Trent hatte keine Ahnung, wie lange er bewusstlos gewesen war, wie lange er mit den Feuerdämonen seiner Albtraume gerungen hatte, aber jetzt erschienen ihm die Schrecken dieses Traums angenehmer als die Realität. Alle Hoffnung war verloren. Alle Hoffnung bis auf eine. Und daran klammerte er sich.
Ein Blutname.
Sterncolonel Benjamin Howell hatte versprochen, ihn vorzuschlagen. Trotz der Niederlage der Nebelparder auf dem Schlachtfeld konnte Trent noch darauf hoffen, einen Blutnamen zu erringen. Das bedeutete ein Weiterleben nach seinem Tode, eine Hoffnung, dass sein genetisches Erbe dem Clan eines Tages weiter dienen konnte.
»Wie lange?« krächzte er, als die MedTech seine ausgedörrten Lippen mit einem feuchten Tuch abtupfte. Seine Oberlippe fühlte sich geschwollen an, wie nach einem Fausthieb auf den Mund.
»Sie waren sechsundzwanzig Tage bewusstlos. Wir docken morgen an unser Sprungschiff an. Erinnern Sie sich an das, was geschehen ist?«
Trent schloss das Auge und verzog leicht das Gesicht. Ja, er erinnerte sich. Er hatte Jez gerettet, seine Pflicht getan. Es war zu einem massierten Artilleriebeschuss und ComGuard-Angriff gekommen. Dann Flammen und Feuer. Der Geruch schien ihm wieder in die Nase zu dringen, der Geruch von verbranntem Fleisch.
»Pos«, antwortete er, während sie sein Bett justierte und ihn etwas aufrichtete, damit er noch etwas anderes außer der Decke sehen konnte. Die dumpfgrüne Farbe der Schottwände zeigte ihm, dass er sich auf einer Intensivstation befand, und die Einteilung des Landungsschiffes als Hospitalschiff sagte ihm noch erheblich mehr. Er kannte diese Farben nur zu gut. Er fand sich nicht zum ersten Mal in seinem Leben als Nebelparderkrieger an einem solchen Ort.
Trent wusste nicht, was er denken oder sagen sollte. Er war schon oft verwundet worden, aber niemals derart lange bewusstlos gewesen. Hatten sie ihn zur Förderung des Heilprozesses künstlich bewusstlos gehalten? Erinnerungen an das Feuer und die schrecklichen Bilder des Albtraums wirbelten durch seine Gedanken, als er darüber nachsann, was geschehen war.
Eine neue Stimme von knapp außerhalb seines Gesichtsfeldes störte sein Nachdenken. »Wie lange ist er wach?«
»Erst wenige Minuten, Doktor«, antwortete MedTech Karens Stimme.
»Was weiß er?«
»Nur das Ergebnis der Schlacht und wie lange er bewusstlos war. Nichts über das Ausmaß seiner Verletzungen.« Sie sprach leise, aber ihr Tonfall sagte alles.
Trent versuchte, seinen Körper zu bewegen, eine Art physische Inventur durchzuführen. Er schob die Füße etwas auseinander, wenn auch nur wenig und mit schmerzenden Gelenken. Immerhin, Füße und Beine schienen noch da zu sein. Auch sein linker Arm reagierte, aber der rechte blieb bewegungslos, unfähig, die Signale aus dem Gehirn zu befolgen. Mein Arm, habe ich den Arm verloren? Und mein Auge, es ist abgedeckt. Habe ich das auch verloren?
»Sterncaptain Trent.« Es war die neue Stimme, und jetzt trat das Gesicht eines älteren Mannes in sein Blickfeld. Dem Alter und der Kleidung nach zu schließen war der Mann offenkundig Mitglied der Wissenschaftlerkaste. Krieger erreichten nie ein derart fortgeschrittenes Alter, aber die niederen Kasten versteiften sich auf überkommene Traditionen und erhielten ihre Alten am Leben. »Ich bin Doktor Shasta. Fühlen Sie Schmerz?«
»Neg«, erwiderte Trent. Seine Stimme war schwach, klang in seinen eigenen Ohren aber klarer als zuvor. Er schien mit jedem Atemzug neue Kraft zu schöpfen, als erwache sein Körper aus einem tiefen Schlaf. Er spürte keine Schmerzen, aber das Fehlen des Gefühls in einem
Arm und einem Auge beunruhigte ihn. Er fragte sich, wie weitreichend seine Verletzungen sein mochten.
