Erwin nickte. »Hat sie.«
»Wunderbar.« Ich rieb mir die Hände. »Ich kann kaum erwarten, herauszufinden, was sich dort verbirgt.«
»Vielleicht ein Folterkeller?«, mutmaßte Dennis aufgeregt. »Oder er hält Jutta dort gefangen, weil sie ihn verlassen wollte! Bestimmt hat er den Raum schalldicht gemacht, und sie ist dort an ein schmiedeeisernes Bettgestell gekettet. Ihre Kleider bestehen nur noch aus Fetzen ... verzweifelt ruft sie um Hilfe, aber niemand kann sie hören ...«
»Du guckst eindeutig zu viele schlechte Pornos«, fiel ich ihm ins Wort, bevor seine schmuddeligen Fantasien noch weiter ausufern konnten. »Aber pass auf: Wenn ich Jutta wirklich im Keller finden sollte, gebe ich dir einen aus.«
»Du gehst kein Risiko ein, Loretta, hörst du?«, sagte Erwin streng. »Wenn die Türen abgeschlossen sind, machst du keinen Unsinn. Das verbiete ich dir.«
»Das allergrößte Risiko bin ich bereits eingegangen«, erwiderte ich mit einem Seufzen.
Erwin sah mich alarmiert an. »Und das wäre?«
»Ich gebe vor, putzen zu können. Wisst ihr, das ist eine echte Wissenschaft. Ich habe zu Hause nur ein Mittel, mit dem ich alles irgendwie sauber kriege. Außerdem ist meine Toleranzgrenze ziemlich hoch, schon allein wegen Baghira. Irgendwo liegen immer Krümel von Katzenstreu rum oder kleben irgendwelche seiner Haare, das stört mich nicht weiter. Oder ob nach dem Putzen noch ein paar Streifen auf dem Fenster sind. Damit werde ich bei Gerhard Dengelmann nicht durchkommen. Seine Spießerbude ist so sauber, dass ich nicht einmal weiß, was ich dort überhaupt putzen soll.«
Erwin lachte dröhnend. »Na, dazu könnte mein Täubchen dir einiges erzählen. Schwämme und Lappen unterschiedlicher Farbe für verschiedene Bereiche, mindestens acht Sorten Putzmittel, außerdem kennt sie Dutzende Tricks. Zum Beispiel, wie man diese Streifen auf Fensterscheiben todsicher verhindert.«
Ich krallte mich in Erwins Arm. »Das ist meine Rettung! Sie muss mir alles beibringen! Sonst fliege ich bei Dengelmann raus, bevor ich auch nur das Geringste herausfinden konnte! Der durchschaut mich doch sofort, wenn seine Jutta so ein Putzteufel war. Und außerdem wissen wir von der Berger, dass er seine Putzfrauen offenbar so penibel kontrolliert, dass alle bisherigen das Weite gesucht haben. Jungs – ohne Täubchens Hilfe habe ich nicht die geringste Chance, das ist euch hoffentlich klar.«
Erwin und ich sahen Dennis eindringlich an, und der kapierte ausnahmsweise mal sofort. »Alles klar, ich habe verstanden. Hier bin ich gefragt, kein Problem. Morgen bekommt Doris von mir einen Tag Urlaub. Bezahlten Urlaub natürlich. Dafür schult sie dich im Putzen, Loretta. Wär doch gelacht, wenn wir diesen Dengelmann nicht überzeugen könnten.« Er schnappte meinen Blick auf und fügte eilig hinzu: »Wenn du ihn nicht überzeugen könntest, meine ich.«
Na also.
Loretta lernt mehr übers Putzen, als sie jemals wollte, und schreibt zur Sicherheit alles auf – aber nicht etwa, weil sie schon immer eine Putzbibel hätte haben wollen
»Jetzt wird erst mal ordentlich gefrühstückt«, sagte Doris resolut, als ich am nächsten Morgen bei ihr eintraf. »Danke übrigens für den freien Tag.«
»Bedank dich bei Dennis«, sagte ich und pellte mich aus meiner Winterjacke. »Er ist der Boss. Und so richtig frei ist der Tag ja nun wirklich nicht.«
In weiser Voraussicht hatte ich mich zu Hause auf ein Tässchen Espresso zur frühmorgendlichen Lektüre der Tageszeitung beschränkt – schließlich kannte ich meine Pappenheimer. Doris hätte es mir niemals verziehen, wenn ich mit vollem Magen bei ihr aufgekreuzt wäre.
Sie fuhrwerkte am Backofen herum, in dem ein halbes Dutzend Aufback-Brötchen ihrer perfekten Bräunung und Knusprigkeit entgegensahen. Das summende Umluftgebläse murmelte die Begleitmelodie dazu, während das Küchenradio leise dudelte.
