Mittlerweile war die gnädige Frau wieder zu Atem gekommen und unterbrach meine Mutter damit, dass sie derselben bemerklich machte, wenn auch alles wahr sei, was sie erwidert habe, so sehe sie doch keinen Grund ein, warum sie sich solche unanständige Freiheiten erlaube; überhaupt habe nicht einmal Sir Herkules von ihr eine derartige Gunstbezeugung genossen, bis er ihr den Ring an den Finger gesteckt. Dann seien allerdings derartige Dinge zulässig — jedoch immerhin nur gelegentlich. Und noch obendrein in der Küche! Sie bemerkte ferner, ob man wissen könne, dass der Beischiffsführer nicht bereits weiss Gott wie viele Weiber habe. Es würde sie nicht überraschen, wenn jener lange Haarzopf nicht schon wenigstens fünf — ja vielleicht sechs oder sieben besitze. Darauf erwiderte meine Mutter: „Nur die Dankbarkeit gegen sie (hupp), weil sie ihre Zustimmung gegeben, mit (hupp) Sir Herkules zu sprechen (hupp), damit er bei der gnädigen Frau ein Fürwort einlege (hupp), habe Mr. Sounders veranlasst (hupp), sich — eine — solche — Freiheit (hupp — hupp — hupp —) zu nehmen — was er nie — zuvor gethan habe, (hupp) — nie! nie — auf Ehre nie! —“ Sie konnte nicht weiter vor Schluchzen.
Diese Erklärung wirkte etwas besänftigend, und die Kammerjungfer einer gnädigen Frau brachte in der Folge durch Demut und Schmeicheleien ihre Gebieterin dahin, dass sie einwilligte, die Sache mit Sir Herkules ins reine zu bringen, als einzigen Grund für ihr Einschreiten angebend, dass es besser sei, wenn nach der Vertraulichkeit, welche zwischen ihnen vorgegangen sei, die Heirat je eher je lieber stattfinde. Die Wünsche der gnädigen Frau waren Befehle. Sir Herkules erklärte meinen Vater für einen Narren, und das Paar ging mit einander zur Kirche.
Meine Mutter hatte, wie bereits bemerkt, ein gutes Aussehen und mochte etwa zwei oder drei Jahre älter sein, als mein Vater. Sie war übrigens von schlimmer Gemütsart, empfindlich, rachsüchtig, und hatte stets eine grosse Freude daran, andere Leute zu ärgern. Wenn ihr dies dann gelungen war, so pflegte sie stets ihre Bemerkungen mit den Worten zu schliessen; „so, jetzt hab’ ich Dir doch die Galle ein bischen aufgeregt!“ War sie durch die Entgegnungen der andern in üble Laune versetzt worden, so versuchte sie ihren Verdruss durch Singen zu verbergen, und da sie sich so viele Jahre in der Kinderstube aufgehalten hatte, so wählte sie zu ihren Liedern gewöhnlich solche, mit denen man Kinder zu beschwichtigen oder zu unterhalten pflegt. „Sounders,“ konnte sie ausrufen, „bist Du nicht der grösste Narr, der je auf zwei Beinen gegangen ist, dass Du Dir so viel auf Deinen langen Haarzopf einbildest? Könnte man doch glauben, ich hätte einen Affen, einen Orangutang geheiratet statt eines Mannes. So, jetzt habe ich Dir die Galle ein wenig aufgeregt! Man kann nicht einmal den Mund aufthun.“
Meine Mutter wusste wohl, wo sie anklopfen musste, und dieser Angriff auf den Zopf war mit Sicherheit darauf berechnet, meinen Vater aufzubringen, der dann nicht gerade in höflichen Reden antwortete, bis endlich auch sie in Ärger und dann halb kreischend hinaussang —
„Heididel, heididel, die Katz und die Fidel,
Die Kuh sprang über den Mond“ u. s. w.
Und so quiekste sie fort, bis sich ihr Zorn abgekühlt hatte.
Die Folgen ihrer ehelichen Verbindung mit einem Beischiffsführer wurden bald sichtbar. Sechs Monate nach ihrer Verheiratung erklärte Lady Herkules das Aussehen meiner Mutter für ganz unanständig und durchaus nicht mehr geeignet, sich in dem Dienste einer Dame von ihrem grossen Zartgefühl zu präsentieren. Mrs. Sounders, die noch obendrein mit jedem Tage träger wurde, erhielt daher ihre Aufkündigung, packte nach Ablauf des Monates in grossem Zorne ihre Schachteln auf, schlug, als sie das Haus verliess, die Thüre hinter sich zu und sang im allerhöchsten Schlüssel ihrer Stimme:
„Dikori Dikori Dock
Die Maus lief hinauf zu der Glock“ u. s. w.
