Papa fasst mich unter den Arm und geleitet mich gegen den Ausgang, wo majestätisch in Silber und Scharlach der dicke Stationsschweizer Wache hält. Papa erzählt dabei in seiner leisen, sanften und doch merkwürdig bestimmten Art, der er seine Macht über die Menschen verdankt:
„Mama ist — Lob sei Gott — wohl und munter. Auch sonst alles in unserer Verwandtschaft. Mamas Bruder und Tante Dorothea lassen dich aus Dorpat grüssen. Mit ihrer Tochter habe ich einigen Verdruss. Ich hatte der Magna, wie ich dir seinerzeit schrieb, durch meine Verbindungen im Hofhalt des grossfürsten Oleg die Stellung als Erzieherin seiner Kinder verschafft. Nun will sie wieder weg. Sie fühlt sich nicht wohl in Petersburg. Sie hat Heimweh.“
Es ist mir in diesem Augenblick ganz gleichgültig, ob meine hübsche, kühle blone Base Magne Casparson sich in das estländische Pastorat ihres Vaters zurücksehnt oder nicht. Ich überlege: soll ich Papa das Unheil dieser Nacht jetzt gleich hier brühwarm auf dem Bahnhof berichten? Und da kommt schon seine Frage:
„Nun — und wie verlief denn deine Reise von Berlin hierher?“
Ich hole Atem. Ich schicke mich an, zu reden. Aber das Dampfzischen einer Lokomotive übertäubt schon meine ersten Worte. Ein örtlicher Zug aus dem nahen Petersburg ist eingefahren. Und zugleich ist um uns auf dem Bahnsteig eine merkwürdige Geschäftigkeit von allerhand Menschen. Reisende jeder Art, Streckenarbeiter, ein paar Kleinbürger, ein langbärtiger Altgläubiger, einige elegante Frauen, ein Pope, stehen wie aus der Erde gewachsen, da in Gruppen. Diese Gruppen bilden eine Art unauffälliges Spalier von einem in den Petersburger Zug einrangierten Salonwagen, bis zu dem Bahnhofschweizer, hinter dem die Pfauenfedern auf der Pelzmütze eines dickwattierten Kutschers vom Bock eines prunkvollen, wartenden Dreigespanns sich im Winde wiegen.
„Welch eine Menge Geheimpolizei plötzlich!“ sagt mein kundiger Vater. „Da muss ein ganz grosses Tier aus Petersburg angekommen sein! . . . Ah — sieh dort!“ Er wendet mit jugendlicher Beweglichkeit seine lange, vornehme Gestalt gegen den zug hin, so dass die bunten Bändchen des Annen-, des Wladimir-, des Alexander Newskij- und Gott weiss welcher anderen Orden auf der Klappe seines dunklen Überrocks im Herbstsonnenschein aufflimmern. Er ist auf einmal aufgeregt. Sein gespanntes, immer liebenswürdiges Antlitz zeigt, durch die Ruhe des Arztes hindurch, jäh einen Schimmer freudiger Befriedigung. „Sieh dort!“ wiederholt er gedämpft. „Es ist wahrhaftig Tschurin selbst! Er ist mein Patient! Mein Gönner! Schon seit einem Jahr! Ich sage das mit Dank zu Gott! Du ahnst nicht, was ein Rückhalt an Tschurin im augenblicklichen Petersburg bedeutet! Betrachte dir Tschurin genau! Er ist zur Zeit einer der mächtigsten Männer von Russland.“
Aus dem Salonwagen ist langsam ein kleiner, dürftiger älterer Herr gestiegen. Er trägt einen grauen Mantel um die schwächlichen Schultern. Eine weisse Schirmmütze beschattet sein schläfriges Fuchsgesicht, dessen Wachsgelb sich fahl von dem grauen Spitzbart unter der kolbigen Nase und dem säuerlichen, argwöhnisch in Fältchen gerundeten Mund abhebt. Die Ohren sind auffallend gross. Sie stehen wie Muscheln von dem kränklichen Haupt ab. Aus diesem Haupt blinzeln, undurchdringlich, leidenschaftslos, ein Paar geschlitzter Augen über den Bahnsteig hin.
„Welche Stellung hat Tschurin, Papa?“
„Nach aussen hit ist sie verschleiert. Er ist, für besondere Aufträge, dem Ministerium des Kaiserlichen Hauses und der Ochrana zugeteilt, insbesondere für dir persönliche Sicherheit des Selbstherrschers. Daher hat er insgeheim seine Hand in allem. In wenigen Jahren stieg er zu dieser Macht, indem er regelmässig als Älterer Gehilfe seinen unmittelbaren Vorgesetzten stürzte. Pass auf: Gleich wird er mich anreden! Mein Gott — wie elend er aussieht!“
Boris Borissowitsch Tschurin, Hohe Exzellenz, Wirklicher Geheimer Rat, Senator, Mitglied des Reichrats, geht zitterig über den Bahnsteig. Sein Bart ist grau. Sein Mantel ist grau. Alles ist grau, wie bei einer leise aus ihrem Loch geschlüpften Maus. Nun verzieht sich sein faltiger, etwas verbitterter, resignierter Mund zu einem eigentümlichen, gefrorenen, gleichsam aus Sibirien stammenden Lächeln. Er hat meinen Vater erkannt. Er winkt ihm mit der welken Hand zu.
