Etwas ratlos schaute sie sich um. Weit und breit waren nur die dunklen Schatten der Bäume und der Weg, über den sie hergekommen war, zu sehen. Sie warf einen Blick auf das Navi. Sollte sie etwa ein falsches Update geladen haben?
Seufzend stieg sie aus. Die Luft war kühler als erwartet. Marie zog die Ärmel ihres Sweatshirts über die Hände und verkreuzte die Arme vor der Brust. Unsicher lief sie um das Auto herum. Mit einem Mal fühlte sie sich schrecklich einsam. Nervös spähte sie zwischen die Bäume. Björnväg – ob es hier wohl noch Bären gab? Sie fröstelte.
‚Verdammt gutes Setting für einen Thriller‘, schoss es ihr durch den Kopf. Wie auf Kommando ertönte aus dem Wald ein leises Knacken. Marie erstarrte. Sie glaubte einen Schatten zwischen den Bäumen gesehen zu haben. Konzentriert fixierte sie die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Nach und nach erkannte sie die Umrisse eines alten Tors – einer Einfahrt. Erleichtert atmete sie auf.
Schnell setzte sie sich wieder in den Wagen, manövrierte ihn herum und bog zwischen zwei hohen Fichten in einen überwucherten Weg ein. Das Auto holperte über Wurzeln und Grasbüschel. Dann lichteten sich die Bäume und machten plötzlich den Blick auf den sommerlichen Nachthimmel frei. Darunter, mitten in einem verwilderten Garten, tauchte ein kleines Haus vor Marie auf.
Sie parkte und stieg aus. Fasziniert sah sie sich um.
Am Eingang versuchte sie sich an die genauen Worte von Lennart Sandberg zu erinnern, der ihren Schlüssel irgendwo auf der Veranda hatte verstecken wollen. Marie betrachtete die Steine, die dekorativ vor dem Eingang drapiert lagen, und hob den größten an. Lächelnd zog sie einen Schlüssel hervor.
„Na klar. In Bullerbü ist die Welt noch in Ordnung.“
Marie war sich nicht sicher, ob sie von dem Geräusch wach geworden war oder vom Versuch, ihren Träumen zu entkommen. Darin war sie allein gewesen. Nicht einsam, einfach allein. Eigentlich kein Grund zur Beunruhigung. Sogar ein Zustand, den sie in den meisten Fällen genoss. Bisher zumindest. Aber irgendetwas hatte sich in diesem Fall unangenehm angefühlt. Als ob ihr etwas fehlte, von dem sie nicht wusste, was es war.
Zeit darüber nachzudenken hatte sie jetzt allerdings nicht. Denn da war es wieder, das Geräusch. Dieses Mal war sie sich sicher, es wirklich gehört zu haben. Es kam von unten, von der Eingangstür. Eine Art Kratzen oder Schleifen.
‚Ob Bären Zuflucht in Häusern suchen?‘ Marie setzte sich ruckartig im Bett auf und schaltete die Nachttischlampe an. Sie zögerte einen Moment. Dann glitt sie vorsichtig aus dem Bett. Im Aufstehen hob sie ihren Kapuzenpullover vom Boden auf und streifte ihn schnell über. Sie öffnete die Zimmertür und horchte – nichts. Leise trat sie auf den Flur. Auf Zehenspitzen schlich sie weiter Richtung Treppe. Die Treppenstufen knarrten unter jedem ihrer Schritte – ein Geräusch, das ihr bei ihrer Ankunft überhaupt nicht aufgefallen war, aber in diesem Moment kam es Marie vor, als trete sie auf einen Haufen zusammengekehrtes Herbstlaub.
Den Bären schien das jedoch nicht aufzuhalten – er war offenbar mit Türklinken vertraut war. Entsetzt sah Marie, wie diese nun von außen nach unten gedrückt wurde.
Sie hätte doch ihrem deutschen Naturell nachgeben und abschließen sollen. Stattdessen hatte sie bei ihrer Ankunft beschlossen, sich von Anfang an auf die schwedischen Gepflogenheiten einzulassen.
Marie stoppte ihren Vormarsch. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie jedweder Gefahr, die ihr durch die Tür entgegenkommen konnte, vollkommen wehrlos gegenüberstand. Alex kam ihr in den Sinn. Alex, der ihr in solchen Situationen auch nie eine Hilfe gewesen war. Wann immer sie ihn wirklich gebraucht hatte, war er bei seiner Familie gewesen.
‚Das einzig Gute an einer Beziehung mit einem verheirateten Mann ist wahrscheinlich, dass man sich danach nicht einsamer fühlen kann als währenddessen.‘ Bevor ihre Gedanken weiter abdriften konnten, wurde die Eingangstür aufgedrückt.
