„Mein Geld ...?“ Ich versuchte nach meiner Rocktasche zu fassen.
„Geben Sie sich keine unnütze Mühe!“ bemerkte der Arzt trocken, „es ist alles fort, auch Börse und Uhr. Wie sollte es anders sein? Unter allen Umständen hätten doch die tartarischen Kellner und die Hausdiener alles gestohlen, was Ihnen etwa ‚die goldene Hand‘ übrig liess ... Sie wird neuerdings masslos frech, diese Bande! Man hört es von allen Seiten.“
„Wer?“
„Nun, eben ‚die goldene Hand‘. Sonst arbeitet die Spitzbubengesellschaft nur auf den Eisenbahnen. Da ist ihre Spezialität, Reisende mit Chloroform zu betäuben oder auch kurzweg im Schlafe zu erdrosseln, um sie dann auszuplündern.“
„Aber wer sind die Menschen? ... Hat man sie verhaftet ...?“
„Sie sind erst seit gestern in Russland,“ sagte der junge Pole, „sonst würden Sie nicht danach fragen. Niemand weiss, wo die Leute geblieben sind, wie zahlreich die weitverzweigte Bande ist, und selbst wenn ein eifriger Beamter sie finge, was dann? Ihre Begleiterin zum Beispiel wurde schon wiederholt festgenommen. Ich sprach eben mit dem älteren Gehilfen des Staatsanwalts darüber, der hier war, um ein Protokoll aufzunehmen. Sie war schon zweimal unterwegs nach Sibirien und ist immer wieder entwischt. Verschicken sie sie morgen zum dritten Male, so ist sie nach einem Vierteljahre abermals da!“
„Und Sie meinen damit Olga Féodorowna?“ fragte ich mühsam.
„Sie hat viele Namen,“ sagte der Arzt kaltblütig, „aber sie bleibt immer, was sie ist: das gefährlichste Mitglied der ‚goldenen Hand‘, verschlagen und raubgierig wie eine Katze. Nun, einmal wird sie doch auf ihren Streifzügen das Schicksal ereilen, sei’s hier oder im Orient oder im Balkan!“
„Und die Polizei ist machtlos?“
„Es gibt hier nur eine Macht: den Rubel! Und dass die ‚goldene Hand‘ diese besitzt, zeigt Ihnen schon ihr Name. Apropos, haben Sie viel verloren?“
„Ich kann es verschmerzen,“ sagte ich ingrimmig.
„Aber ein anderes Mal seien Sie vorsichtiger! Es ist schon mancher schlimmer dabei weggekommen als Sie. Und nun halten Sie sich ruhig und nehmen die Medizin. In einigen Tagen können Sie reisen.“
Der Doktor ging. Zwei Tage darauf erhielt ich ein Darlehen von dem Konsulat, bestieg das Coupé, in dem ich Ihnen gegenübersitze, und glaube, Ihnen als ehrlicher Mann versichern zu dürfen, dass es keineswegs meine Absicht ist, noch einmal Abenteuer in Russland aufzusuchen.
*
Eben als mein Reisegefährte endete, liefen wir in der Station Birsula ein. Es entstand das übliche Lärmen und Treiben auf dem hohen Bretterperron. Ein junger Mann stieg bei uns ein; dann klang die Bahnhofsglocke, und wir fuhren hinaus in die Abenddämmerung der Steppen. Ein Kondukteur in seiner kleidsamen Uniform, der Lammfellmütze, dem Kaftan, den Kniestiefeln und bauschigen Hosen, das Georgskreuz vom Türkenkriege her auf der Brust, trat ein, zündete die Kerzen im Coupé an und ging weiter.
„Tut sehr not,“ bemerkte der neue Mitreisende, offenbar froh, einen Anknüpfungspunkt zu finden, „die Beleuchtung meine ich. Nun, jetzt werden sie ohnedies auf den Zügen aufpassen. Es geht ja jede halbe Stunde eine Ronde durch die Waggons und sieht nach, ob noch alles lebendig ist!“
„Was ist denn geschehen?“ erkundigte ich mich.
„Wissen Sie es nicht? Ich komme eben von Kiew. Gestern nacht wurde im Moskauer Schnellzuge der Ehrenbürger Wassiljeff, — Sie wissen, der Krösus von Kiew, — erwürgt vorgefunden.“
„Und von den Tätern keine Spur?!“ sagte melancholisch mein Gegenüber.
„Man fahndet auf sie,“ erwiderte der Reisende aus Kiew. „Die Sache macht doch zu viel Aufsehen. Denken Sie sich ... ein zwanzigfacher Millionär! Und wissen Sie, was die Mörder bei ihm fanden? Achtzig Papierrubel und einige Kopekenstücke!“
Mein Genosse erwiderte nichts. Der Zug rollte weiter, und die Nacht sank auf die Steppen herab.
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