Wir haben in Jesaja 49,1–6 die Sendungsstruktur vor uns, die uns im Verhältnis von Matthäus 10 und 28 ausdrücklich wieder begegnet. Am Anfang steht die Sendung, die nur Israel gilt, nicht aber über Israel hinausgeht. Sie führt jedoch zum Scheitern – und das ausgerechnet an Israel selbst. Angesichts dieses »Scheiterns« aber geschieht das Erstaunliche. Gott selbst erweitert die Sendung: »… so will ich dich denn zum Licht der Völker machen, dass mein Heil reiche bis an das Ende der Erde.«
Die Deutung der Sendung Jesu und der Gemeinde von Jesaja 49,1–6 her findet sich nicht nur bei Matthäus. Paulus spricht davon, das Evangelium gelte »den Juden zuerst und auch den Griechen« (Römer 1,16). Reflektiert wird dieser Umstand von Lukas in der Apostelgeschichte dargestellt (Apostelgeschichte 13). Der Dreiklang: Sendung an Israel, Scheitern an Israel, Sendung zu den Heiden wird ausdrücklich mit einem Zitat aus Jesaja 49,6 begründet (Apostelgeschichte 13,47). Das Wort Gottes an seinen »Knecht« wird dabei nicht auf Jesus gedeutet, sondern als Anweisung für die Mission verstanden, in der auch Paulus und Barnabas stehen. »So hat uns der Herr geboten: ›Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, damit du zum Heil gereichest bis an das Ende der Erde.‹« Breit ausgefaltet begegnet uns dieses Verständnis der Sendung des Evangeliums bei Paulus in Römer 9–11.
Für unseren Zusammenhang ist folgende Einsicht wichtig. Es handelt sich hier nicht um zwei Sendungen, die zusammenhanglos aufeinander folgen. Es ist dieselbe Sendung, die in zwei Etappen erfolgt, welche sich vor allem durch die Neuordnung des Geltungsbereiches dieser Sendung voneinander unterscheiden. Das bedeutet für die Exegese von Matthäus 28, dass die inhaltliche Füllung der Sendung aus Matthäus 10 mit zu berücksichtigen ist. Matthäus 28 erwähnt nicht alle Elemente der Sendung, sondern lediglich die, welche ausdrücklich über die erste Sendung hinausgehen.
Als Beleg dafür, dass in der urchristlichen Sendung Elemente der vorösterlichen Sendung durchgehalten wurden, mag die Diskussion in 1. Korinther 9 dienen. Paulus weist auf das anerkannte »Recht« hin, von der Verkündigung des Evangeliums zu leben, ohne nebenbei arbeiten zu müssen. Dieses Recht war in der urchristlichen Mission anerkannt und allgemein auch in Anspruch genommen worden (9,4). Paulus weist daraufhin, dass es sich dabei um eine »Verordnung« handelt, die von Jesus selbst stammt: »So hat auch der Herr denen, die das Evangelium verkündigen, verordnet, vom Evangelium zu leben« (9,14). Diese Verordnung finden wir aber gerade nicht im Missionsbefehl. Es ist ein Element der vorösterlichen Sendung, das uns in der Sendung der 12 Jünger bei Matthäus (10,10 b) und der siebzig Jünger bei Lukas (10,7) begegnet. Es hatte für die nachösterliche Sendung weiterhin und unumstritten Geltung. Paulus anerkennt dieses Recht, nimmt aber für sich eine Ausnahmeregelung in Anspruch, die ausdrücklich begründet wird (9,12 b).
4.2.2. Der Missionsbefehl nach Markus (16,15–20) 57
In anderer Weise und mit anderen Begriffen bringt Markus denselben Sachverhalt zum Ausdruck. »Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium allen, die erschaffen sind!« (Vers 15). Das Ziel dieses Verkündigungsdienstes ist, dass die Menschen zum Glauben kommen.
Man könnte nun, den Matthäustext im Ohr, denken, dass hier doch eine Unterscheidung zwischen den beauftragten Jüngern und den durch die Jünger gewonnenen Glaubenden aufgerichtet wird. Dem ist aber nicht so, denn Markus fährt fort: »Denen aber, die gläubig geworden sind, werden folgende Zeichen folgen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; in neuen Sprachen werden sie reden; Schlangen werden sie aufheben, und wenn sie etwas Tödliches getrunken haben, wird es ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen und es wird gut mit ihnen werden.« Es ist geradezu merkwürdig, dass hier explizit nicht von einer Weitergabe des Verkündigungsauftrages gesprochen wird. Auch die Frage der Heilung wird nicht, wie das bei Matthäus geschieht, unter dem Gesichtspunkt des Auftrages behandelt. In der Ausführung des Heilungsdienstes aber wird ein Zeichen gesehen, das die an Jesus Glaubenden begleitet.
