Von der Tür kam ein schwacher Luftzug und Johan drehte sich um. In der Türöffnung stand der Pfarrer. Neugierig schaute er herein. Er richtete seinen Kragen.
»Setzt euch«, sagte Johan zu den Kindern. »Setzt euch.«
Er ging auf den Pfarrer zu. »Sie haben sie erschreckt. Der Engel hat Angst bekommen und ist gegangen. Erwachsene können ihn nicht sehen. Nur Kinder haben die Fähigkeit und ich verschaffe ihnen die Möglichkeit dazu.«
»Entschuldige«, sagte der Pfarrer. »Ich war so neugierig. Ich wollte auch so gern einmal einen Engel sehen. Aber ich hätte wissen müssen, dass es für einen Mann in meinem Alter nicht mehr möglich ist.«
Er betrachtete Johan mit Wohlwollen. Plötzlich bewegte sich der Junge und fiel auf die Knie. Er berührte den Fußboden mit seiner Stirn und murmelte unverständliche Worte. Respektvoll zog sich der Pfarrer zurück.
Dann erhob sich Johan wieder. Er musterte den Pfarrer, starrte ihn eindringlich an.
»Seien Sie gut zu den Engeln«, sagte er.
»Das bin ich«, sagte Herr Peder. »Das ist in diesen bösen Zeiten nötig, da sich so viele vom Teufel verführen lassen.«
Der Junge riss die Decken von den Fenstern. Das Licht floss ins Zimmer und die Kinder regten sich. Es war, als wären sie aus einem Schlummer geweckt worden.
»Morgen kommst du also in die Kirche«, sagte der Pfarrer zu Johan. Er steckte ihm eine Münze in die Hand.
»Morgen«, antwortete Johan. Er wandte sich an seinen Bruder. »Oder?«
Olof nickte stumm.
Das Gesicht des Pfarrers war ausgehöhlt, er wirkte mager und erschöpft, als würde er des Nachts vom Alb geritten.
»Wir müssen Herr über den Bösen werden«, sagte er. »Dazu brauchen wir euch, die ihr die Gabe habt, das Stigma diaboli zu sehen.«
Johan sah einen Augenblick unschlüssig aus, als hätten ihn die Worte des Pfarrers unangenehm berührt, aber dann reckte er sich wieder. Er kratzte sich an einem Bein. Seine Füße waren schwarz vor Schmutz.
»Geh in Frieden«, sagte der Pfarrer und nahm seine Hand.
Das war wie ein Zeichen für die Kinder. Sie erhoben sich und gingen zur Tür hinaus.
Olof hatte keine Engel gesehen.
Enttäuscht stellte er fest, dass er die Gabe wohl nicht besaß. Aber er sagte nichts zu Johan.
Sie schliefen auf dem Pfarrhof. Der Pfarrer hatte ihnen ein Zimmer in einem der Flügelgebäude vorbereitet.
»Eigentlich müssten wir im Haupthaus schlafen«, sagte Johan. »Wir sind bedeutsam. In Härnösand durfte ich in den Haupthäusern schlafen.«
In Härnösand war er im letzten Jahr gewesen.
Aber Mutter hat er trotzdem nicht gesehen, dachte Olof.
»Dort habe ich ihnen die Hexen gezeigt. Es gab dort viele, die das Zeichen des Teufels trugen. Und dann habe ich mein Wissen erweitert. Jetzt kann ich alles sehen.«
»Mutter auch?«, fragte Olof.
»Nur das Verborgene kann ich sehen und das brennende Zeichen.«
Sie lagen in einem Bett, der eine mit dem Kopf am Kopfende, der andere mit dem Kopf am Fußende, wie sie früher geschlafen hatten. Und jetzt würde Johan ihm etwas erzählen wie früher, nicht nur von Engeln.
Johan stieß Olofs Fuß an.
»Bald kannst du auch sehen«, sagte er, »und Hexen bezeichnen.«
»Aber dann«, fragte Olof, »wenn du die Hexe bezeichnet hast, was passiert dann?«
»Dann wird Gericht gehalten, dann kommt die Kommission und die Frauen werden verurteilt. Ich war auch Zeuge, in Härnösand.«
Mutter war auch verurteilt worden und saß im Zuchthaus.
»Wofür werden sie verurteilt?«
Johan richtete sich heftig auf.
»Das hab ich dir doch erklärt. Sie halten Festmahl mit dem Satan. Aber sie essen kein richtiges Essen. Sie essen Kröten und Ratten. Und sie feilen an den Ketten, wenn der Böse gefesselt ist. Es ist richtig, was wir tun. Jetzt schlafen wir.«
Olof legte sich zurecht. Es war gut, nicht allein zu sein und gejagt zu werden, mit seinem Bruder zusammen zu sein. Er konnte so viel. Er besaß das Wissen. Selbst konnte er, Olof, nichts. Er konnte nicht einmal die Engel sehen.
