Ein Jahr vor der eben mitgeteilten Fahrt hatte er seine Mutter mit herübergebracht, die er bis zum Friedensschlusse viele Jahre nicht gesehen. Sie bewohnte ein kleines Zimmer in jenem Teile der Stadt, welcher jetzt unter dem Namen der Halfway Houses bekannt ist. Die alte Frau lebte von einer kleinen Pension des holländischen Hofes, da sie viele Jahre lang in untergeordneter Stellung bei dem königlichen Haushalte beschäftigt gewesen war. Der Sage nach war sie einmal schön und in ihrer Jugend nicht karg mit ihren Gunstbezeugungen gewesen, jetzt aber hatte sie die Gebrechlichkeit des Alters heimgesucht, obgleich ihre geistigen Fähigkeiten noch so ungetrübt waren, wie in dem Lenze ihres Lebens. Nichts konnte ihren blinzelnden, blutunterlaufenen kleinen Augen oder ihrem scharfen Ohre entgehen, und obschon sie kaum fünfzig Ellen weit zu humpeln vermochte, so hielt sie doch keine Magd, da sie ebenso geizig war wie ihr Sohn. Cornelius Vanslyperken war das einzige noch lebende Kind aus zwei Ehen. Die Alte schien ihn nicht sehr zu lieben und behandelte ihn immer noch als Kind, indem sie ihr mütterliches Ansehen brauchte, als ob er noch das Geiferlätzchen trüge. Ihre Übersiedlung nach England sollte zu beiderseitiger Bequemlichkeit dienen. Sie hatte Geld erspart, welches sich Vanslyperken zu sichern wünschte, auch war es ihm lieb, eine Heimat und eine Person zu haben, der er trauen konnte. An ihrem früheren Wohnorte aber trug man sich mit so schauerlichen Gerüchten über sie, daß sie froh war, einen Platz verlassen zu können, wo ihr jedermann wie einer Pest aus dem Wege ging.
Herr Vanslyperken verfügte sich, sobald er die nötigen Schritte für die Ersetzung des Bootes eingeschlagen hatte, nach dem Aufenthaltsorte seiner Mutter, einem einzigen Zimmer im zweiten Stockwerke. Als er die Treppe hinanstieg, erkannte das scharfe Ohr der Alten seinen Schritt.
„So, da kommst du, Cornelius Vanslyperken. Ich höre dich und entnehme aus deinem hastigen Tritte, daß du ärgerlich bist. Nun, warum solltest du’s in dieser Welt von Teufeln nicht ebensogut sein dürfen wie deine Mutter?“
So lautete das Selbstgespräch der Alten, ehe Vanslyperken in das Zimmer getreten war, wo er seine Mutter vor einem kleinen Kamin über einigen halb angezündeten Kohlenstückchen sitzen sah. Die Sparsamkeit erlaubte ihr nicht, mehr Brennmaterial zu verbrauchen, obschon ihre Glieder ebensosehr vor Kälte als vor Schwäche zitterten. Ihre Nase und ihr Kinn trafen beinahe zusammen, ihre aschfahlen Lippen sahen aus wie alte Narben und ihr eingesunkener, zahnloser Mund erinnerte an ein kleines, tiefes, dunkles Grab.
„Wie geht’s Euch, Mutter?“ fragte Vanslyperken, als er in das Zimmer trat.
„Ich bin noch am Leben.“
„Mögt Ihr mir das noch lange sagen können, liebe Mutter!“
„Ah!“ versetzte das Weib, als ob sie die Aufrichtigkeit seiner Worte bezweifelte.
„Ich werde nur kurze Zeit bleiben“, fuhr Vanslyperken fort.
„Gut, Kind, um so besser. An Bord kannst du Geld ersparen, während du es am Lande ausgeben mußt. Hast du welches mitgebracht?“
„Ja, Mutter, ich muß es Eurer Obhut überlassen.“
„So gib es her.“
Vanslyperken zog ein Paket heraus und legte es in den Schoß seiner Mutter, welche den Inhalt mit zitternden Händen überzählte.
„Gold, und gutes Gold. So lange du lebst, mein Kind, mußt du dich nicht von dem Golde trennen. Ich mag noch nicht sterben — nein, nein, Die Teufel mögen immerhin an mir zerren und mich angrinsen, aber ich bin noch lange nicht ihr Eigentum.“ Hier hielt die Alte inne und schaukelte sich in ihrem Stuhle. „Cornelius, schließ das Geld ein und gib mir den Schlüssel. So, jetzt ist’s wohl verwahrt. Du kannst mir nun erzählen, wenn du Lust dazu hast, mein Kind, ich höre noch gut genug.“
Vanslyperken berichtete alle Ereignisse des letzten Kreuzzuges und sprach von seinen Gefühlen gegen die Witwe, von Smallbones und von Jemmy Entenbein. Die Alte unterbrach ihn nie, sondern blieb, die Arme in ihrer Schürze verschlungen, sitzen.
