Er hielt inne und hob ihre Hand an seine Lippen. Er verpasste ihr einen flüchtigen Kuss.
“Ich verabschiede mich. Dein Gepäck wird in Kürze in deinem Wohnzimmer stehen,” sprach er.
“Ich – ich weiß nicht, wie ich mich dafür bedanken soll,” sprach Aurelia und ihr Duft und leichter Akzent wirkten auf ihn wie ein Schlag in die Magengegend.
“Du wirst dir schon etwas einfallen lassen,” neckte Lucas und schüttelte den Kopf. “Ruh dich aus. Ich warte auf dich, wenn du soweit bist.”
Und so ließ er sie an der Tür stehen. Es fiel ihm wirklich schwer, sie ohne einen richtigen Kuss zu verlassen, aber Lucas war lange genug in der Geschäftswelt unterwegs, um zu wissen, wann es besser war abzuwarten. Er wollte Aurelia, aber mehr noch wollte er, dass sie zu ihm kam. Jetzt musste er einfach nur warten … vielleicht würde er rausgehen und laufen oder im Pool ein paar Runden ziehen. Als ob das seine Lust auf Aurelia dämpfen würde.
Lucas musste schmunzeln, als er wieder nach unten ging.
Aurelia war schlichtweg verblüfft. Nachdem Lucas sie vor ihrem neuen Schlafzimmer abgeliefert hatte, hatte sie die Tür aufgemacht und fast den Verstand verloren. Der Raum war phänomenal, die untere Hälfte der Wände war mit cremefarbenen Täfelungen verziert, die mit weißen Ästen bedruckt waren, die obere Hälfte war mit einem zarten Kirschblütenmuster bedeckt. Der Fußboden war anders als der vom Rest des Hauses, er war aus leicht polierter Eiche. Ein massives weißes Himmelbett dominierte die Mitte des Raums und war mit weißen und pastellfarbenen Vorhängen geschmückt. An der Seite standen ein passender Schminktisch und Schrank, ein prächtiger Eichenholzschreibtisch nahm die mittlere Wand ein und die verbleibende Wand bestand fast gänzlich aus Fenstern, die sorgfältig mit durchscheinenden weißen Vorhängen verhangen waren.
Eine ganze Minute lang stand Aurelia einfach nur in der Tür und bekam den Mund nicht mehr zu. Selbst wenn sie aus hunderten Einrichtungsmagazinen eine Collage geschnipselt hätte, hätte sie niemals so perfekt ihren Geschmack treffen können wie dieses Zimmer.
Sie trat ein und machte sowohl die Tür als auch ihren Mund wieder zu, dann bewunderte sie die Details. Auf dem Schreibtisch stand eine Schreibmaschine, komplett mit einem weißen Blatt Papier, das auf ihre Worte wartete. Orchideen und Kirschblüten zierten den Schminktisch. Ein cremefarbener Liegestuhl am Fenster. Ein Nachttisch mit Wasserflaschen, die in einem silbernen Champagnereimer gekühlt wurden; als sie näher trat, bemerkte sie, dass es sich um ihre Lieblingsmarke handelte.
Sie machte den Schrank auf und sah, dass er mit allen erdenklichen Kleidungsstücken gefüllt war. Der Schminktisch hatte einige ihrer bevorzugten Make-up-Produkte, ihr Lieblingsparfum …
Sie erstarrte, als sie den Schminktisch genauer unter die Lupe nahm und zupfte eine verblasste Karteikarte vom Rand des Spiegels. Sie brauchte den Text nicht zu lesen, denn sie wusste, was darauf geschrieben stand.
“Du bist wunderschön, wunderschön!” war in ihrer kurvigen Teenie-Handschrift darauf gekritzelt.
Wo zum Teufel hatte Lucas etwas aus ihrem Zimmer bei ihrer Lieblingspflegefamilie von vor über zehn Jahren aufgetrieben?
Aurelia steckte vorsichtig die Karte wieder zurück und ging zum Bett. Sie kletterte drauf und ließ sich mit dem Gesicht nach unten auf die Decke fallen.
Dutzende, nein Millionen verschiedener Gefühle rauschten ihr durch den Kopf. Anspannung, Erleichterung, Furcht, Erschöpfung, Dankbarkeit, Fassungslosigkeit … alles drehte sich in ihrem Kopf, sodass ihr schwindelig wurde. Sie kniff die Augen zusammen und atmete tief ein.
Nein, es gab kein Entkommen. Die Tränen stiegen auf und auf einmal musste sie schluchzen. Dann bekam sie Schluckauf. Dann heulte sie endgültig und schnappte nach Luft, als ihr heimwehkrankes Herz sie als Geisel nahm.
