Dem Lärme zu entgehen, trat ich ein paar Schritte weiter und sah zu meinem Erstaunen Olga Féodorowna, in einen grauen Mantel gehüllt, im Sterne des Schiffes stehen. Sie sah blass und leidend aus. Offenbar hatte sie nur die langsamere Bewegung des Dampfers dazu veranlasst, einen Augenblick heraufzukommen und frische Luft zu schöpfen. Ich wollte auf sie zugehen. Da sah ich ein merkwürdiges Bild. Der erste Steuermann, ein Balte, stand plötzlich, aus einer Luke auftauchend, an Deck, dicht vor Olga. Bei ihrem Anblicke trat er unwillkürlich einen Schritt zurück und sah sie mit finsterem Unwillen an.
„Sie hier?“ sagte er endlich kurz.
Olga antwortete etwas Russisches.
„Sprechen wir deutsch, dass uns die Kerle nicht verstehen,“ unterbrach sie der Steuermann, unwirsch auf ein paar Matrosen in der Nähe zeigend, „wie kommm Sie auf das Schiff?“
„Seltsame Frage! ... Wie jeder andere Passagier.“
„Und der Kapitän nahm Sie mit?“
„Sie können meinen Pass bei ihm sehen.“
„Ich kann’s nicht ändern,“ brummte der Steuermann, „aber ich warne Sie ...“
„Vor was denn?“ fragte Olga sanft.
„Ich kenne dich, mein Täubchen,“ sagte der andere kühl, „und ich schwöre dir, wenn es nach mir ginge, wäret ihr alle schon lange jenseits des Ural!“
„Wie denn, Väterchen? ... Harmlose Reisende mit Sibirien zu erschrecken ... Erbarmen Sie sich!“
„Genug,“ sagte der Steuermann, „wir wissen ja, dass Sie den Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen. Was auf der Eisenbahn geschieht, geht mich nichts an ... aber hier an Bord des Schiffes ...“
„Ist je schon etwas vorgekommen an Bord Ihres Schiffes?“ bemerkte Olga schnell. Ihre Augen waren in diesem Moment vollständig grün und leuchteten wie die einer gereizten Katze. „Nichts, mein lieber Karl Karlowitsch, Sie wissen es so gut wie ich! Was reden Sie also? Und nun guten Morgen! Ich bin krank und will schlafen.“
„Sorgen Sie lieber, dass Ihnen der Himmel Ihre Sünden vergibt,“ murmelte der Steuermann und sah mit finsterem Interesse der schlanken Gestalt nach, die, vorsichtig tastend und sich festhaltend, die schwankende Kajütentreppe hinunterstieg.
In den nächsten Minuten war mein Gesichtsausdruck sicherlich nicht der geistreichste. Ich sah vermutlich so scharfsinnig aus wie ein Mann, dem man eben mit einem festen Knüttel vor den Kopf gehauen hat, und starrte regungslos in das wogende Nebelmeer. Hier und dort begannen sich die grauen Schleier schon zu lichten, die Tageshelle schimmerte durch, ein frischer Wind zerriss die Wolkenwände, die sich halb auflösten, sich wieder zusammenballten, da und dorthin zogen und endlich vollständig auseinander trieben, bis die letzten grauen Fetzen gleich vom Sonnenlichte verscheuchten Gespenstern fern über die nun wieder tiefblauen Wogen dahinkrochen.
Um diese Zeit hatte ich mich so weit gesammelt, dass ich mit höflichem Grusse zu dem an der Bordwand lehnenden Steuermanne hinzutrat. Er grüsste zurück und äusserte die unvermeidliche Bemerkung, dass das Wetter wieder schön zu werden verspräche. Ich stimmte ihm bei. Dann schwiegen wir beide.
So ging es nicht weiter. Das war klar.
„Wer war eigentlich“, fragte ich, indem ich einen förmlichen Ruck im Innern empfand, „die junge Dame?“
„Welche Dame?“
„Mit der Sie vorhin sprachen.“
Der Seemann sah mich misstrauisch an. „Ich weiss nicht, wie sie heisst,“ sagte er und blickte auf das Meer hinaus.
„Aber Sie kennen sie doch.“
Mein Gegenüber schwieg eine Weile. „Man sieht sie zuweilen auf den Dampfern,“ meinte er endlich mürrisch. „Gutes bringt sie nicht mit sich ... sie fährt nach Konstantinopel, nach Varna, aber meistens nach dem Kaukasus, nach Poti oder Batum, — auch nach der Krim.“
„Und was tut sie da?“
„Wie soll ich denn das wissen?“ — Der Steuermann machte ein paar Schritte nach der Luke.
Ich liess ihn nicht los. „Merkwürdig,“ sagte ich, „es ist doch unzweifelhaft eine Dame der guten Gesellschaft ... nicht wahr?“
„Fragen Sie sie selbst,“ riet der Steuermann kühlen Tones. Er stand schon dicht an der Luke. Die Entscheidung musste fallen. „Am Ende ist sie politisch verdächtig?“ fragte ich schnell.
