Klaus Schneider war kein selbstbewusster Mann, er hatte Minderwertigkeitskomplexe, die Ursachen dafür verbargen sich wahrscheinlich in einer schwierigen Kindheit. Er sah in Marcus nie den Jungen, den es zu behüten galt, er betrachtete dessen Erziehung nie als Lebensaufgabe. Für ihn war Marcus ein Konkurrent in den eigenen vier Wänden, er wollte die Aufmerksamkeit seiner Frau, uneingeschränkt. In der Öffentlichkeit brüstete sich Klaus Schneider mit der Intelligenz seines Stiefsohnes, seiner Auffassungsgabe, seiner Neugier. Einmal, im Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte, fasste er seine Hand, spielte den besorgten Vater und wollte sie nicht mehr loslassen. Marcus schrie, zwei Passanten kamen und forderten Schneider auf, das Kind loszulassen. Zu Hause streifte er die Fassade ab, er schlug Marcus nie, nicht körperlich. Er zeigte ihm, dass er geduldet sei, nicht geliebt, geschweige denn willkommen. Marcus glaubte, das sei normal.
Seine Mutter hatte mit sich selbst zu tun. Sie war unglücklich, sie hatten sich nicht viel zu sagen, aber den Mut für eine Trennung brachte sie nicht auf. Stattdessen bürdete sie die Verantwortung ihrem Sohn auf: „Wenn du nicht da sein würdest, wäre ich längst nicht mehr hier.“ Marcus war jung, leichtgläubig, er dachte lange, nur er würde sie vom Selbstmord abhalten. Dieser absurde Gedanke schwächte, hemmte, blockierte ihn, machte ihn träge. Er glaubte, er sei schuld an der Familienmisere, er allein, niemand sonst, er fühlte sich überflüssig, nutzlos wie Ballast. Marcus speicherte die Empfindungen, legte sie tief ab. Dabei hätte sich seine Mutter nie umgebracht, sie war von Existenzangst befallen. Wer hätte Marcus nach einer Scheidung ernähren sollen? Wer sollte ihr Halt geben? Viele Probleme auf der Arbeit oder in der Ehe, und waren sie noch so klein, erzählte sie ihrem Jungen, sie hatte nicht viele Freunde, er allein war ihre Bezugsperson. Marcus litt unter diesem Druck, für alles verantwortlich zu sein, jahrelang, weitergeben konnte er ihn nicht. An wen auch? An sein Zwergkaninchen Cesar oder seinen Terrier Gessy?
Marcus hatte schöne Erinnerungen, die Reisen zu seinen Großeltern nach Köthen, der Urlaub in der Tschechoslowakei, aber das alles war wertlos, er konnte sich nicht entfalten, nicht freischwimmen, er war zum Mitlaufen gezwungen, er erfüllte seinen Zweck als lebender Blitzableiter. Die Stimmung war oft aufgeladen, sie war geprägt von Unzufriedenheit. Einmal kleckerte sein Stiefvater auf den Tisch, er drehte die Decke im Uhrzeigersinn, bis der Fleck bei Marcus angelangt war. Seine Mutter hatte das bemerkt, dennoch gab sie ihrem Sohn eine Ohrfeige, nicht ihrem Mann, das hätte sie sich nicht getraut. Irgendwann wurde es Marcus zu viel, er wollte ausbrechen. Er packte seine Sachen und ging. Am Fenster stand seine Mutter, sie schaute ihm nach, schweigend, ohne Gestik. Sie wusste, was er wusste: Es gab kein Ziel für ihn.
* Name geändert
Gespensternächte auf dem Rasen
Marcus liebte das Raunen im Stadion, wenn der Ball knapp am Tor vorbeigestrichen war. Er nahm die Stimmung in sich auf, die vibrierende Masse, die Gesänge der Fans, das rhythmische Klatschen. Sein Stiefvater hatte ihn mitgenommen in den Sportpark Lindenberg, wo die BSG Motor Weimar ihre Heimspiele austrug, in der zweiten Liga der DDR. Die Spiele waren für ihn kleine Abenteuer. Wartburgs, Ladas, Trabis parkten die Gegend zu. Er sprang über Pfützen, lauschte, wie das Gebrumm der Fans näher kam. Fremde Männer lagen sich nach Toren in den Armen und brachten die alten Holztribünen zum Wackeln. Auch Klaus Schneider blühte in dieser Umgebung auf, er hatte selbst lange den Traum gehabt, Profifußballer zu werden, doch ihm fehlte das Talent. Wenn er vor dem Stadion die Spieler trainieren sah, klopfte er Marcus auf die Schulter und bat ihn, Autogramme zu holen. Dafür war er ihm gut genug. Marcus störte das nicht, er ging gern zu den Spielern, von manchen konnte er gar nicht die Augen lassen. Er entwarf seinen eigenen Traum: Er dachte an ein ausverkauftes Stadion, Tausende würden Geld für eine Eintrittskarte ausgeben – nur um ihn spielen zu sehen.
