Sobald die Nachricht von Monks Schreiben bekannt wurde, gingen die Londoner auf die Straße und feierten. Ganze Ochsenhälften wurden auf der Straße über offenem Feuer gebraten, und die Stadtglocken läuteten in einem fort. Jetzt hatte die Tyrannei der Militärherrschaft ein Ende und es galt wieder das Civil Law. Doch um seine volle Souveränität zurückzuerhalten, verlangte das Parlament nach dem königlichen Funken. Im Commonwealth hatte man versucht, den Gedanken durchzusetzen, die Macht des Parlaments gehe vom Volke aus, doch für eine Nation, die sich zu allererst an der Bibel orientierte, war die Autorität des Parlaments letztendlich göttlichen Ursprungs: und Sinnbild des Göttlichen blieben der Thron und sein Inhaber. In der Zeit des Commonwealth hatte es lediglich abstrakte Prinzipien gegeben, denen das Volk gezwungenermaßen die Treue halten musste; jetzt aber konnte es seine Treue aus freien Stücken erneut dem rechtmäßigen König schenken, dem Symbol für die Hoffnungen, die Ziele und die Einheit des ganzen Volkes.
Tief in der Psyche der Nation hatte sich ein neuartiges Verhältnis von Souverän und Volk herausgebildet, und eben dieses goldene Band führte schließlich zu dem, was das britische System auszeichnen sollte: zur konstitutionellen Monarchie.
Erst Ende März, bei seinem Zusammentreffen mit Sir John Grenville, dem Gesandten des Königs, offenbarte Monk eindeutig, auf wessen Seite er stand. Nun begann zwischen den beiden Männern, die das Schicksal zueinandergeführt hatte, jener Briefwechsel, der schließlich zu Charles’ uneingeschränkter und bedingungsloser Wiedereinsetzung führte. Auf Monks Rat hin verließ Charles die Spanischen Niederlande und reiste ins holländische Breda, wo er mit Hilfe des Lordkanzlers Edward Hyde, des späteren Earl von Clarendon, die zu Recht gerühmte Erklärung von Breda aufsetzte. Mit diesem vielsagenden Dokument gewährte er jenen, die gegen seinen Vater gekämpft hatten, Straffreiheit (mit Ausnahme derer, die an der Hinrichtung beteiligt gewesen waren), und er erklärte die »Freiheit des Gewissens«, damit »niemand behelligt oder infrage gestellt werde, nur weil er in religiösen Dingen eine andere Auffassung vertritt, sofern diese nicht den Frieden im Königreich gefährdet«. Zusätzlich sandte er Schreiben an beide Häuser des Parlaments.
Sobald das Parlament die Schreiben des Königs in Empfang genommen hatte, wurde er am 1. Mai einstimmig zur Rückkehr nach England aufgefordert, um dort gekrönt zu werden. Zusätzlich wurde ihm die Summe von 50000£ für seinen persönlichen Bedarf zugesprochen. Dieser Monat Mai des Jahres 1660 muss dem König, seiner Familie und seinen Anhängern im Exil wie ein Traum vorgekommen sein oder zumindest doch wie eine fantastische Charade. Am 15. Mai begab sich Charles auf Einladung der Generalstände, die ihm ihrerseits die Summe von 30000£ gewährten, nach Den Haag, wo Abordnungen des Ober- und des Unterhauses ihn schon erwarteten. Während seines Aufenthaltes dort traf eine weitere Delegation der Stadt London ein, die eine Truhe mit 10000£ in Gold mit sich führte. Charles und seine Brüder, die Herzöge von York und Gloucester, die so lange Zeit auf Reichtum hatten verzichten müssen, weideten sich an dem Anblick des Geldes. Es folgten acht Tage voller Bankette und Empfänge zu Ehren des Königs, und aus allen Teilen Europas strömten Leute nach Den Haag, die sich sein Wohlwollen sichern wollten. Minister Henry Coventry schrieb von London aus an den Marquis von Ormonde in Holland: »Ich bitte Euer Lordschaft, drängt Seine Majestät zu einer möglichst raschen Überfahrt, um zu verhindern, dass die Stadt gänzlich den Verstand verliert, denn zwischen Freude und Erwartung geht das Volk kaum noch schlafen.«
Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, welche Aufregung in Nells Bande zerlumpter Straßenkinder geherrscht haben muss. Für sie, die zur Zeit des Commonwealth geboren waren, muss schon allein das Wort »König« einen magischen Klang besessen haben. Als sie Zeugen wurden, wie die Kavaliere schon vor dem Tag der Restauration in Scharen aus dem Exil nach London heimkehrten und die neueste französische Mode für ihre Frauen und Töchter mitbrachten, war das für sie ganz sicher Anlass, von einer neuen bunten Welt voller Ritterlichkeit und Abenteuer zu träumen. Ich sehe Nell direkt vor mir, wie sie ihre Mutter löchert, ihr zu erzählen, wie der junge Prinz von Wales war, bevor er ins Exil ging. Und so mag sie wohl auch erfahren haben, dass sein dunkles Äußere ihm den Spitznamen »Black Boy« eingetragen hatte, und das wiederum hat ganz gewiss ihre Fantasie beflügelt, war sie selber doch die Königin der Coal Yard Alley. Und vielleicht hat ihr Mrs Gwyn den eher ernsten jungen Mann mit den schulterlangen schwarzen Locken und den dunklen Augen auch ganz genau geschildert, der im Alter von elf Jahren von seinem Vater ins Oberhaus geschickt wurde und um das Leben von »Black Tom« bitten sollte, des unglücklichen Earls von Strafford; und möglicherweise hat sie ihr auch erzählt, dass überall in der Stadt Gerüchte darüber kursierten, welchen Mut und welche Selbstbeherrschung der Junge an jenem Tag bewiesen hatte.
