etwas für andere Unsichtbares. Obwohl sie zu stricken fortfuhr und aufrecht saß, empfand sie sich gerade so; und dies Ich, das seine Bindungen abgeworfen hatte, war frei für die seltsamsten Abenteuer. Wenn das Leben für einen Augenblick Ruhe gab, schien die Reichweite der Erfahrung grenzenlos … Darunter ist es ganz dunkel, weitet sich alles, ist es unauslotbar tief; doch ab und zu steigen wir an die Oberfläche, und das ist es, wodurch man uns sieht. Ihr Horizont erschien ihr grenzenlos.
Diese Passage aus Zum Leuchtturm erinnerte mich an eine andere Arbeit von Virginia Woolf, die ich bereits kannte, nämlich ihren Essay über das Spazierengehen, in dem sie erklärte:
Wenn wir an einem schönen frühen Abend zwischen vier und sechs aus dem Haus treten, werfen wir das Ich ab, an dem uns unsere Freunde erkennen, und werden Teil jener großen republikanischen Armee anonymer Wanderer, deren Gesellschaft so angenehm ist nach der Einsamkeit des eigenen Zimmers … In jedes dieser Leben konnte man ein kleines Stück eindringen, weit genug, um sich der Illusion hinzugeben, dass man nicht an einen einzigen Geist gebunden ist, sondern kurz, für einige Minuten, Körper und Geist anderer anlegen kann.
Für Woolf war das Sich-Verlieren nicht so sehr eine Frage der Geografie als der Identität, ein leidenschaftlicher Wunsch, ja sogar eine dringende Notwendigkeit, niemand und jeder zu werden, die Ketten abzuwerfen, die einen daran erinnern, wer man ist, wer man anderen zufolge ist. Denjenigen, die in fremde Gegenden und entlegene Refugien reisen, ist diese Auflösung der Identität vertraut, doch Woolf, mit ihrer feinen Wahrnehmung der Schattierungen des Bewusstseins, konnte sie auf einem Spaziergang die Straße hinunter finden, in einem kurzen Augenblick der Einsamkeit in einem Lehnstuhl. Woolf war keine Romantikerin, feierte nicht die Art des Sich-Verlierens, die die erotische Liebe vorstellt, wo die geliebte Person als Einladung gesehen wird, das zu werden, was man insgeheim, latent bereits ist – wie eine Zikade, die unter der Erde darauf wartet, bis sie in siebzehn Jahren gerufen wird –, diese Liebe für den anderen, die auch den Wunsch darstellt, im Mysterium anderer im eigenen Mysterium zu leben. Ihre Art des Sich-Verlierens war, genau wie die von Thoreau, einsam.
Malcolm erwähnte, vollkommen unvermittelt, die im Norden Zentralkaliforniens lebenden Wintu, die zur Beschreibung ihres Körpers nicht die Wörter »links« und »rechts« heranziehen, sondern die Himmelsrichtungen. Ich war völlig hingerissen von dieser Schilderung einer Sprache und der ihr zugrunde liegenden kulturellen Vorstellungswelt, in der das Ich nur in Bezug auf den Rest der Welt existiert, es kein Du ohne Berge gibt, ohne Sonne, ohne Himmel. Wie Dorothy Lee schreibt:
Wenn ein Wintu flussaufwärts geht, sind die Berge im Westen, der Fluss ist im Osten, und eine Mücke sticht ihn in den westlichen Arm. Wenn er zurückkehrt, sind die Berge immer noch im Westen, aber wenn er sich an dem Mückenstich kratzt, dann kratzt er sich den östlichen Arm.
In dieser Sprache ist das Selbst nie so verloren, wie viele Menschen heutzutage verloren sind, wenn sie sich in der Wildnis verirren, ohne die Himmelsrichtungen zu kennen, ohne ihre Beziehung nicht nur zu ihrer Wegroute, sondern auch zum Horizont und dem Licht und den Sternen im Auge zu behalten, doch jemand, der diese Sprache spricht, wäre verloren ohne eine Welt, mit der er in Verbindung treten kann, wäre verloren in den modernen Schattenwelten von U-Bahnen und Kaufhäusern. In der Sprache der Wintu ist die Welt stabil und man selbst ist bedingt, ist, losgelöst von seiner Umgebung, nichts.
Ich habe nie von einem ausgeprägteren Orts- und Richtungssinn gehört, doch ist dieses Richtungsbewusstsein in eine fast verlorene Sprache eingebettet. Vor zehn Jahren lebten noch sechs bis zehn Muttersprachler des Wintu, sechs bis zehn Menschen, die eine Sprache fließend sprachen, in der das Ich nicht das autonome Gebilde war, für das wir es halten, wenn wir unser »Rechts« und »Links« mit uns herumtragen. Die letzte Muttersprachlerin des nördlichen Wintu, Flora Jones, starb 2003, doch Matt Root, der Mann, der mir diese Information per Mail zukommen ließ, erwähnte auch, dass drei Wintu und ein Pit-River-Nachbar »noch Teile der alten Wintu-Umgangssprache und ihres Aussprachesystems kennen«. Er selbst habe die Sprache studiert und hoffe, sie werde wieder aufleben, sodass sein Volk beginnen könne,
durch unsere Sprache Verbindungen zu unserer Vergangenheit herzustellen. Die Weltsicht der Wintu ist in der Tat einzigartig; unsere enge Vertrautheit mit unserer Umwelt rundet diese Einzigartigkeit ab, und die zukünftige Neuansiedlung von Menschen in unseren traditionellen Gebieten sowie die Wiedereinführung unserer Kultur und Geschichte werden dazu führen, dass die alten Narben langsam wieder verheilen können, die Narben der Umsiedlung und des offenen Genozids. Die Wegbereiter unseres heutigen Sprachverlusts.
Oder, wie es in einem 2004 veröffentlichten Artikel über die einhundert rasch aussterbenden Indianersprachen Kaliforniens heißt:
Solch eine Sprachendifferenzierung kann durchaus mit einer ökologischen Differenzierung verknüpft sein. Nach dieser Sichtweise haben die Menschen ihre Wörter den ökologischen Nischen, die sie bewohnten, angepasst – und Kaliforniens äußerst vielfältige Ökologie förderte seine linguistische Vielfalt. Diese Theorie wird unterstützt durch Landkarten, die zeigen, dass es in Gebieten mit einem größeren Artenreichtum auch mehr Sprachen gibt.
Es wäre eine schöne Vorstellung, dass die Wintu einst in einer so perfekten Welt lebten, dass sie alle Grenzen kannten und nie die Erfahrung machten, sich verirrt zu haben oder verloren zu sein, doch das Leben ihrer nördlichen Nachbarn, der Achumawi- oder Pit-River-Indianer, legt nahe, dass das wahrscheinlich nicht der Fall war. Als ich einmal Freunde bei einer Aufführung in einem Stadtpark treffen wollte und sie in der Menschenmenge nicht finden konnte, ging ich in ein Antiquariat und entdeckte ein altes Buch. Darin schreibt Jaime de Angulo, der wilde spanische Erzähler und Anthropologe, der vor achtzig Jahren eine beträchtliche Zeit bei diesem Volk verbrachte:
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