1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 Noch im Jahr 1929 schienen Politik, Wirtschaft und Sport fest in der Hand der alten Landoligarchien zu sein. Präsident des Landes war der ehemalige Gouverneur von São Paulo, Washington Luís, der als Vertreter der Kaffee-Aristokratie galt. Die Regierung des Landes wurde nicht durch freie und allgemeine Wahlen gebildet, sondern durch Abkommen zwischen mächtigen Großgrundbesitzern der beiden reichen „Kaffee-mit-Milch“-Agrarstaaten São Paulo und Minas Gerais. Diese bestimmten auch, was im Fußball geschehen sollte.
Am 24. Oktober 1929 wurden die Landoligarchien jedoch von einer Katastrophe heimgesucht: In New York brach an jenem „Schwarzen Freitag“ die Börse ein und vernichtete weltweit die Preise für diverse Agrarprodukte, darunter den des Kaffees. Die brasilianische Elite sah sich der größten Krise ihrer Geschichte ausgesetzt. Gleichzeitig schritt die Industrialisierung der großen Zentren rasch voran. Das hatte zwei Konsequenzen: Zum einen wuchs eine neue städtische Industrieelite heran, zum anderen bildete sich eine riesige Masse an Fabrikarbeitern. Die neuen erfolgreichen Fußballvereine wie Corinthians und Palestra Italia in São Paulo oder Vasco da Gama in Rio de Janeiro bezogen ihr Geld, ihre Zuschauer und ihre Spieler aus diesen neuen sozialen Schichten.
Für den Oktober 1930 waren Wahlen angesetzt. Angesichts der Krise versuchte Staatspräsident Washington Luís, seine Wahlmänner ruhig zu halten, um sein Amt gegen Ende des Jahres – wie geplant – an einen Vertreter aus Minas Gerais weiterzugeben. In Bezug auf die Nationalmannschaft suchte er ein salomonisches Urteil und entschied, dass Brasilien durch den Verband Rio de Janeiros vertreten werde, die Spieler aber je zur Hälfte aus São Paulo und der Hauptstadt kommen sollten. Der Rest des Landes hatte seinerzeit noch keine fußballerische Bedeutung.
Dem Fußballverband São Paulos genügte dieser Kompromiss jedoch nicht. Die Nationalmannschaft wurde daher von ihm boykottiert, und am 8. Juli 1930 bestieg ein lediglich von Spielern aus Rio de Janeiro gebildetes Team den Dampfer Conte Verde, um die Reise zur WM nach Montevideo anzutreten. Die regionalen Streitigkeiten in Brasilien hatten u. a. zur Folge, dass das größte Fußballgenie der Zeit, Arthur Friedenreich, zu keinem WM-Einsatz kam, da er in São Paulo spielte. Der einzige nominierte Paulista, wie die Einwohner São Paulos genannt werden, war Araken Patusca, der seinerzeit in Rio de Janeiro spielte. Die Seleção war ein Abbild der inneren Unruhen des Landes.
Stimmung, Vorbereitung und Turnierverlauf der brasilianischen Nationalmannschaft waren schlecht. Nach dem 1:2 zum Auftakt gegen Jugoslawien gab es zwar ein 4:0 gegen Bolivien, doch nach nur zwei Spielen war die erste WM-Teilnahme Brasiliens bereits wieder beendet.
Nur wenige Monate nach dem Weltturnier kam es zu einem politischen Umsturz in Brasilien. Getúlio Vargas, seinerzeit Gouverneur des südlichsten Bundesstaates Rio Grande do Sul, nutzte die Schwäche der traditionell starken Politiker der zentralen Bundesstaaten Brasiliens. Indem er volksnahe Forderungen stellte, gelang es ihm, die unzufriedenen Kräfte in Industrie und Militär zu bündeln. Am 3. Oktober begann er mit Unterstützung dieser Bevölkerungsschichten einen öffentlichkeitswirksamen Marsch aus seinem Heimatstaat in die Hauptstadt Rio de Janeiro, wo er Washington Luís aus dem Amt putschte und sich selbst zum Präsidenten Brasiliens erklärte. Damit begann die Zeit einer autoritären national-populistischen Regierung, die bis 1945 dauern sollte.
