Hier kommt der Abend »noch einmal von Anfang an«, wie Miss Swann, unsere Musiklehrerin, gern sagt.
Es war fünf nach sechs. Mam war gerade zum Weihnachtssingen in den Pub hinübergegangen. Dad war auch schon drüben, musste sich aber noch verkleiden. Tammy und ich sollten später dazukommen, nachdem wir den alten Leuten im Dorf Weihnachtsgeschenke von Mam und Dad vorbeigebracht hatten. Sheila, Tommy Natrass, die Bell-Schwestern und ein paar andere sollten eine Flasche Wodka mit einem Kärtchen bekommen: Frohe Weihnachten wünschen Mel und Adam vom Stargazer .
Meine Aufgabe war es gewesen, die Flaschen einzupacken.
Tammy kam mit der Tragetasche nach unten, in die ich die in rotes Geschenkpapier eingeschlagenen und mit einer Schleife verzierten Schachteln gelegt hatte. Da kriegten wir uns in die Haare. Es fing damit an, dass Tammy eine der Schachteln in die Hand nahm und sarkastisch sagte: »Super eingepackt!«
»Ich habe mein Bestes gegeben«, antwortete ich.
Das Geschenkpapier war verknittert, überall klebte Tesafilm und die Schleife war schludrig gebunden. Und nun fiel auch noch das Schildchen ab. Geschenke einzupacken ist auch wirklich nicht leicht.
» Ich habe mein Bestes gegeben, Tammy «, äffte sie mich mit Babystimme nach. »Das sagst du immer! Aber du gibst doch nie dein Bestes, oder? Du tust nur so. Du gibst dir gerade so viel Mühe, dass die Leute dir den Spruch abkaufen. Ach, der arme Ethan. Er hat sich so bemüht . Aber ich weiß, was rauskäme, wenn du dein Bestes geben würdest, Ethan. Ich bin deine Zwillingsschwester, schon vergessen? Deine andere Hälfte. Du machst mir nichts vor. Und du hast dir mal wieder null Mühe gegeben, also laber nicht rum.« Wie zum Beweis schwenkte sie ein weiteres schlampig eingepacktes Geschenk, bis auch da das Schildchen abfiel.
»Wo ist dein Kostüm?«, fragte ich, um abzulenken. Wir hatten abgemacht, dass wir uns diesmal als Weihnachtselfen verkleiden würden. Die Kostüme hatten wir noch von unserer Schulaufführung im letzten Jahr.
Tammy verdrehte die Augen. »Oh Mann, du bist so kindisch, Ethan.«
Wenn sie so mit mir redet, könnte ich ausflippen. Bloß weil sie zehn Minuten älter ist als ich, braucht sie sich nicht so aufzuspielen. Ich sah an mir hinunter: gestreifte Strumpfhose, grüne Jacke mit Schnalle und dazu noch ein spitzer Hut, den ich in der Hand hielt.
»Aber wir waren uns doch einig!« Ich wollte nicht weinerlich klingen, was mir leider nicht gelang.
Tammy trug wie immer Jeans, Turnschuhe und einen dicken Fleece-Pulli. Mode ist einfach nicht ihr Ding. Jetzt zog sie sich noch die wattierte rote Jacke über, ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk von Gran.
»Man kann seine Meinung auch ändern. Ups, gerade passiert! Ich hab keinen Bock, mich zu verkleiden und wie eine Sechsjährige durchs Schnarchkaff zu pilgern. Du kannst das ja gern machen, keiner hindert dich. Siehst toll aus!«
»Ich lauf bestimmt nicht als Einziger verkleidet durch die Gegend. Dann zieh ich mich jetzt um«, fauchte ich und stampfte die Treppe hoch.
»Okay, wir sehen uns bei der alten Sheila. Ich fahr los.«
»Wartest du nicht auf mich?«
»Nein, wir sind eh schon zu spät dran. Tschau.« Tammy öffnete die Haustür und trat in die Kälte. Und da habe ich es ihr nachgerufen:
»Ich hasse dich!«
(Insgeheim hoffe ich, dass sie mich nicht gehört hat, aber das hat sie bestimmt, denn ich habe ziemlich laut gebrüllt und die Tür war noch offen.)
Fünf Minuten später war meine Wut schon wieder verraucht, das alberne Elfenkostüm hatte ich auszogen. Vielleicht hat sie recht , dachte ich. Als Kompromiss zog ich den Weihnachtspulli mit der leuchtend roten Rentiernase an. (Ganz klein beigeben wollte ich nun auch wieder nicht.) Ich schloss die Haustür hinter mir und schwang mich aufs Rad, um Tammy einzuholen.