Die Jungen saßen ganz hinten in der Kirche. Peder, der Pfarrer, stand auf der Kanzel. Er stand ganz still. Das Gesicht war mager, die Wangenknochen ragten hervor. Seine Augen wirkten vergrößert, wie zwei leuchtende Punkte stachen sie von der leichenblassen Haut ab. Er hob die Hände, um den Segen für sie zu erflehen. Mit erhobenen Händen stand er still da und begann zu sprechen.
»Es ist eine Seuche«, sagte er, »sie verbreitet sich über unser Land. Der Teufel hat auch in unserem Dorf Halt gefunden. Ihr, die ihr zur Verhütung von Schäden an Haus und Hof unbotmäßigen Zauber benutzt, müsst unbedingt damit aufhören. Wendet euch an Gott, bittet um seine Führung.«
Er verstummte und beugte sich vor. Als er wieder zu sprechen begann, erhob er die Stimme.
»Unter euch sind Frauen«, sagte er, »ja, in unserer Gemeinde sind Frauen, die sich dem Teufel verschworen haben. Wohin ich auch komme, ich höre das Gleiche. Diese Frauen bringen Kinder mit in seine Wohnung und nehmen ein Gastmahl mit ihm ein. Sie sind verloren, sie werden bis in alle Ewigkeit brennen. Ihr müsst standhaft bleiben! Ihr müsst derartigen Verlockungen widerstehen. Bedenkt, dass der Teufel die Gabe hat, sich zu verstellen. Vertraut auf Gott, lest seine Worte.«
Mattigkeit schien ihn zu überkommen. Er stützte den Kopf für einen Augenblick in die Hände, dann streckte er sie wieder in die Luft.
»Beunruhigende Dinge sind in angrenzenden Gemeinden geschehen. Zeugen haben auf jene hingewiesen, die ihre Kinder zum Blauen Hügel bringen. Seid wachsam, auch dann, wenn eure Kinder geborgen in ihrem Bett zu schlafen scheinen. Bleibt an ihren Betten sitzen. Jene, die das Zeichen des Teufels tragen, sind verschlagen. Sie nehmen die kleinen unschuldigen Wesen mit sich durch Wände und Rauchfänge und lassen ein Stück Holz zurück, das aussieht wie das Kind. Sie bringen es ins Haus des Teufels und dort tun sie ihm schändliche Dinge an. Seid wachsam und betet! Seid wachsam und betet!«
Er verstummte und beugte sich noch einmal über die Kanzel. Die Leute rutschten unruhig in ihren Bänken.
Pfarrer Peder hatte seine Ansprache beendet. Er ging hinunter zum Altar, hob seine Hände erneut und sprach den Segen über seine Gemeinde. Der Gottesdienst war beendet.
Während die Leute noch mit gesenkten Köpfen dasaßen, ging Peder rasch den Mittelgang entlang, gab den beiden Jungen ein Zeichen und öffnete das Kirchenportal.
Der Pfarrer trat hinaus. Er war blass, aber aus seinen Augen leuchteten zwei brennende Punkte. Mit zitternder Hand zeigte er zur Mauer an der linken Seite der Kirche, dort sollten sie sich hinstellen. Johan zog an Olofs Arm und nickte ihm aufmunternd zu. Gebieterisch stand der Pfarrer mitten auf dem Schotterweg und wartete. Die Ersten kamen, sie gingen zögernd, als ob sie ahnten, dass etwas Besonderes geschehen würde, oder als ob sie Respekt vor dem Gottesmann hätten.
Olof fühlte sich unbehaglich. Hier waren Menschen, die er wieder erkannte. Erst jetzt wurde ihm klar, welche Kirche es war. Hier konnten die Hindersons sein und andere. Oder die Mårtenssons!
Wenn Johan nun auf Didrik oder Karin zeigte.
Oder Lisbet!
Olof sah sich verwirrt um.
Waren sie hier?
Er hörte Johans hastigen Atem. Der Bruder zuckte, er warf den Kopf hin und her und bewegte sich auf die Stelle zu, wo der Pfarrer stand. Olof folgte ihm. In seinem Körper hämmerte es. Männer gingen vorbei, hoben ihre Kopfbedeckungen und grüßten den Pfarrer. Der stand immer noch mit über der Brust verschränkten Armen da, warf jedoch hin und wieder Johan einen Blick zu.
Plötzlich trat Johan ein paar Schritt vor. Er hatte die eine Hand erhoben und hielt eine Frau auf. Sie sah ihn misstrauisch an und zog ihr Tuch enger ums Gesicht.
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