Müßt nicht frieren an meiner Seit’.
Seht euch nicht so stumm
Und traurig um;
Die Ebbe trug sie schon weit.
Poll stemmt die Arm’ in die Hüft’,
Sieht am Admiralshaus hinauf
Und läßt den Gedanken voll Gift,
Den verhaltenen, freien Lauf.
Sie haben wohl nichts als ein Kalbfleischgericht,
Während voll dein Wanst gerammt;
So hör’ unser Sprüchlein, alter Wicht:
Admiral, sei dafür verdammt!
„Mein Gott, das ist ja helle Meuterei, Mynheer Schemmy Hentenbein“, bemerkte Korporal Vanspitter, der, von Jemmy unbeachtet, aufs Deck gekommen war und dem Liede zugehört hatte.
„So, ist’s Meuterei?“ entgegnete Jemmy. „Nun, dann geht hin und berichtet auch dieses:
So hör’ mein Sprüchlein, langer Tropf:
Korporal, sei für immer verdammt!“
„Das ist besser und besser, wollte sagen, schlimmer und schlimmer“, erwiderte der Korporal.
„Seht Euch vor, daß ich Euch nicht über Bord werfe“, brauste Jemmy in seinem Zorne auf.
„Das ist noch das allerschlimmste“, sagte der Korporal, indem er nach dem Hinterschiffe stampfte und es Jemmy Entenbein überließ, den Gang seiner eigenen Gedanken zu verfolgen.
„Jemmy, der durch den Korporal aufgestört worden war und nun fühlte, daß sich der Schnee reichlich in seinem Genicke angesammelt hatte, meinte, er könne nun ebensogut in den Raum hinuntergehen.
Der Korporal erstattete seine Meldung, Herr Vanslyperken machte seine Bemerkungen darüber, obschon er es hiebei bewenden ließ, weil er wohl sah, daß eine Kleinigkeit eine allgemeine Meuterei hervorrufen konnte. Snarleyyows Wiedereintreffen tröstete ihn, und ohne sich nur entfernt träumen zu lassen, was in der Nacht vorgegangen war, nahm er sich vor, der Witwe seine Aufmerksamkeit zu beweisen, indem er sich nicht einmal durch das Schneegestöber von einem Besuche abhalten ließ. Nachdem er zuerst seinen Hund in die Kajüte gesperrt und den Schlüssel dem Korporal anvertraut hatte, begab er sich an Land und erschien vor der Tür der Witwe, welche durch Babette geöffnet wurde. Das Mädchen versperrte den Eingang mit ihrer Person und wartete nicht, bis Vanslyperken zu sprechen begann.
„Mynheer Vanslyperken, Ihr könnt nicht hereinkommen, Frau Vandersloosch ist sehr krank und liegt zu Bette. Der Doktor sagt, es sei ein sehr schlimmer Fall und hat ihr verboten, Besuche anzunehmen.“
„Krank?“ rief Vanslyperken. „Eure teure, bezaubernde Gebieterin krank? Gütiger Himmel! Was fehlt ihr denn, meine liebe Babette?“ versetzte Vanslyperken, indem er ganz das Interesse eines zärtlich besorgten Liebhabers zur Schau stellte.
„Ihr seid allein daran schuld, Herr Vanslyperken“, versetzte Babette.
„Ich?“ rief Vanslyperken.
„Ja, oder Euer garstiger Köter, was dasselbe ist.“
„Mein Hund? Ich wußte nicht, daß er hier zurückgeblieben war“, entgegnete der Leutnant. „Aber seid so gut, Babette, mich einzulassen, denn es schneit gewaltig und — —“
„Und Ihr dürft nicht herein, Herr Vanslyperken“, erwiderte Babette, ihn zurückdrängend.
„Gütiger Himmel! Was gibt es denn?“
Babette erzählte nun, was vorgegangen war, und da dies mit großem Wortreichtum geschah, so war Herr Vanslyperken, noch ehe sie damit zu Ende kam, auf seiner Windseite ganz eingeschneit. Zur Bekräftigung ihrer Angabe zog sie ihre wollenen Strümpfe herunter und zeigte die Wunden, welche sie in dem Kampfe der letzten Nacht als ihren Anteil erhalten hatte. Mit diesem Tatsachenbeweise entledigte sich Babette des Auftrages ihrer Gebieterin, des Inhalts, daß Herr Vanslyperken nicht eher wieder eingelassen werden solle, bis Snarleyyows Leichnam auf der Schwelle, wo sie jetzt ständen, niedergelegt sei. Nach dieser Erklärung schlug das Mädchen, dem eine Unterhaltung bei reichlich fallendem Schnee nicht sonderlich behagte, gar unhöflich Herrn Vanslyperken die Türe vor der Nase zu und überließ es ihm, die Mitteilung mit möglichst gutem Appetit zu verdauen.