„Politisch verdächtig?“ Der Steuermann schob vorsichtig sein rechtes Bein hinab in das Dunkel. „Vielleicht mehr als das.“
„Mehr als das? ... Also ...“
„Ich habe ‚vielleicht‘ gesagt.“ — Der Mann versank in der finsteren Öffnung. „Ich habe überhaupt gar nichts gesagt,“ rief seine Stimme noch einmal aus der Tiefe. Dann war er verschwunden, und ich stand in trübem Sinnen da.
Also wirklich eine Nihilistin! ... Aber was wollte sie dann von mir?
Eine Möwe schrie, an mir vorbeischiessend, ordentlich spöttisch auf. Ein paar Delphine überschlugen sich höhnend in den Wogen. Mir schien es, als ob selbst die unvernünftigen Tiere mich verspotteten.
Eine hübsche Lage: zusammen mit einer Hochverräterin das Land der Knute zu betreten! Vielleicht hat sie Dynamit in den Taschen ... oder Proklamationen ... Gift ... Was weiss ich! Man verfolgt sie wohl schon steckbrieflich, man nimmt mich mit ihr fest ... ich sehe mich auf dem Wege nach den Bergwerken ... entsetzlich!“
Und dann kommt wieder die kühle Vernunft und raunt mir zu: „Es gibt ein deutsches General-Konsulat in Odessa. Man bestätigt dir, dass du ein unbescholtener Staatsbürger bist. Niemand kann dir etwas anhaben, sobald du dich von deiner gefährlichen Bekannten trennst. Du hast ja keine Verpflichtungen gegen sie ... überlasse sie ihrem Schicksal!“
Dagegen wäre nichts zu sagen gewesen. Aber nun erschien wieder der unselige Hang zur Romantik, der, wie ich häufig bemerkte, eines der Verhängnisse meines Daseins bildet. Reisen, das kann jeder; aber auf der Reise etwas erleben, das ist eine Kunst heutzutage im Zeitalter der Eisenbahnen und Riesenhotels! Und nun gar ein solches Abenteuer! Ein Einblick in die Mysterien des Nihilismus, eine Möglichkeit, diese geheimnisvollen Menschen von Angesicht kennen zu lernen, von denen ganz Europa spricht! Wie würde man mich zu Hause um diese Erinnerung fürs Leben beneiden. Und doch! Es war ja ein Unsinn, ein ganz handgreiflicher, lichter, verführerischer Unsinn!
So schwankte ich hin und her den ganzen Tag. Olga kam nicht zum Vorschein. Und des Abends war ich von den Zweifeln so erschöpft, dass ich trotz des Schnarchens meines Reisegefährten die ganze Nacht in tiefem Schlafe auf dem kurzen Plättbrette zubrachte, das man ein Schiffsbett nennt.
Als ich am andern Morgen erwachte, lag der Dampfer reglos still. Ein Lärmen und Poltern auf Deck belehrte mich, dass wir schon angekommen seien. Jetzt war der Augenblick der Entscheidung da, und während ich mich anzog, siegte glücklich die Vernunft. Fort von dem Schiffe, — so rasch wie möglich und ohne Olga zu sehen! Das war mein einziger Gedanke, der sich sofort zur Tat gestaltete.
Ich nahm meinen Pass in Empfang, liess meine Koffer von einem flachshaarigen, in hohen Transtiefeln und rotem Hemde steckenden Riesen in den Zollschuppen am Kai schaffen und eilte selbst hinterher. Ein Beamter, ein schmieriger, junger Mensch, begann eine flüchtige Durchsuchung, und währenddessen erblickte ich — Olga! Sie stand am andern Ende des Schuppens, mit verhaltener Wut auf die Douaniers vor ihr schauend, die ihre Koffer mit peinlichster Sorgfalt revidierten. Sie kam offenbar so bald noch nicht weg, und während ich das noch überdachte, ertönte neben mir die Stimme des Beamten: „Karaschó! ... Es ist gut!“ Ich war entlassen. Ein neben mir stehender Herr nannte mir auf Befragen das Hotel de Rome; ich stürzte mich mit meinem Gepäck auf einen der Fuhrleute, der Iswoschtschik trieb an, und wir rasten durch die Hafenstadt, vorbei an Schiffen und Schuppen, an mächtigen Herden grauen, langgehörnten Rindviehs, an Kohlenlagern und betrunkenen Bauern, vorbei an Matrosen und Kaufleuten und Zollbeamten, durch steile Gassen hinauf zu der eigentlichen Stadt, die sich am Rande des jäh abfallenden Strandes erhebt. Ab und zu wandte ich den Kopf um. Ich sah Olga nicht.
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