Spielerische Anfänge: Marcus (unten, 3. v.r.) in der Kindermannschaft der BSG Motor Weimar.
Bis zur Erfüllung dieses Traumes war es ein weiter Weg. Marcus wollte selbst spielen, in einem Verein. An den ersten Trainingstagen in der Nachwuchsabteilung von Motor Weimar zeigte er sofort sein Talent. Er führte einen braunen, kaputten Lederball im Slalom an Fahnenstangen vorbei. Er schoss, dribbelte, passte. Was er probierte, funktionierte. Das Spiel kam ihm wie eine Befreiung vor, seine Eltern waren weit weg, niemand zerrte an seinen Nerven, niemand machte ihn für etwas verantwortlich, wofür er nichts konnte. Dieses Gefühl kannte er sonst nur aus den Ferienlagern im Sommer, von den Gespensternächten, als sie erst spät ins Bett mussten und er sich in der Dunkelheit verstecken konnte.
Marcus wurde schnell ein besserer Fußballer, wie ein warmer Sommerregen prasselte das Lob der Trainer auf ihn nieder. Er spielte in der höheren Altersklasse, dort war er der Jüngste, Schmächtigste, Kleinste. Marcus schlüpfte in die Rolle des Regisseurs, er schoss Freistöße, Eckbälle – und viele Tore. Er wurde für die Kreisauswahl nominiert, bald für die Bezirksauswahl. Sein Selbstvertrauen wuchs. Auf dem Rasen, nur auf dem Rasen. Als Spieler fühlte er Macht, zu Hause war es Ohnmacht.
Zeitdokument: Marcus wird Mitglied von Rot-Weiß Erfurt und der KJS.
Es dauerte nicht lange, bis die Kinderund Jugendsportschule in Erfurt auf ihn aufmerksam wurde, die KJS. Im ganzen Land wurden Talente in den Sportinternaten zu widerstandsfähigen Sportlern gedrillt. Marcus war elf Jahre alt, als er in ein dreitägiges Sichtungslager nach Gräfenhainichen eingeladen wurde, einem Dorf im heutigen Sachsen-Anhalt. Nichts wurde dem Zufall überlassen, hunderte von Kindern mussten nach Plan jonglieren, abspielen, schießen. Sechs qualifizierten sich für die KJS, sie wurden delegiert, wie es damals hieß, einer von ihnen war Marcus. Als seine Mutter das Schreiben mit der Zusage aus dem Briefkasten holte und öffnete, zog er sich in sein Zimmer zurück. Er hatte fest damit gerechnet, zeigen wollte er das nicht, seine Eltern sollten überrascht sein, sie sollten sich freuen. Für ihn. Nur für ihn. Dieses eine Mal.
Sie hatten nie Probleme mit ihm gehabt. Marcus war ein guter Schüler, das Lernen fiel ihm nicht schwer. Vor Prüfungen täuschte er Nervosität vor, damit seine Mitschüler ihn nicht für einen Streber hielten. Er gewann Gedichtwettbewerbe, nahm an Kreismeisterschaften in Mathematik teil, seit langem hätte er auf eine Spezialschule für Hochbegabte gehen können. Aber er wollte nicht. Er las viele Bücher, war aber auch viel draußen. Sein Zimmer war stets aufgeräumt, sein Bett gemacht, er wollte seinen Eltern keine Angriffsfläche bieten. Überall erzählte sein Stiefvater herum, wie stolz er auf ihn sei, Marcus hasste das, ihm selbst erzählte Klaus Schneider nichts. Zehn Jahre hatte Marcus nun mit ihm zusammengelebt, er hatte seine Ignoranz ertragen, seinen Egoismus, seine Komplexe. Es reichte, er musste raus aus Weimar, weit weg. Er war überglücklich, dass er nun die Chance dazu hatte. Dank des Fußballs.
Am ersten Tag blieben die Bälle liegen. Marcus und die anderen Neulinge in der Kinder- und Jugendsportschule mussten laufen, Runde um Runde. Die Trainer standen am Rande des Platzes und beobachteten sie, die Arme in die Hüften gestemmt. Sie wollten von Beginn an zeigen, wer das Sagen hatte. Marcus durchschaute das, er hatte nichts anderes erwartet. Er lebte nun ein neues Leben. Er trainierte nicht mehr dreimal in der Woche bei Motor Weimar, sondern zweimal am Tag in Erfurt. Morgens und abends, dazwischen lagen sechs, sieben oder acht Stunden Schule, Freizeit gab es kaum. Ab Sommer 1984 ordnete er sich dem Fußball unter, er glaubte fest daran, Profi werden zu können, in der Oberliga, am liebsten für Rot-Weiß Erfurt, jenen Traditionsverein, der in den fünfziger Jahren zweimal Meister geworden war.
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