Kurz darauf fand ich am Waldweg ihr Rad im Gebüsch, Vorder- und Rücklicht erleuchteten den mit Frost überzogenen Boden. Von Tammy keine Spur.
Seither habe ich sie nicht mehr gesehen.
Wenn die Leute mitkriegen, dass Tammy und ich Zwillinge sind, heißt es manchmal: »Könnt ihr gegenseitig eure Gedanken lesen?« Weil die Frage so bescheuert ist, spielen wir immer ein bisschen Theater. Ich sage: »Klar. Tammy, an welche Zahl denke ich gerade?« Und ganz egal, welche Zahl Tammy nennt, rufe ich: »Stimmt haargenau!«
Auf jeden Fall fanden wir’s witzig. Manche sind auch tatsächlich drauf reingefallen, so wie Tammys neue Freundin Nadia, aber die glaubt sowieso alles.
Also, nein, wir stehen nicht in telepathischer Verbindung. Doch als ich an dem Abend Tammys Rad am Wegrand sah, wusste ich gleich, dass etwas passiert war. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Sofort hielt ich an. Mir lief es eiskalt den Rücken runter, als hätte mir jemand Eiswürfel in den Halsausschnitt geschüttet.
»Tammy?« Anfangs rief ich noch nicht so laut, weil ich zwar irgendwie wusste, dass was passiert war, aber nicht ganz sicher sein konnte. »Tam?«
Der Mond wurde von einer dicken Wolke verdeckt, und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie dunkel es dann in Kielder ist. Das einzige Licht stammte von den Fahrradlampen.
»TAMMY!«, brüllte ich und legte den Kopf schief, um zu horchen. Es ging nur ein leichter Wind, der lautlos zwischen den Bäumen hindurchstrich.
Tammys Rad lag an der Stelle, an der ein überwucherter Pfad die Böschung hinunter zum See und dem kleinen Holzsteg führt. Ich schnappte mir mein Vorderlicht und folgte dem Pfad.
Das macht doch keinen Sinn! , schoss es mir durch den Kopf. Warum sollte sie da runtergehen?
»Tammy! Tam!«, rief ich immerzu.
An dieser Stelle geht es steil bergab und ich stolperte durch die Dunkelheit, bis ich an den kleinen Kiesstrand gelangte. Schwarz wie Tinte lag Kielder Water vor mir. In dem Moment hörte ich dieses Geräusch, dieses Surren – erst tiefer und dann immer höher.
OOOOOOMMMMMMMM ooooooooommmmmmmm . Es erinnerte an ein Flugzeug, war aber garantiert kein Flugzeug. Oder an ein Motorboot, war aber garantiert auch kein Motorboot.
Hier unten am Wasser war der Himmel etwas heller, der wolkenverhangene Mond gab ein wenig graues Licht ab. Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich auf den See hinaus, über dem eine seltsame Nebelsäule erschienen war, die bis in den Himmel hinaufragte. Sie stand ein paar Augenblicke in der Luft, bevor der Wind sie davonwehte.
Dazu hing so ein Geruch in der Luft. Ein Gestank nach Schweiß und verstopftem Abfluss, der sich aber auch bald verflüchtigt hatte.
Ob Tammy vielleicht zum Steg gegangen war, um Steine ins Wasser zu werfen? Vielleicht schlug sie mich deshalb immer, weil sie heimlich übte? Natürlich war das eine total bekloppte Idee, aber das kam wahrscheinlich schon von der Panik.
Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich die Böschung wieder hochkletterte. Tammys Rad lag noch an Ort und Stelle.
Wieder rief ich nach ihr und hoffte, dass sie aus dem Wald gestapft kam und irgend so was sagte wie: »Iii-than, was brüllst du denn so? Ich war doch nur kurz pinkeln!«
Aber sie kam nicht und mir wurde klar, dass ich Hilfe holen musste. Ich zog das Handy raus. Kein Empfang. Typisch! Rund um den See ist Niemandsland.
Ich schwang mich aufs Fahrrad und strampelte, so schnell ich konnte, zur alten Sheila. Dabei schrie ich die ganze Zeit nach Tammy, bis ich fast heiser war.
So glasklar mir auch alles vor Augen steht, was bis zum Fund des Fahrrads geschah, danach verschwimmen die Erinnerungen.
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