Also schaute James Bond nun durch seine Sonnenbrille über die beiden Swimmingpools des Hotels hinweg und betrachtete die Gesichter und Körper der Hotelgäste.
Für einen Augenblick fiel sein Blick auf eine große, atemberaubende Blondine in einem Bikini von Pierre Cardin, deren Körper jeder Beschreibung trotzte. Tja, dachte Bond, als die Frau ins warme Wasser sprang, es gibt kein Gesetz, das einem das Anschauen verbietet. Er verlagerte seinen Körper auf der Sonnenliege, verzog aufgrund des Schmerzes in seiner schnell verheilenden Schulter leicht das Gesicht und beobachtete die junge Frau weiter beim Schwimmen. Ihre hübschen langen Beine öffneten und schlossen sich, während sich ihre Arme träge bewegten, sodass es fast wie eine bewusst sinnliche Geste wirkte.
Bond lächelte einmal mehr angesichts Ms Wahl für den Treffpunkt. Das Reid’s war nach wie vor eines der wenigen Hotels unter den zahlreichen Touristenfallen von Gran Canaria bis Korfu, das sich – in Bezug auf die Küche und den Service – seit den 1930ern gewisse Standards erhalten hatte. Der Hotelladen verkaufte Erinnerungsstücke an die alten Zeiten – Fotografien von Sir Winston und Lady Churchill, die in den üppigen Gärten aufgenommen worden waren. Spindeldürre ältere Männer mit säuberlich gestutzten Schnurrbärten saßen in den luftigen Aufenthaltsräumen und lasen. Junge Paare, die Outfits von Yves Saint Laurent und Kenzo trugen, saßen neben ältlichen Damen mit Titeln auf der berühmten Teeterrasse. Er befand sich, überlegte Bond, in einer Umgebung, in der zweifellos Sätze wie »Der Butler ist der Mörder« fallen könnten. Ms Kumpane besuchten diese idyllische Zeitschleife sicher mit der Regelmäßigkeit einer Armbanduhr von Patek Philippe.
Während er dalag, suchte Bond den Bereich rund um den Pool und die Sonnenliegen mit sorgfältig schweifenden Blicken ab. Keine Spur von Mosolow. Keine Spur von Tirpitz. Dank der Fotos, die er sich in London angesehen hatte, konnte er die beiden problemlos erkennen. Von Rivke Ingber hatte es kein Foto gegeben, und Cliff Dudley hatte lediglich wissend gelächelt und Bond gesagt, er werde schon noch früh genug herausfinden, wie sie aussehe.
Die Leute bewegten sich nun auf das Poolrestaurant zu, das zu zwei Seiten offen war und von pinkfarbenen Steinbögen geschützt wurde. Die Tische waren eingedeckt, die Kellner verharrten in wartenden Positionen, eine Bar lockte und ein langer Büfetttisch war aufgebaut worden, um jede nur erdenkliche Sorte Salat und Aufschnitt oder – falls der Gast es wünschte – heiße Suppe, Quiche, Lasagne oder Cannelloni anzubieten.
Mittagessen. Bonds alte Gewohnheiten folgten ihm auch nach Madeira. Die warme Luft und die Sonne der morgendlichen Observation riefen in ihm das angenehme Bedürfnis nach einem leichten Mittagsmahl hervor. Bond zog einen Frotteebademantel an, trottete zum Büfett, nahm sich ein paar dünne Scheiben Schinken und machte sich daran, etwas von dem farbenfrohen Salatangebot auszuwählen.
»Wie wäre es mit einem Drink, Mr Bond? Um das Eis zu brechen?« Ihre Stimme war sanft und wies keinerlei Akzent auf.
»Miss Ingber?« Bond drehte sich nicht herum, um sie anzusehen.
»Ja, ich habe Sie eine ganze Weile lang beobachtet – und ich glaube, Sie mich auch. Sollen wir zusammen zu Mittag essen? Die anderen sind ebenfalls eingetroffen.«
Bond drehte sich um. Vor ihm stand die umwerfende Blondine, die er im Pool gesehen hatte. Sie hatte sich einen trockenen schwarzen Bikini angezogen und ihre Haut schimmerte bronzefarben wie Buchenblätter im Herbst. Der Kontrast der Farben – die Haut, der dünne schwarze Stoff und die atemberaubenden kurz geschnittenen goldenen Locken – ließ Rivke Ingber nicht nur enorm attraktiv wirken, sondern machte sie auch zu einem Musterbeispiel an Gesundheit und Körperpflege. Ihr Gesicht leuchtete förmlich. Es war makellos und klassisch, fast schon nordisch – ein starker Mund und dunkle Augen, in denen ein Sinn für Humor beinahe verführerisch zu tanzen schien.