Der Mann, der sich Doktor Shasta nannte, starrte nachdenklich auf Trent herab. Er hatte weißes, weit gelichtetes Haar. »Sie haben schwere Verbrennungen erlitten. Ohne die Hilfe unserer Entsatzeinheiten und Ihrer Leibeigenen wären Sie gestorben.«
Leibeigenen? Er erinnerte sich an den Krieger, den er als Isorla beansprucht hatte, derjenige, der die Crab so tollkühn gesteuert hatte. »Wie schlimm?« stammelte er.
»Ihr rechter Arm und die Hand wurden schwer verbrannt. Wir haben Myomerimplantate benutzt, um ihnen Beweglichkeit und Kontrolle zurückzugeben. Ich musste auch Ihre Knochen mit Kohlenstoffspänen verstärken. Es wird noch einige Tage dauern, bis wir den Arm kalibrieren können, so dass es möglich wird, ihn einzusetzen. Auch ihr Gesicht wurde schwer verbrannt, und Ihr rechtes Auge war nicht zu retten. Wir haben ein neues aus ihrer Genprobe gezogen. Es wird in einigen Tagen soweit sein. Deshalb ist Ihr Kopf immobilisiert. Die Wachstumsmatrix sitzt auf Ihrem Gesicht.«
Mein Auge ist verloren. Sie ließen ihm ein neues wachsen, aber wie konnte ein Mann ohne seine eigenen Augen in die Schlacht ziehen? »Wieder kämpfen, frapos?« fragte Trent mit krächzend keuchender Stimme. Seine größte Furcht war, dass all diese Mühe nur dazu diente, ein Leben ohne Hoffnung darauf zu verlängern, jemals wieder Männer und Frauen in die Schlacht führen zu können.
Der runzlige alte Doktor schüttelte fast zögernd den Kopf, als halte er etwas zurück. »Sie werden wieder einen BattleMech steuern, Sterncaptain. Sie wissen noch nicht alles über Ihre Verletzungen, aber den Rest heben wir uns für später auf, wenn der Zeitpunkt günstiger ist. Jetzt brauchen Sie erst einmal Stärkung und Ruhe.
MedTech Karen wird Ihnen helfen, etwas zu essen, danach werden Sie schlafen.«
Trent schloss das linke Auge und fühlte warme Feuchtigkeit auf der Wange. Er klammerte sich an die Worte Doktor Shastas. Er würde dem Clan wieder dienen können, würde sich erheben und einen Blutnamen der Howell-Linie erringen können. Er würde wieder Krieger in der Schlacht befehligen können. Der Krieg würde sicher wiederkehren, und Trent schwor sich, dass er ein Teil des Stahlgewitters sein würde. Diesmal würde es keine Albträume geben. Er hatte sich dem Feuer gestellt und überlebt. Er hatte den Tod getroffen, war tagelang bewusstlos gewesen. Aber er war zurückgekehrt. Was konnte ihn jetzt noch aufhalten? Nichts konnte ihn noch stoppen!
Trent erwachte mit einem Gefühl, als ob das gesamte Universum auf ihn herabstürzte. Er kannte diesen Eindruck nur allzu gut, die Übelkeit und Desorientierung eines Hyperraumsprungs. Das Sprungschiff und die angekoppelten Landungsschiffe waren aus einem Sonnensystem in ein anderes gesprungen, hatten ein Loch ins Gefüge der Realität gerissen, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Das beunruhigende Schwindelgefühl, das eine derartige Transition begleitete, hatte ihn geweckt.
Er öffnete das Auge und sah sein Zimmer. Er wachte zum sechsten Mal seit seiner Bewusstlosigkeit auf. Jedes Mal war er länger als zuvor wach geblieben. Was noch wichtiger war, er fühlte sich mit jedem Mal stärker, als verdoppele sich mit jedem Aufwachen die Kraft seines Körpers. Er wurde stets von MedTech Karen versorgt, deren Gesicht und Hände ihm vertraut geworden waren. Selbst die synthetischen Rationen schmeckten Trent, und das allein zeigte ihm, wie schwer er verletzt worden sein musste.
Er durfte den linken Arm bewegen, was ihm die Kontrolle über sein Bett gab. Den sperrigen genetischen Wachstumsbeschleuniger hatte man von der rechten Hälfte seines Gesichts entfernt, und dadurch konnte er das Bett weit genug anheben, um sich in eine sitzende Position aufzurichten. Mit der linken Hand hatte er die Kunsthautbandagen um seinen anderen Arm betastet, ebenso wie sein Gesicht und die Verbände, die seinen halben Kopf einzuhüllen schienen.
Diesmal war Karen nicht allein. Doktor Shasta schwebte neben ihr. Plötzlich erkannte Trent, dass die Anwesenheit des Mannes eine Bedeutung hatte, möglicherweise ein Zeichen für etwas Ernsteres war. »Ist alles in Ordnung, frapos?« fragte er.
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