Die Karte war einfach zu viel gewesen. Aurelia weinte und weinte und mit ihren salzig-süßen Tränen vergoss sie jeden verbleibenden Tropfen des Widerstands, der Wut und Angst in ihr. Irgendwann, als die Tränen schließlich nachließen, kam die Einsicht, dass jemand das alles nur für sie getan hatte …
Dann schlief sie fest ein.
Ganze zwölf Stunden waren vergangen, als Aurelia schließlich aus ihrem Zimmer auftauchte. Sie hatte den Rest der Suite erkundet und einen ansprechenden Salon vorgefunden, komplett mit Teeservice und Klingelknopf, allerdings war sie nicht sicher, ob es Bedienstete gab oder nicht. Dann hatte sie ein makelloses, weiß gefliestes Badezimmer gefunden, das von einer riesigen Klauenfußwanne dominiert wurde. All ihre Lieblingsbadeprodukte, Dinge, die sie in Indien oder selbst in Neuseeland nie gefunden hatte, waren jetzt in Reichweite.
Sie hatte ein Schaumbad genommen und gründlich ihre Haut und Haare verwöhnt, sich die Fußnägel lackiert …
Und dann hatte sie sich auf ihre neue Garderobe gestürzt. Weil sie nicht der Auffassung gewesen war, dass sie alles auf einmal hätte sichten können, hatte sie sich einfach den erstbesten Fummel genommen … nun, dabei hatte es sich um ein edles Cocktailkleid von Christian Siriano gehandelt, also hatte sie es wieder in den Schrank gehängt. Das zweite Teil war ein helles, apricotfarbenes Maxi-Kleid, das im Nacken gebunden wurde und eng an der Taille saß, ehe es zu ihren Füßen einen anmutigen Pool bildete. Der Stoff war dermaßen zart, dass sie tatsächlich seufzte, als sie es überzog.
Sie ließ ihr langes Haar an der Luft trocknen und verzichtete auf Parfum und Make-up. Es fühlte sich gut an, so natürlich und frei zu sein, also ließ sie auch ihre Schuhe weg. Die Männer waren barfüßig, als sie sie gesehen hatte und es gefiel ihr. Es war so ungezwungen.
Dann ging Aurelia zum Schreibtisch und hob das geordnete Bündel voll bedruckter Seiten auf, das dort auf sie wartete. Sie schob den Stuhl zurück, setzte sich und las die erste Seite ihres Vertrags.
Sie war nicht sicher, was genau sie erwartet hatte. Lucas war ein Geschäftsmann, womöglich also eine detaillierte Liste mit Dingen, die sie ihm schulden würde: Häufigkeit der sexuellen Zusammenkünfte, absoluten Gehorsam, ein zu allen Zeiten gepflegtes Äußeres.
Stattdessen war alles ganz einfach. Der Vertrag listete ihre Namen und die Adresse des Anwesens auf. Es besagte, dass Aurelia ihm für den Zeitraum von einem Jahr Gesellschaft leisten würde und dass Lucas im Gegenzug ihre Probleme mit dem Gesetz lindern würde. Außerdem würde er ihr für die Dauer ihres Vertrags ein großzügiges Taschengeld gewähren und ihr am Ende ihrer gemeinsamen Zeit mindestens 250,000 Dollar überlassen. Aurelia musste lange auf die Summe starren. 250,000 Dollar war enorm viel Geld, in ihrer Welt.
Am Ende der Seite befanden sich zwei Zeilen für Datum und Unterschriften. Die obere Zeile war bereits mit Lucas’ eleganter Krakel signiert.
Aurelia runzelte die Stirn und blätterte zur zweiten Seite um. Sie war leer.
“Das ist alles?” fragte sie sich laut.
Sie hob einen eleganten Füllfederhalter auf, der ihr für diese einzige Gelegenheit hinterlegt worden war und seufzte. Warten wäre sowieso sinnlos, oder?
Sie nahm die Kappe ab und unterzeichnete den Vertrag. Ihr wurde leicht flau im Magen, aber sie unterdrückte das Gefühl. Sie ließ ohne Anstalten den Füller fallen, drückte sich vom Schreibtisch ab und stand auf. Es war Zeit, Lucas gegenüberzutreten und ihm jene Begleitung zu leisten, die ihren Lebensunterhalt gesichert hatte.
Aurelia ging nach unten und hob dabei vorsichtigen den Saum ihres langen Kleides an. Es war einen Tick zu lang für sie und dieser kleine Makel machte sie irgendwie weniger beeindruckt von Lucas’ Gastfreundschaft.
Unten an der Treppe angekommen, überhörte sie einen Gesprächsfetzen.
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