»Tja«, gab Bond zu, »Sie haben mich überflügelt, Ms Ingber. Shalom .«
» Shalom , Mr Bond …« Der rosige Mund verzog sich zu einem Lächeln, das offen, einladend und vollkommen aufrichtig schien.
»Nennen Sie mich James.« Bond speicherte das Lächeln in seiner Erinnerung ab.
Sie hielt bereits einen Teller in der Hand, auf dem eine kleine Portion Hühnerbrust, ein paar geschnittene Tomaten und ein Salat aus Reis und Äpfeln lagen. Bond deutete auf einen der nahe gelegenen Tische. Sie ging voran, ihr Körper war geschmeidig, der Schwung ihrer Hüften fast schon frivol. Rivke Ingber stellte ihren Teller vorsichtig auf den Tisch und zupfte automatisch an ihrem Bikinihöschen. Dann fuhr sie mit den Daumen an der Innenseite des Stoffsaums an der Rückseite der Beine entlang und zog ihn über ihren festen prallen Po. Es war eine Geste, die Frauen an Stränden und Swimmingpools täglich zahllose Male durchführten, und zwar ganz selbstverständlich und ohne darüber nachzudenken. Doch bei Rivke Ingber wirkte die Bewegung wie eine extrem verlockende, offene sexuelle Einladung.
Nun, da sie Bond gegenübersaß, ließ sie wieder ihr Lächeln aufblitzen und fuhr mit der Spitze ihrer kleinen Zunge über ihre Unterlippe. »Willkommen an Bord, James. Ich will schon sehr lange mit Ihnen zusammenarbeiten« – sie machte eine kleine Pause – »was ich von unseren Kollegen leider nicht behaupten kann.«
Bond schaute sie an und versuchte, die dunklen Augen zu ergründen – ein ungewöhnliches Merkmal bei einer Frau mit Rivkes Haut- und Haarfarbe. Seine Gabel verharrte auf dem Weg vom Teller zu seinem Mund, als er fragte: »So schlimm?«
»Schlimmer«, erwiderte sie. »Ich vermute, man hat Ihnen mitgeteilt, warum Ihr Vorgänger uns verlassen hat?«
»Nein.« Bond schaute sie unschuldig an. »Ich weiß nur, dass ich ganz plötzlich für diese Operation rekrutiert wurde. Es blieb kaum Zeit für Unterweisungen. Es hieß, das Team – das mir eine recht seltsame Mischung zu sein scheint – würde mir die Einzelheiten erklären.«
Sie lachte erneut. »Es gab einen Zwischenfall, den man vermutlich als Persönlichkeitskonflikt bezeichnen könnte. Brad Tirpitz verhielt sich wie üblich rüpelhaft, und zwar auf meine Kosten. Ihr Mann schlug ihm ins Gesicht. Ich war ein wenig verärgert. Ich meine, ich wäre selbst mit Tirpitz fertiggeworden.«
Bond nahm einen Bissen, kaute und schluckte. Dann fragte er sie, was es mit der Operation auf sich habe.
Rivke schenkte ihm einen flüchtigen koketten Blick mit leicht gesenkten Augenlidern. »Oh«, sie hob spöttisch einen Finger an die Lippen, »das ist verboten. Ich bin nur der Köder. Ich soll Sie zu dem Expertenpaar locken. Wir alle müssen bei Ihrer Unterweisung anwesend sein. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich glaube nicht, dass die mich sehr ernst nehmen.«
Bond lächelte bitter. »Dann haben sie noch nie den wichtigsten Spruch über Ihren Geheimdienst gehört …«
»Wir sind bei unserem Auftrag gut, weil die Alternative zu schrecklich ist, um darüber nachzudenken.« Sie sprach die Worte tonlos aus, fast wie ein Papagei.
»Und sind Sie gut, Rivke Ingber?« Bond kaute einen weiteren Happen.
»Kann ein Vogel fliegen?«
»Dann müssen unsere Kollegen sehr dumm sein.«
Sie seufzte. »Nicht dumm, James. Chauvinisten. Sie sind nicht für ihr Vertrauen in die Zusammenarbeit mit Frauen bekannt, das ist alles.«
»Das Problem hatte ich noch nie.« Bonds Gesicht blieb ausdruckslos.
»Nein. Das habe ich gehört.« Rivke klang plötzlich formell. Vielleicht wollte sie ihm damit sogar sagen, dass er sich von ihr fernhalten sollte.
»Also. Wir reden nicht über Eisbrecher .«
Sie schüttelte den Kopf. »Keine Sorge, Sie werden genug darüber hören, wenn wir nach oben gehen, um die Jungs zu treffen.«
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