Papa eilt geschäftig, nach russischem Brauch den Handschuh unterwegs von der Rechten streifend, auf ihn los. „Sei vorsichtig mit jedem Wort! Man nennt ihn in Petersburg den ,Vater der Lüge’!“ raunt er noch schnell, ohne mich anzusehen. Ich folge Papa, der mit der tiefen, elastisch federnden Verbeugung eines Hofmarschalls dem kleinen gefährlichen Mann die Hand drückt. Dann stellt er mich vor. Auch mich würdigt Seine Hohe Exzellenz einer Berührung seiner vom Papyrossendrehen gelblichen Fingerspitzen. Er ist, bei aller aufmerksamen, stillen Unergründlichkeit seiner grünlichen Pupillen, sehr liebenswürdig.
„Meine Frau wird sich freuen, Sie bei sich zu sehen!“ sagt er auf französisch zu mir, leise und höflich, fast vertraulich, und mein Herz schlägt höher vor freudiger Überraschung. Über Tschurin selbst habe ich noch wenig gehört. Auch aus den Breifen meines Vaters kaum ein paar Andeutungen. Denn welcher Würdenträger in Russland vertrut der Post mit ihren schwarzen Kabinatten diskrete Mitteilungen an? Aber der Salon der alten Marina Georgiewna Tschurin ist eine altbekannte Petersburger Institution. Landsleute im Ausland haben mir viel von ihm erzählt.
Dieser Salon ist einer der einflussreichsten politischen Wetterwinkel an der Newa. Hier werden die neuesten Nachrichten aus den Zarengemächern kolportiert. Hier werden die wichtigsten Intrigen gesponnen und die nützlichsten Vervindungen angeknüpft. Hier findet ein junger Mann, der seine Zeit versteht, Protektion. Was ist in Russland ein Mensch ohne Protektion?
„Sie treffen im Salon meiner Frau auch meine beiden Kinder!“ fügt die Hohe Exzellenz in leisem, mattem Französisch hinzu. „Halten Sie sich an meinen Sohn Platon! Er gehört zu den eifrigsten Panslawisten. Er ist — unter uns — Mitglied der geheimen ,Heiligen Schar‘ zum Schutz des Imperators. Sie wissen: diese Organisation ist nach aussen hin verboten. Nun — hähä! — es bekommt ihr recht gut! Mein Sohn wird Sie, nach Ihrem jahrelangen Aufenthalt in den westlichen Ländern, gern wieder in unsere russische Gedankenwelt einführen. Auch meine Tochter Irina . . .“ Er unterbricht sich und wendet sich zu meinem Vater: „Stellen Sie sich vor, mein teurer Professor: Irina will durchaus nicht mehr den Posten als Hoffräulein bei der alten Grossfürstin Anna Konstantinowna bekleiden! Warum? Sie fragen mich zuviel! Diese Irina ist ein Rätsel. Nicht nur mir, ihrem Vater, sondern allen! Ah — was erlebt man mit seinen Töchtern! Die Ljuba tot! Und die Irina sitzt mi rim Hause herum und weiss selbst nicht, was sie will . . .“
Papa neigt stumm, in einem verständnisvollen Beileid, seinen glattrasierten, schönen Kopf. Dann warnt er, ehrerbietig, aber mit der vertraulichen Offenheit des Arztes:
„Sie überarbeiten sich, Hohe Exzellenz! Ihr Aussehen will mir nicht gefallen!“
„In der Tat . . . Ich hatte gerade gestern . . . Ich bekam da Nachrichten . . .“ Boris Tschurin brach plötzlich ab und heftete seine undurchdringlichen, aber jetzt sonderbar melancholischen Augen starr vor sich auf die Sonnenblumenkerne am Boden, die da irgendein Muschik ausgespuckt hatte. Auch Papa und ich schweigen. Wir haben, in den Minuten dieser Unterredung, beide das Gefühl von Soldaten im Feuer. Wir wissen: wir befinden uns, so lange wir hier öffentlich mit dem Wirklichen Geheimrat Tschurin zusammenstehen, in unmittelbarer Lebensgefahr, wie er den ganzen Tag. Wohl beschrmt uns rings, in stummer unsichtbarer Aufmerksamkeit, die Ochrana. Aber wieviel Grosse Russlands haben trotzdem schon inmitten ihres Geheimschurzes die Erde mit ihrem Blut gerötet, und der Krach der Bombe, die der Hohen Exzellenz Tschurin gilt, würde auch uns in Stücke reissen. Doch es ereignete sich nichts. Der Würdenträger kam aus seiner merkwürdigen Versonnenheit zu sich. Er verabschiedete sich von uns.
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