»Setz dich, Schätzchen. Die Brötchen brauchen noch eine Minute.«
»Wo ist Erwin?«, fragte ich. Nur zwei Gedecke, nur lächerliche sechs Brötchen – ganz eindeutig war Erwin außer Haus.
»Im Büro«, erwiderte sie und gab mir einen Klaps auf die Hand, da ich mir eine Scheibe Salami vom hübsch angerichteten und mit Gürkchen dekorierten Wurstangebot klauen wollte. »Er hat doch gleich einen Termin mit dieser Frau ... wieheißtsienochgleich ...«
»Du meinst Frau Berger«, soufflierte ich.
»Genau. Die Frau, die denkt, dass ihr Nachbar seine Frau abgemurkst hat.«
So viel also zu unserem pompösen Privatdetektiv-Ehrenwort, unsere Klienten und ihre Informationen vertraulich zu behandeln.
»Und bei diesem Herrn Dengelmann sollst du jetzt als Putzfrau eingeschleust werden?«, fuhr sie fort und schenkte Kaffee ein. Dann holte sie die Brötchen aus dem Backofen und brachte sie in einem Körbchen mit zum Tisch.
Bevor sie sich setzte, murmelte sie: »Hab ich irgendwas vergessen?«, und scannte mit geübtem Blick das üppige Nahrungsgebot. Dann erst nahm sie mir gegenüber Platz.
»Na ja, eigentlich bin ich ja schon eingeschleust«, erwiderte ich. »Ich hatte gestern mein Vorstellungsgespräch, und ich hab den Job. Deshalb bin ich ja jetzt hier. Der Typ ist als Kontrollfreak bekannt. Angeblich hat er in den letzten drei Wochen bereits vier Putzhilfen verschlissen, und ich könnte ratzfatz die Nummer fünf werden. Meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet würde ich, vorsichtig formuliert, als eher unterentwickelt bezeichnen; da gibt es nichts zu beschönigen. Meine Wohnung kennst du ja.«
»Na, na, na. Sei mal nicht so streng mit dir«, brummte sie mütterlich, während sie konzentriert die Konsistenz ihres Frühstückseis prüfte und dann zufrieden nickte.
»Bin ich nicht. Für meine Bedürfnisse und vermutlich für jeden anderen Menschen, der keinen Sauberkeitsfetisch hat, reichen sie vollkommen aus, finde ich. Aber ganz bestimmt nicht für Gerhard Dengelmann.«
»Musst du eigentlich dein eigenes Equipment mitbringen?«, fragte sie.
Klock. Das Brötchen, das ich gerade hatte aufschneiden wollen, kollerte über den Tisch, denn ich hatte es vor Schreck fallen lassen.
»Wie bitte?«, fragte ich, atemlos vor Entsetzen. »Mein eigenes Equipment? Gibt es das, dass Putzfrauen ihr eigenes Zeug mitbringen?«
»Sicher gibt es das. Wenn du diesen Service richtig professionell anbietest, hast du natürlich eine eigene Ausrüstung.«
»Jesses. Mach mich nicht schwach. Ob er das etwa von mir erwartet?«
»Glaub ich nicht, wenn er nix davon gesagt hat. Wenn er so ein Kontrolltyp ist, will er vielleicht gar nicht, dass du ihm was in die Wohnung schleppst.«
»Nachdem ich gestern seine Wohnung gesehen habe, ist mir sowieso völlig schleierhaft, was ich da überhaupt machen soll! Ich kann mir kaum vorstellen, dass er heute eine Party plant, nach der seine Bude morgen aussehen wird wie ein Schlachtfeld.«
»Echten Fanatikern reicht die Vorstellung, dass sie draußen vor der Tür waren und dann Straßenschmutz reingetragen haben«, entgegnete sie. »Außerdem geht es bei deinem Auftrag doch wohl eher darum, Hinweise auf den Verbleib seiner unter mysteriösen Umständen verschwundenen Gattin zu finden, oder?«
»Angeblich unter mysteriösen Umständen verschwunden«, sagte ich. »Kann genauso gut sein, dass die gute Frau Berger viel zu viel Tagesfreizeit hat und deshalb auf dumme Gedanken gekommen ist. Dieses Phänomen soll ja öfter mal auftreten. Frag deinen Erwin mal danach, wie viele Wirrköpfe ihm in seiner Karriere als Polizist begegnet sind, die sich irgendeinen hirnrissigen Blödsinn über ihre Nachbarn zusammenfantasiert haben.«
Doris sah mich erstaunt an. »Machte sie auf dich denn den Eindruck, als wäre sie nicht ganz klar im Oberstübchen? Erwin hat nichts davon gesagt.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist eine gut gekleidete, biedere ältere Dame. Ihre aufrichtige Sorge um ihre Freundin habe ich ihr abgenommen. Aber was bedeutet das schon? Heißt es nicht, Psychopathen seien die besten Schauspieler?«
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