Verdammt, ich vermisse Grace.
„Hey, Greg“, höre ich eine Stimme hinter dem Empfangstresen rufen.
„Emmy. Wie ist es hier so gelaufen, Babe?“
„Alles in Ordnung, Greg. Allerdings rennt Axel wie ein Verrückter durch die Gegend. Ich glaube, er ist wegen des Wochenendes gestresst.“
„Darauf wette ich.“ Ich lache und rücke Nate auf meinem Arm zurecht. „Ich bringe ihm den kleinen Mann. Ich bleibe nicht, aber wir sehen uns ja am Wochenende.“
„Alles klar, Greg.“
Wenn ich nicht gesehen hätte, wie sie einem der Jungs wegen irgendeinem Scheiß die Hölle heiß macht, hätte ich schwören können, dass die schüchterne kleine Maus ganz und gar schwach ist.
Ich schüttele den Kopf und gehe den Flur hinunter zu Axels Büro. Ich höre ihn durch die geschlossene Tür Anweisungen brüllen. Mist, irgendjemand muss ihn heute Morgen stinksauer gemacht haben.
„Wenn ich du wäre, würde ich das nicht machen.“ Ich drehe mich um und sehe in Becks ausdrucksloses Gesicht.
Es ist nie gut, wenn dieser lockere Typ anfängt, sich zickig zu benehmen. „Gibt es ein Problem?“
„Ja. Ungefähr ein einsfünfundneunzig großes, stinksaures Problem. Was zur Hölle ist mit ihm los?“ Er reibt sich den Nacken, ein weiteres Zeichen, dass Beck unter Stress steht.
„Ich denke, dasselbe, was Izzy fertig macht. Bei all dem Scheiß, den sie durchgemacht haben, haben beide Angst, auch nur zu blinzeln, bis die Hochzeit vorbei ist.“
Und das ist so verdammt schade. Axel und Izzy haben nicht den märchenhaften Beginn, den Paare, die so perfekt sind wie sie, verdienen. Sie haben vielleicht eine Weile gebraucht, um wieder zueinanderzufinden, aber sie machen sich grundlos Sorgen. Keiner von uns würde zulassen, dass etwas passiert, weswegen das Ereignis verschoben werden müsste.
„Und das ist die ganze Laus, die dir heute über die Leber gelaufen ist, Beck?“
„Und noch mehr Scheiß mit Dee. Ich weiß nicht, warum ich mich so sehr bemühe, ich weiß es wirklich nicht.“
Bei einem näheren Blick auf ihn bemerke ich, dass der Stress ihm aus jeder Körperpore dringt. Er vibriert vor Frustration, und das tut ihm nicht gut.
„Was ist es diese Woche?“, frage ich, wohl wissend, dass sie ihn die letzten beiden Jahre an der Nase herumgeführt hat. Ich glaube nicht, dass irgendjemand weiß, was wirklich passiert ist, aber es fing schnell an und dann trat Dee rasch und hart auf die Bremse.
„Zur Hölle, wenn ich das wüsste. Sieht so aus, als würde sie irgendeinen Blödmann aus ihrem Büro zur Hochzeit mitbringen. Ich weiß nicht, warum sie so ein Problem damit hat, zuzugeben, dass da was zwischen uns ist. Aber ich kann dir sagen, dass ich es absolut satthabe, darauf zu warten, dass sie sich endlich entscheidet.“
„Okay. Ich lasse mich in den Scheiß nicht reinziehen. Du bist vielleicht mein Bruder, aber diese Frau wird dich immer ausstechen.“
Ich drehe mich um, klopfe an Axels Tür und warte nicht auf seine Antwort, sondern schiebe sie auf. In das Drama zwischen Beck und Dee will ich mich nicht einmischen. Um Gottes willen, nein.
„Was …“, blafft Axel, bevor er sieht, wer in sein Büro gekommen ist.
„Sehr nett, du Idiot. Dein Sohn hat heute beschlossen, mich mit Kotze zu dekorieren, also bist jetzt du an der Reihe. Ich liebe diesen Jungen, aber ich will nicht nach der Muttermilch deiner Frau riechen.“
„Warum hast du meinen Jungen? Wo ist Iz? Geht es ihr gut?“
Er steht auf und will offenbar aus dem Büro rennen, um nach seiner Frau zu sehen. Verdammt, er verwandelt sich in ein verfluchtes Weichei.
