Kylian war in Rennes kein Unbekannter. Auf den Plätzen der Trainingsakademie war der Junge nicht unbemerkt geblieben, wenn er dort seinen älteren Bruder Jirès Kembo besuchte, der seit 2004 beim Verein spielte. Als die ersten Berichte über ihn die Runde machten, war man daher gespannt, was er draufhatte.
Im Mai 2009 wurde der junge Außenstürmer zu einem Turnier in Gif-sur-Yvette eingeladen, einer kleinen Stadt im Département Essonne etwa 20 Kilometer südwestlich von Paris. Stade Rennes nutzt das Turnier jedes Jahr als Gelegenheit, U12-Spieler zu testen, die in der Region Paris auf sich aufmerksam machen. Obwohl Kylian ein Jahr jünger war, wurde er in die Mannschaft aufgenommen, für die Reda Hammache zuständig war: „Wir wurden Siebter, bei 32 teilnehmenden Mannschaften, was nicht schlecht war, wenn man bedenkt, wie wenig die Spieler sich untereinander kannten. Kylian war sehr gut, vermutlich der Beste. Es war eine Freude, ihn spielen zu sehen, obwohl er seine Mitspieler manchmal damit nervte, den Ball ein bisschen zu lange zu halten.“
Um ihm begreiflich zu machen, wie wichtig es ist, als Mannschaft zu funktionieren und die Defensive nicht zu vernachlässigen, beschloss der junge Coach, ihn in einem Spiel rechts hinten aufzustellen. „Er hielt nicht eine Sekunde seine Position. Er rannte ständig nach vorn, ließ sich nie zurückfallen und machte, was er wollte.“ Um ihn nicht zu demütigen und auch, weil er nach vorne einiges bewirkt hatte, ließ Hammache ihn bis zum Ende auf dem Platz. Nach dem Schlusspfiff aber nahm er den Jungen zur Seite: „Ich wollte ihn nicht verärgern, also erklärte ich ihm zunächst, was er alles gut gemacht hatte. Ich dankte ihm auch dafür, uns zum Sieg verholfen zu haben. Dann ging ich zum Negativen über, zu der Tatsache, dass er sich nicht an das gehalten hatte, was vor dem Spiel ausgemacht worden war. Ich machte ihm klar, dass ich es mir als Trainer nicht leisten könnte, einen Spieler aufzustellen, der nicht auf mich hörte, deswegen wäre er im nächsten Spiel nur Ersatz. Er war natürlich sauer, aber er verstand meine Entscheidung.“
Im nächsten Spiel saß die kleine Perle aus Bondy zunächst auf der Bank, schmollend und übellaunig, bis sein Team einen Freistoß in guter Position an der Strafraumgrenze erhielt. Sein Trainer zeigte sofort an, wechseln zu wollen: „Ich rief Kylian zu mir und sagte: ,Du kommst rein. Diesmal möchte ich, dass du im Angriff spielst. Habe Spaß, aber führe als Erstes diesen Freistoß für mich aus.‘ Er wetzte los, legte sich den Ball ordentlich zurecht, schoss ... und traf mit einem fantastischen Schuss! Er war total happy und fand sofort sein Lächeln und seine joie de vivre wieder. Er rannte zu mir und sprang mir in die Arme, um das Tor mit mir zu feiern. Damit war unsere Freundschaft besiegelt. Danach konnte ich auf dem Platz alles von ihm verlangen, und er tat es. Ich hatte sein Vertrauen gewonnen.“
Das Gleiche galt für Kylians Eltern, die den Führungsstil des jungen Trainers zu schätzen wussten: „Nach dem Turnier kamen sie zu mir und meinten, ich sei einer der wenigen Menschen, die verstanden hätten, wie ihr Sohn tickte.“ Trotz dieser Komplimente und der guten Erfahrungen beim Gif Cup, gelang es dem bretonischen Klub nicht, Kylian für sich zu gewinnen. „Er war nach wie vor sehr jung, und es war für Rennes, wie für jeden anderen Profiklub auch, schwierig, ihn in der Vereinsakademie unterzubringen, bevor er 15 war. Und ich glaube nicht, dass die Tatsache, dass Jirès Kembo bei uns war, unbedingt von Vorteil war, denn er wusste, dass es damals in der ersten Mannschaft ein paar Probleme gab“, erzählt ein ehemaliger Trainer des Vereins.