Trotz des kalten Wetters eilte der Leutnant in lodernder Leidenschaft von dem Hause weg. Der Schweiß stand auf seinem Gesichte und mischte sich mit dem schmelzenden Schnee. „Sein oder Nichtsein!“ die Witwe aufzugeben oder seinen teuren Snarleyyow, einen Hund, den er umsomehr liebte, je mehr er durch ihn in Verdrießlichkeiten kam — einen Hund, der ihm besonders teuer war, weil ihn jedermann haßte — einen Hund, der keine einzige ansprechende Eigenschaft besaß und ihm daher besonders wert war — einen Hund, der von aller Welt angegriffen wurde, namentlich aber von jener Vogelscheuche, dem Smallbones, für den sein Tod ein Triumph sein würde — nein, das war unmöglich. Aber dann die Witwe mit ihren vielen Gulden in der Bank, und einem so guten Einkommen von dem Lusthause, welches er im Geiste schon für sein Eigentum hielt! Es war der Hafen, den er sich schon lange als Ziel vorgesteckt hatte — er konnte die Hoffnung nicht aufgeben.
Und doch mußte eines von beiden geopfert werden. Eines? Nein, er konnte sich nicht dazu entschließen. „Da fällt mir ein Ausweg ein“, dachte er. „Ich will die Witwe auf den Glauben bringen, ich habe den Hund töten lassen, und bin ich dann einmal in ihrem Besitz, so soll der Hund wieder zurückkommen. Unterstehe sie sich dann nur ein Wort zu sagen!“
Diesen Entschluß hatte Herr Vanslyperken gefaßt, als er wieder zu seinem Boote zurückkehrte. Seine Träumerei wurde jedoch durch den heftigen Anprall seiner Nase gegen einen Laternenpfahl unterbrochen — ein Umstand, der seine Stimmung nicht eben verbesserte.
„Ja, ja, Frau Vandersloosch, wir wollen sehen“, murmelte Vanslyperken. „Du möchtest also meinen Hund tot haben, he? Warte nur, du sollst mir ein Hundeleben führen, Frau Vandersloosch, wenn ich dich einmal habe. Du hast mir meinen Zwieback abgegaunert.“
Herr Vanslyperken trat in sein Boot und ließ dem Kutter zu rudern.
Bei seiner Ankunft fand er, daß während seiner Abwesenheit ein Bote an Bord gewesen war, welcher Briefe von Sr. Majestät liebevollen Verwandten und die Weisung überbracht hatte, daß er unverweilt mit denselben abreisen solle. Dies stand ganz im Einklange mit Vanslyperkens Plane. Er schrieb einen langen Brief an die Witwe, in welchem er sich bereit erklärte, ihr jedes Opfer zu bringen und nicht nur seinen Hund, sondern, wenn sie es wünsche, sogar sich selbst aufzuhängen. Zugleich bedauerte er den unvorhergesehenen Aufbruchsbefehl und deutete die Hoffnung an, sie nach seiner Rückkehr in einer freundlicheren Stimmung zu treffen.
Die Witwe las den Brief und warf ihn mit dem Ausrufe ins Feuer: „Faule Fische! Ich bin nicht erst seit gestern auf der Welt, wie es im Sprichwort heißt.“
Herr Vanslyperken ist in seiner Kajüte, neben ihm sitzt Snarleyyow auf seinen Hinterbeinen, zu dem Gesichte seines Meisters aufblickend. Herr Vanslyperken befindet sich nichts weniger als in einer zufriedenen Stimmung; er zürnt der Witwe, der Schiffsmannschaft, dem Hunde und sich selbst. Der Groll gegen Snarleyyow ist jedoch bald beschwichtigt, denn er fühlt, daß ihn, wenn überhaupt etwas in der Welt, der Hund liebt — nicht gerade, daß dessen Zuneigung groß wäre, obschon nicht in Abrede gestellt werden kann, daß Snarleyyow jede andere Person haßt. Da nun das Leben des Köters mit Entschlossenheit von einer Person gefordert wurde, und ihm obendrein bekannt war, daß viele andere dem Tiere in Todfeindschaft nachstellten, so war Snarleyyow in den Augen seines Gebieters ein kostbares Kleinod geworden, so daß seine üblen Eigenschaften gar nicht in Betracht kamen oder im Gegenteil sogar als gewinnende Eigenschaften galten.
„Ja, mein armer Hund“, redete der Leutnant ihn an, „man trachtet dir nach dem Leben, jenes hartherzige Weib verlangt sogar, du sollest — tot auf ihrer Schwelle niedergelegt werden. Alles ist gegen dich verschworen, aber fürchte dich nicht, mein Hund, dein Herr wird dich gegen alle beschützen!“
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