„Beruhige dich. Herr im Himmel. Was ist bloß mit euch beiden los? Du benimmst dich wie ein Weib, das gerade die Periode gekriegt hat. Und Izzy scheint darauf zu warten, dass eine Katastrophe über sie hereinbricht. Nichts wird passieren, kapiert?“
Er seufzt und lässt sich schwer auf den Stuhl fallen. „Ja. Ich habe das Gefühl, dass sie jede Sekunde wieder verschwinden könnte, und ich kann nichts gegen diese Vorstellung tun. Ich habe alles versucht.“ Er schüttelt den Kopf, sammelt seine Gedanken und sieht mich an. Entschlossenheit blitzt in seinen Augen auf. „Gib mir meinen Jungen und fluche nicht in seiner Gegenwart, du Arschloch.“
„Du bist ein Idiot, Axel. Izzy hat irgendwas wegen der Hochzeit zu tun. Nate hat Fieber, darum war ich gerade mit ihm beim Arzt. Sie wollte nicht, dass du dir Sorgen machst, aber ernsthaft, im Moment will ich ihn nicht nach Hause bringen und ihr alles erklären, weil sie ohnehin schon am Durchdrehen ist.“
„Ja, sie meinte gestern Abend, dass er sich nicht wohl fühlt. Aber er war zufrieden, als ich heute Morgen zur Arbeit fuhr. Geht es ihm gut? Verdammt, warum hat sie mich nicht angerufen? Du hättest meinen Jungen nicht nehmen müssen.“
Er zieht Nate eng an sich und kuschelt mit ihm. Der Anblick versetzt mir einen scharfen Stich ins Herz.
„Ich weiß es nicht, vielleicht, weil du dich in den letzten beiden Wochen genauso schlimm benommen hast wie sie. Es geht ihm übrigens ganz gut. Er hat eine Mittelohrentzündung auf beiden Seiten. Aber ich habe dem Arzt erklärt, was dieses Wochenende bei euch los ist. Darum hat er ihm eine Spritze mit einem Antibiotikum gegeben, um die Heilung zu beschleunigen.“
Ich werfe Nates Rezepte auf den Tisch, küsse den kleinen Mann auf den Kopf und gebe Ax einen Klaps auf den Rücken. „Reiß dich zusammen und beruhige dich, verdammt. Es passiert schon nichts. Aber wenn du mir den Namen von Schwester Sünde sagen kannst, gebe ich dir hundert Dollar. Scheiße, Mann.“
Axels Lachen dröhnt durchs Zimmer, und Nate lächelt zahnlos zu seinem Vater hoch. „Ich weiß genau, von wem du sprichst, und wenn du Izzy verrätst, was ich gerade gesagt habe, schneide ich dir die Eier ab. Aber verdammt, diese Frau. Hast du gesehen, wie groß ihre Titten sind?“
„Zur Hölle, wie hätte ich die übersehen können?“
Wir quatschen noch eine Weile, bis mein eigener Geruch mich dazu treibt, mich ebenfalls übergeben zu wollen. Axel dreht fast durch, als ich ihm erzähle, wobei mich Izzys Anruf an diesem Morgen unterbrochen hat. Axel war noch nie ein Fan von Mandy. Er denkt, dass sie eine Schlampe ist, die es nur auf mein Geld abgesehen hat, und inzwischen kann ich ihm kaum mehr widersprechen.
Ich verlasse das Büro, versichere mich bei Emmy, dass Sway mir nicht auf dem Weg zum Truck auflauert und fahre in der Hoffnung los, dass ich duschen und mich ein paar Stunden entspannen kann, bevor ich das nächste Problem lösen muss.
Ein weiterer langer, nicht enden wollender Tag. Wir werden von Patienten überrannt, und Dr. Shannon weigert sich, die Praxis vor halb neun zu schließen. Ich hasse es, die Pläne mit Cohen aufzugeben, aber ich kann auf keinen Fall jetzt mit ihm zu Abend essen. Ich unterdrücke den Drang, ein Loch in die Wand zu schlagen und gehe zum Bad, wobei ich mir den Arbeitskittel ausziehe.
Meine Gedanken wandern zu dem Mann, der heute mit Izzys kleinem Jungen gekommen ist. Er ging auf so natürliche Art mit Nate um, dass klar war, dass er schon mit Kindern zu tun gehabt hat, aber Iz hat ihn noch nie erwähnt. Ich hatte das Glück, mich während der letzten zehn Monate mit Izzy West anzufreunden. Als ich sie das erste Mal traf, war ich auf der anderen Seite von Dr. Shannons Tür und kam mit Cohen, statt zu arbeiten. Wir freundeten uns an, was ich zu der Zeit dringend brauchte. Ich zwinge mich, nicht an die Ereignisse zu denken, die zu dieser Freundschaft geführt haben. Meine Schwester würde mir in den Hintern treten, wenn ich wegen ihr auch nur eine Träne vergieße. Auf keinen Fall. Ich war jetzt seit über einem Jahr ein großes Mädchen und würde mich von Erinnerungen nicht herunterziehen lassen.
Ich schüttele den Schmerz ab, der mich überkommt, wenn ich in Cohens Gesicht sehe oder an meine Schwester denke. Das ist jetzt die einzige Realität, die ich kenne. Aber darin bin ich verdammt gut. Ich habe den Verlust meiner Schwester verarbeitet, doch das heißt nicht, dass der Schmerz verschwunden ist.
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