Nach dem Turnier in Gif-sur-Yvette begann in den sozialen Medien ein Video mit schmeichelhaften Kommentaren die Runde zu machen: „Er ist erst zehn Jahre alt, aber er wird bereits mit dem großen Star von Manchester City verglichen. Es gibt gewisse körperliche Ähnlichkeiten, aber vor allem seine Technik erinnert auf eigentümliche Weise an Robinho. Er hat noch einen weiten Weg vor sich, aber viele Klubs sind schon jetzt sicher, dass er das Zeug hat, es bis ganz nach oben zu schaffen. Was meint ihr?“, fragte KEWJF, der den Zusammenschnitt auf YouTube postete. Vier Minuten und 20 Sekunden mit Highlights des Jungen, unterlegt mit Musik. Egal ob im grün-weißen Bondy-Trikot mit der Nummer 10 oder im roten Jersey von Stade Rennes mit der 6, liefert Kylian der Kamera reichlich Material: eine Dribbling-Sequenz gefolgt von einem Tunnel, ein frecher Hackentrick, um sich an einem Gegner vorbeizustehlen, eine lupenreine Roulette à la Zidane, ein Freistoß in den Knick; sein ganzes technisches Repertoire ist zu sehen. Als Zugabe gibt es noch die Dreiviertelansicht eines Torjubels, bei dem er das Shaka-Zeichen macht, das er ein paar Jahre später zu seinem Markenzeichen machen würde. Das Video hatte natürlich gehörigen Anteil daran, dass das Phänomen aus Seine-Saint-Denis weiter in aller Munde war.
In der Zwischenzeit hatte Reda Hammache Stade Rennes verlassen und war in der Saison 2009/10 mit zwei Prioritäten zum RC Lens gewechselt: dem zwölfjährigen Mittelfeldspieler Jeff Reine-Adélaïde, der sich dem Verein aus dem Norden 2010 anschloss, ehe er 2015 zu Arsenal ging, und sein anderer Fund, Kylian Mbappé. Aber der Bieterstreit um den Spieler tobte bereits: Auch Paris Saint-Germain, Bordeaux und Caen wollten ihn zur Unterzeichnung eines Abwerbeverbots bewegen, das ihn vor dem Zugriff anderer französischer Vereine schützen würde, bis er mit 15 alt genug wäre, einen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben.
Bei seinen Eltern bestand keine Gefahr, dass sie sich von der Flut der Angebote mitreißen lassen würden. Sie wollten sich Zeit lassen, die Sache in Ruhe erörtern und das Für und Wider abzuwägen, um gemeinsam zu einer vernünftigen Entscheidung zu gelangen. „Fayza und Wilfrid mögen auf den ersten Blick offen und charmant wirken, aber sie sind auch sehr misstrauisch“, erzählt ein enger Freund der Familie. „Sie wollten nichts überstürzen und so viele Informationen wie möglich einholen. Ungeachtet dessen, was bisweilen getratscht wird, ging es ihnen dabei nie ums Geld, obwohl sie sich der Summen, die im Spiel waren, durchaus bewusst waren. Ihre Herangehensweise war die richtige, und sie entschieden sich für bewährte, familiäre Strukturen, statt den verlockenden lukrativen Angeboten der Spitzenklubs zu erliegen.“
Stade Malherbe Caen – ein kleiner, bescheidener Erstligist, der seine größte Zeit in den 1990er Jahren erlebte, als er sich für den UEFA-Cup qualifizierte, wo er allerdings in der erste Runde an Real Saragossa scheiterte – wurde im September 2009 auf Kylian aufmerksam. Mit den Worten: „Er ist ein zukünftiger Gewinner des Ballon d’Or“, pries David Lasry, Scout der Normannen für die Region Paris, seine neueste Entdeckung der Klubleitung an. Dies weckte natürlich die Neugier von Laurent Glaize, dem Leiter der Scoutingabteilung, der sich der Sache annahm und bei einem Abstecher nach Bondy nicht enttäuscht wurde: „Als ich ihn einen Monat später spielen sah, begriff ich sofort, dass wir es mit einem Phänomen zu tun hatten. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich dieses Wort nie zuvor benutzt hatte. Angesichts unseres begrenzten Budgets mussten wir schnell handeln, um eine Chance zu haben, Kylian zu bekommen.“
Die Verantwortlichen in Caen nahmen Kontakt zur Familie auf. David Lasry schaute sich den Spieler mehrmals an und sprach mit Wilfrid Mbappé über die Herangehensweise des Klubs. „Uns standen nicht die gleichen Mittel wie den Parisern zur Verfügung, und es widersprach den Richtlinien des Vereins, Kinder zu ,kaufen‘. Unsere Pläne hatten ein menschliches Element, basierend auf dem Leben im Klub, wodurch es bei uns viel leichter war als anderswo, eine Profikarriere zu starten. Wir wussten, dass es nicht einfach sein würde, aber wir beschlossen, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Wir fingen mit kleinen Gesten an, z. B. einem Weihnachtsgeschenk oder einem Trikot zum Geburtstag, und schließlich machten wir ein niedriges Einstiegsangebot. Als wir keine Antwort erhielten, beschlossen wir, die Eltern anzurufen, um nachzufragen, ob sie unseren Brief bekommen hätten. Und raten Sie mal, was Wilfrid belustigt antwortete: ,Da scheint eine Seite in Ihrem Angebot zu fehlen. Sie können mit einer Angelrute keinen Hai einfangen!‘ Sie hatten nicht ganz Unrecht, für den Jungen wurden bereits ordentliche Summen aufgerufen.“
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