Der übernächste Vers bestätigt, dass das nicht Verheißungswort geblieben ist, sondern im Dienst der Jünger Wirklichkeit wurde: »Sie aber zogen aus und predigten überall, indem der Herr mitwirkte und das Wort durch die begleitenden Zeichen bestätigte.« Wir treffen hier auf ein wichtiges und oft zu wenig beachtetes Motiv, das über Matthäus hinausgeht. Das Wort, so sagt Markus, das die Jünger verkündigen, wird von Gott selbst bestätigt. Diese Bestätigung besteht nicht darin, dass Menschen unter dieser Predigt zum Glauben kommen, obwohl das sicher nicht ausgeschlossen werden soll. Markus sagt jedoch, die ausdrückliche Bestätigung habe darin bestanden, dass Gott für die Wirklichkeit, die er im Wort der Predigt ansagen lässt, auch die Zeichen setzt, an denen diese Wirklichkeit erkennbar wird. Das ist entscheidend wichtig. Die Menschen sollen hören, dass Gottes Herrschaft hereinbricht. Daneben stehen Krankenheilung und alle anderen genannten Folgeerscheinungen, an denen die hereinbrechende Gottesherrschaft mitten in der noch bestehenden alten Welt bereits zeichenhaft anschaubar wird. 58
4.2.3. Die Berichte der Apostelgeschichte
Auch nach dem Bericht der Apostelgeschichte hält die Gemeinde an dem ihr gegebenen doppelten Auftrag fest. Die Wundertaten der Apostel werden meist summarisch erwähnt (2,43; 5,12), während Petrus in der Darstellung des geschichtlichen Ablaufes in den Vordergrund rückt. 59Wichtig ist, dass der Auftrag schon sehr früh über den engeren Jüngerkreis hinausgeht und Bestandteil im missionarischen Vorstoß bleibt. Namentlich werden Stephanus und Philippus erwähnt. »Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat große Wunder und Zeichen unter dem Volk …« (6,8). Über den Evangelisationsdienst des Philippus in Samarien hören wir: »Die Volksmenge aber achtete einmütig auf das, was Philippus sagte, indem sie zuhörten und die Zeichen sahen, die er tat …« (8,6).
Wichtig ist der Apostelgeschichte die Darstellung des Dienstes des Paulus. Auch von ihm werden neben summarischen Angaben konkrete Berichte von Heilungen und die Nachricht einer Totenerweckung vorgelegt. 60Auch über Barnabas hören wir, dass der erhöhte Herr durch ihn Heilungen vollzog. 61
In diesem Zusammenhang soll noch ein Text hervorgehoben werden, der meist etwas in den Hintergrund tritt. Im vierten Kapitel der Apostelgeschichte wird vom Widerstand des Hohen Rates gegen die Botschaft des Evangeliums berichtet. Die Heilung des Lahmen (Apostelgeschichte 3) führte zur Verhaftung von Petrus und Johannes. Sie wurden zwar wieder frei gelassen, doch war damit das erste Zeichen des Widerstandes gesetzt. Da kommt, so berichtet der Text, die Gemeinde zusammen, »und als sie es hörten, erhoben sie einmütig die Stimmen zu Gott und sprachen …«(4,24). Was betet diese Gemeinde? Zunächst sehen sie zurück in die Schrift, auf Psalm 2. Dort ist gesagt, dass sich die Könige und die Fürsten der Erde zusammenrotten. Von diesem Bibeltext her blicken sie in die hinter ihnen liegende Geschichte, auf Jesus, »deinen heiligen Knecht, den du gesalbt hast«. Mit ihm hat das Zusammenrotten seinen Anfang genommen und gleichzeitig seinen Höhepunkt erreicht. »Und jetzt, Herr, sieh auf ihre Drohungen.« Es wäre verständlich, wenn die Gemeinde nun beten würde, dass diese Drohungen aufhören, dass alles sich beruhigt und zum Guten wendet. Die Gemeinde betet aber anders: »Und nun, Herr, sieh auf ihre Drohungen und verleihe deinen Knechten, dein Wort mit aller Freimütigkeit zu verkündigen …« – also die Bitte um die Möglichkeit der Predigt. Aber die Predigt soll auch hier nicht allein stehen! »… indem du die Hand ausstreckst zur Heilung und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus. Und als sie gebetet hatten, erbebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem heiligen Geist erfüllt und verkündigten freimütig das Wort Gottes« (4,29–31). Bis in ihr Gebet hinein hält die Gemeinde an dem ihr übergebenen einen Auftrag in seiner doppelten Entfaltung fest. Sie hat zu predigen und zu heilen – und sie hat das gewusst und durchgehalten.
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