Mein Vater wünschte, dass sie an Bord der Fregatte wohne, aber dazu wollte sie ihre Einwilligung nicht geben, indem sie erklärte, es sei zwar wahr, dass sie sich und ihre Familie durch eine Heirat mit einem Beischiffsführer herabgewürdigt habe, aber so weit wolle sie sich denn doch nicht erniedrigen, dass sie sich unter die gemeinen Kreaturen an Bord mische. In diesem Entschlusse hatte meine Mutter, wie ich glaube, recht; aber ihrer Entlassung und Ungnade folgte der weitere Umstand, dass mein Vater seine Stelle verlor und dem grossen Mars zugeteilt wurde — aus keinem anderen Grunde, als weil es so der Wille und Befehl von Lady Herkules war.
Die gnädige Frau zog in Betracht, dass sie durch meines Vaters Dazwischenkunft eine gute Dienerin verloren hatte, und fasste daher einen solchen Widerwillen gegen ihn, dass sie ihn nicht wie gewöhnlich als Beischiffsführer ins Haus kommen lassen wollte; auch war sie ferner der Ansicht, wenn er die Funktion nicht mehr versehe, so sei er auch nicht zu den Rationen berechtigt. Nach kaum sieben Monaten war also meinem Vater die Heirat zu einer Quelle bitteren Verdrusses geworden: er gehörte nicht länger zu den Unteroffizieren und hatte auch von seinem Solde eingebüsst. Der Stolz meiner Mutter war verletzt, und wenn sie schon nicht als die Gattin von des Kapitäns Beischiffsführer an Bord bleiben mochte, so hatte sie jetzt noch weniger Lust dazu, nachdem er zu einem gemeinen Matrosen degradiert war. Was meinen Vater betrifft, so war er das leibhaftige Bild des Elends, denn jetzt hatte er keinen anderen Trost mehr, als dass er sein Tabaksröllchen im Munde umherwarf und seinen Zopf band.
Doch alles in der Welt ist dem Wechsel unterworfen, und so trat denn auch für die Fregatte ein Wechsel des Stationsplatzes ein, da sie ins Ausland kommandiert wurde. Sir Herkules verabschiedete sich von seiner gnädigen Dame, welche sich nun nach Tonbridge-Wells zurückzog, und mein Vater von meiner Mutter, die sich nach Woolwich begab. Sie hatte sich in ihrem Dienste einiges Geld erspart, und mein Vater händigte ihr allen Sold ein, den er erhielt, als die Schiffsmannschaft vor der Ausfahrt der Fregatte bezahlt wurde. Ich muss Sir Herkules die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er, sobald er die Soundings und den Einfluss seiner Frau im Rücken hatte, meinen Vater wieder in sein früheres Amt einsetzte. Sounders war übrigens in der That der hübscheste und beste Matrose im Schiffe und verstand sich vortrefflich auf seinen Dienst, hatte auch ausserdem unter Rodney gefochten und die Belagerung von Gibraltar mitgemacht.
Ich muss jedoch zu meiner Mutter zurückkehren, welche sich nach der Abreise meines Vaters in einer Vorstadt von Woolwich einmietete. Von der abermaligen Standeserhöhung meines Vaters wusste sie nichts, und da sie nicht wünschte für die Gattin eines gemeinen Matrosen gehalten zu werden, so bezeichnete sie ihren Mann als den Kapitän eines Kauffahrers, welcher den Transport von Truppen nach Westindien übernommen habe. Diese Angabe verschaffte ihr Aufnahme in Gesellschaften, die über ihrer wahren Stellung standen, und da sie hiedurch genötigt war, mehr Geld auszugeben, als sie erschwingen konnte, so schwanden ihre Finanzen rasch dahin. Im Laufe der Zeit trat ich ans Licht — ein hübsches Bübchen, das aber zu nichts aufblicken konnte, als zu einer fast bettelarmen Mutter, einem abwesenden Vater (wenn er überhaupt noch am Leben war), dem Werkhause und dem Himmel.
In welchem sich meine Mutter als ein zärtliches Weib beweist, zugleich aber auch ihren aufopfernden Patriotismus an den Tag legt.
Ich hatte mein zweites Lebensjahr zurückgelegt, ehe Nachrichten von meinem Vater einliefen. Alle Auskunft, die meine Mutter erlangen konnte, bestand darin, dass die Schiffsmannschaft der ‚Druide‘ auf eine andere Fregatte, namens ‚Melpomene‘ überpflanzt worden sei, da erstere für nicht mehr seewert erklärt und demgemäss zu Port-Royal ausser Dienst gestellt und abgebrochen worden war.
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