Vor dem einfallenden Dämmerlicht erschien eine menschliche Silhouette.
Marie hielt den Atem an. Ihre Fingernägel krallten sich ins Treppengeländer. Sie stand wie erstarrt und hoffte, mit dem Hintergrund des dunklen Wohnzimmers zu verschwimmen.
Die Gestalt verharrte im Türrahmen. Hatte sie Marie schon entdeckt?
Einen Moment schienen beide die Situation abzuwägen.
Plötzlich ertönte ein Knarzen von oben. Der Luftzug, der durch die geöffnete Eingangstür entstanden war, hatte die Tür zu Maries Schlafzimmer weiter aufgestoßen, sodass nun der schwache Lichtschein ihrer Nachttischlampe die Treppe hinunter ins Wohnzimmer fiel. Für den Bruchteil einer Sekunde blickten die beiden Frauen sich direkt in die Augen.
Dann knallte es über Marie. Alles wurde dunkel. Erschrocken drehte sie ihren Kopf nach oben und sah, dass die Schlafzimmertür zugefallen war. Der Wind musste sich in Sekundenschnelle gedreht haben.
Als Marie ihren Blick wieder zum Eingang wandte, war die Frau verschwunden.
Als Marie am nächsten Morgen aufwachte, schien die Sonne bereits durch den freundlich-gelben, aber wenig nützlichen Vorhang ihres Zimmers. Im ersten Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Das kleine, schachtelförmige Zimmer mit dem hellen Dielenboden und einer verdächtig nach Ikea-Modellraum aussehenden Einrichtung hatte nichts mit ihr selbst zu tun. Als sie sich aufrichtete und die Strapazen der zweitägigen Autofahrt durch ihren Rücken zuckten, erinnerte sie sich: Lågomby, Schweden. Ihr neues Zuhause.
Erst jetzt fiel ihr der Vorfall der vergangenen Nacht wieder ein. Marie schauderte. Wer war die Frau gewesen? Und was hatte sie hier gewollt? Hatte sie wirklich einbrechen wollen? Und was wäre passiert, wenn Marie sie nicht an der Tür überrascht hätte?
Sie stand abrupt auf. Vielleicht war die Frau obdachlos und hatte gehofft, hier Unterschlupf zu finden. Aber hatte sie dafür nicht zu gepflegt gewirkt? Hübsch war sie gewesen, ungefähr zehn Jahre älter als sie selbst.
Während sie zum Fenster hinüber ging, wunderte Marie sich, dass ihr das in so einem Moment überhaupt aufgefallen war. Sie schob die Vorhänge beiseite. Ihr Blick fiel auf einen Garten voll wild wuchernder Büsche und Obstbäume. Hier hatte schon lange niemand mehr eine Gartenschere angesetzt. Der Rasen dagegen wirkte erstaunlich gepflegt. Sein saftiges helles Grün bildete eine scharfe Trennlinie zum dunkleren Grün des Waldes, der direkt und zaunlos an den Garten anschloss.
Was für ein Kontrast zu dem Blick aus ihrem Schlafzimmerfenster zuhause in Deutschland, der ihr vor allem das durchgängig geschäftige Treiben im 24-Stunden-Waschsalon gegenüber offenbart hatte.
Marie unterdrückte ein Seufzen. Eigentlich gefiel ihr der verwilderte Charme des Grundstücks sehr, er hatte schon fast etwas Märchenhaftes. Trotzdem fühlte sie sich fremd bei diesem Anblick. Fremd und einsam.
Sie kramte eine Jogginghose aus ihrer Tasche, schlüpfte hinein und ging die Treppe nach unten. Der Eindruck der vergangenen Nacht war hier noch merkwürdig präsent. Sie sah sich um, in der irrationalen Erwartung, die unbekannte Frau auf dem Sofa sitzend vorzufinden.
Doch das Sofa war leer und der ganze Raum wirkte so, als hätte hier schon lange niemand mehr gesessen. Wie im oberen Stockwerk war auch hier unten alles funktional und doch gleichzeitig gemütlich eingerichtet, skandinavisch eben. Die sorgfältig platzierten Dekorationselemente, die nicht darüber hinwegtäuschen konnten, dass das Haus unbewohnt wirkte, hatte Marie gleich bei ihrer Ankunft beiseitegeräumt. Der große, altmodische Kamin in einer Ecke des Wohnzimmers und ein ausladender Schaukelstuhl direkt daneben hatten ihr dagegen sofort ein heimeliges Gefühl vermittelt.
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