„Ganz so, ganz so“, sagte sie, als er endlich fertig war. „Ich habe das nämliche gefühlt, aber du besitzest nicht den Mut zu handeln, wie ich. Ich konnte es tun, aber du — du bist eine Memme. Niemand durfte es wagen, meinen Pfad zu kreuzen, oder wenn er sich’s unterstanden hätte — ah, nun, das sind vergangene Zeiten, und ich bin noch nicht tot.“
Die Alte murmelte in einer Art halben Selbstgesprächs. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Es ist besser, den Knaben gehen zu lassen. Kommt nichts dabei heraus. — Die Frau — da gibt’s Arbeit, denn es handelt sich um Geld.“
„Aber sie weigert sich, Mutter, wenn ich nicht den Hund umbringen lasse.“
„Weigert sich — ah, gut — laß mich sehen. Kannst du nicht ihren Ruf zu Grunde richten? Glückt dir dies, so ist sie dein und ihr Geld dazu. Dann — dann — hast du Geld und Rache — beides gut, aber Geld — nein — ja Geld ist das beste. Aber du bist feige, du wagst nichts.“
„Was fürchte ich denn, Mutter?“
„Die Menschen — den Galgen — und den Tod. Den Tod fürchte ich auch, aber ich sterbe noch nicht — nein, nein, ich will leben — ich will nicht sterben. Ja, der Korporal — in der Zuyder-See verloren — Tote plaudern nichts aus — er konnte viel von dir erzählen, mein Kind. Mögen sich die Fische an ihm mästen.“
„Ich kann ihn nicht entbehren, Mutter.“
„Hunderttausend Teufel!“ rief die Alte, „daß ich solche Wehen um einer Memme willen ausstehen mußte! Cornelius Vanslyperken, du bist nicht wie deine Mutter. Dein Vater — in der Tat —“
„Wer war mein Vater?“
„Stille, Kind — so geh’ jetzt — ich wünsche allein zu sein mit meinen Erinnerungen.“
Vanslyperken, welcher wußte, daß Vorstellungen nutzlos seien und nur zu bitteren Verwünschungen von seiten seiner Mutter führen würden, stand auf und ging nach Sally-Port zurück, wo er sich an Bord der ‚Jungfrau‘ rudern ließ.
„Da kommt er“, rief ein langes, knöchernes Weib in einer Haube mit grünen, verblichenen Bändern, welche auf dem Vorderkastell des Kutters stand. „Da kommt er, der Spitzbube, der meinen Jemmy peitschen lassen wollte.“
Dies war die Frau von Jemmy Entenbein, welche zu Portsmouth wohnte und, sobald sie die Vorgänge vernommen, Rache zu üben gelobt hatte.
„Stille da, Moggy“, sagte Jemmy, der an ihrer Seite stand.
„Ja, ich will meinetwegen den Mund halten, bis die Zeit kommt, aber dann soll ihm sein Recht werden, dem betrügerischen Halunken.“
„Ruhig, sage ich, Moggy.“
„Und was diesen petzenden alten Korporal betrifft, so will ich ihn vanspittern, wenn er je wieder meinem lieben Jemmy etwas anhaben will.“
„So schweig doch, Moggy, siehst du denn nicht, daß ein Seesoldat an deinem Ellenbogen steht?“
„Er soll dies für seine Mühe nehmen“, rief Moggy, indem sie sich umwandte und dem erstaunten Soldaten eine schallende Ohrfeige versetzte.
Dieser, dem ein Zwist mit einer solchen Amazone nicht sonderlich zusagte, zog sich hastig zurück und schlüpfte durch die Vorderluke hinunter.
„So, seid Ihr endlich da?“ fuhr Moggy fort, als Vanslyperken auf das Deck trat.
„Halt’s Maul, Moggy.“
„Ihr wolltet also meinen lieben Entenbein peitschen lassen — meinen Jemmy?“
„Willst du einmal schweigen, Moggy?“ rief Jemmy in zornigem Tone. „Wenn du nicht ruhig bist, schlag ich dir deine Fenster ein.“
„Du müßtest auf die Kanonen klettern, um sie zu erreichen, mein kleiner Mann“, versetzte sein Weib. „Nun, je mehr ich jetzt meine Zunge im Zaum halte, desto mehr bleibt für ihn übrig, wenn ich einmal an ihn komme. Oh! er ist in seine Kajüte hinuntergegangen, um seinen Snarleyyow zu küssen. Die Bestie soll mir auch zu Kochstücken werden, ehe ich mit ihm fertig bin. Meinen Jemmy peitschen — meinen lieben, teuren Jemmy — der garstige, dürre — —“
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