Und so wie sich das ganze Land in einem Zustand nervöser Erwartung befand, gleich einer Braut am Vorabend der Hochzeit, die an nichts anderes mehr denken kann als an den geheimnisvollen Bräutigam, so hat ganz gewiss auch die kleine Nell, das Aschenputtel der Londoner Elendsviertel, stundenlang vor dem gesprungenen und blinden Spiegel ihrer Mutter gestanden und sich den Staub und die Asche aus den Haaren gebürstet, um für die Rückkehr des Königs gerüstet zu sein. Jetzt war der richtige Augenblick gekommen, die Strümpfe von Poor Dick anzuziehen und die alte, abgestoßene Brosche, die sie neulich auf der Straße gefunden hatte, an ihren besten Arbeitskittel zu heften. Jetzt war der richtige Augenblick da, ihre wilde und treue Meute um sich zu scharen und ihre Träume von ihrem zukünftigen Ruhm zu verkünden. Staunend und mit offenen Mündern haben sie ihr wohl zugehört, als sie bekannt gab, eines Tages werde sie den König heiraten und sie dann alle zu einem zünftigen Abendessen in den Palast einladen.
Am 23. Mai stachen der König und sein Gefolge auf der Naseby in See, die in aller Eile in Royal Charles umgetauft worden war, und es war durchaus nachvollziehbar, dass der König an seine gefährliche Flucht nach der Schlacht von Worcester zurückdenken musste. Das war das letzte Mal gewesen, dass er den Fuß auf heimatlichen Boden gesetzt hatte. Samuel Pepys, der siebenundzwanzigjährige Marinesekretär, befand sich mit an Bord und lauschte, den Tränen nahe, den Erzählungen des Königs über seine Leidenszeit. Im Gegensatz zu dem, was Pepys bisher über den König gehört hatte, beeindruckte der ihn durch seine Tatkraft, sein geistreiches Wesen und seine Gewohnheit, früh aufzustehen. Die hatte ihm den Spitznamen »Chanticleer«, d.h. »Gockel« eingebracht. Außerdem teilten die beiden Männer die Liebe zur Musik, und Samuel erhielt die Verantwortung für die königliche Gitarre übertragen.
Bei Sonnenaufgang des 25. Mai ging die königliche Gesellschaft in Dover vor Anker. Schon zu dieser frühen Stunde hatte sich auf den Dünen und Klippen eine Menge von ungefähr fünfzigtausend Menschen versammelt, um die Ankunft des Königs mit eigenen Augen mitzuerleben. Sie jubelten sich heiser, als Charles an Land ging und auf die Knie sank, um für seine sichere Heimkehr zu danken. Als er sich wieder erhob, wurde er von General Monk und dem Bürgermeister von Dover begrüßt. Sie machten ihm eine Bibel zum Geschenk, die Charles, wie er erklärte, »über alles in der Welt liebte«. Nach kurzen Aufenthalten in Canterbury und Rochester traf Charles, der überall auf seinem Weg begeistert willkommen geheißen worden war, am 29. Mai in London ein. Es war sein dreißigster Geburtstag. Der Umstand, dass es sein Geburtstag war, ist höchst bedeutsam, fiel doch so der Tag, an dem die Nation wiedererstand, mit dem Tag seiner Wiedergeburt zusammen.
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