1934: Streit um Profispieler
Vargas gilt als Gründer des modernen Brasiliens. Er strukturierte den Staatsapparat mit seinen Ministerien um, verabschiedete auf Druck der Industriearbeiter neue Sozialgesetze und erweiterte das Wahlrecht. Unter ihm wandelte sich Brasilien von einem Agrar- zu einem Industriestaat. Das hatte auch Konsequenzen für die Organisation des Fußballs, denn in Vargas Amtszeit fällt die gesetzliche Zulassung des Profifußballs im Jahr 1933 ebenso wie im Jahr 1941 die Bildung einer zentralen staatlichen Verwaltung des Sports durch die Gründung des Nationalen Sportbeirats.
Während der Weltmeisterschaft 1934 in Italien diskutierte man in Brasilien noch immer, ob Fußball nun ein Amateursport sei oder die Bezahlung der Spieler erlaubt werden solle. Obwohl am 23. Januar 1933 die Professionalisierung beschlossen worden war, hatten die alten Eliten noch einmal ihre Macht bewiesen und ein Amateurteam als Nationalmannschaft erzwungen. Es konnten zwar auch Profispieler nominiert werden, diese durften aber während der WM keinen Lohn erhalten. Weil sich die Arbeiterteams um das Wohl ihrer Spieler sorgten und diese den Einkommensausfall fürchteten, war kein Profi unter den WM-Spielern der Seleção. Einige Klubs sollen sogar ihre Spieler auf Fazendas im Hinterland versteckt haben – vermutlich, um eigenmächtige Abreisen der Spieler nach Italien zu verhindern.
Erneut konnte Brasilien also nur eine von Ausfällen gebeutelte Auswahl zur WM entsenden, und aufgrund des damaligen Regelwerks, das keine Gruppenphase, sondern nur K.-o.-Spiele vorsah, schied man nach nur einem Spiel (1:3 gegen Spanien) aus. Vargas beschloss daraufhin, in den Fußball zu investieren, um über ihn eine brasilianische Identität zu formen. Es war ihm wichtig, nationale Symbole zu stärken, um eine Einheit zu fördern.
War Brasilien vor Vargas Machtergreifung noch durch den tiefen Gegensatz zwischen weißer Elite und von ehemaligen Sklaven abstammenden schwarzen Arbeitern gekennzeichnet, so sollte dieser nun überwunden werden. Den intellektuellen Unterbau dafür lieferte der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre, der in seinem 1933 veröffentlichten Buch „Herrenhaus und Sklavenhütte“ die Ansicht vertrat, dass die Präsenz der afrikanischstämmigen Bevölkerung nicht mehr als Nachteil, sondern als Vorteil interpretiert werden sollte. Vargas nahm diese Idee auf und machte sie zu einem wichtigen Bestandteil der nationalen Identität.
1938: Exzellente Förderung seitens der Politik
Der Fußball war für diese Politik exakt das richtige Instrument. Mit der Aufhebung des Amateurstatus kamen immer mehr dunkelhäutige Spieler aus der Unterschicht in die obersten Fußball-Ligen. Diese begannen nach 1934 auch das Bild der Nationalmannschaft zu bestimmen und konnten so die von Vargas gewünschte Einheit des Landes symbolisieren. Für die WM 1938 in Frankreich wurden zudem finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. So konnten die besten Spieler unabhängig von ihrer Herkunft in aller Ruhe aus den verschiedensten Vereinen ausgewählt werden. Die Mannschaft versammelte sich zunächst zu einem intensiven Trainingslager im Wasserkurort Caxambú, der, unweit von Rio und São Paulo gelegen, ein beinahe europäisches Klima aufweist.
Das nächste Ziel war eine frühe Ankunft im WM-Land Frankreich, um auch dort die bestmögliche Vorbereitung zu absolvieren. Es gab Testspiele in Paris und in Straßburg. Am 5. Juni kam es dann zu einem spektakulären Auftaktspiel, das Brasilien mit 6:5 gegen Polen gewann. Im Viertelfinale folgte zunächst ein 1:1 gegen die Tschechoslowakei, ehe der 2:1-Sieg im Entscheidungsspiel zum Einzug ins Halbfinale berechtigte. Die brasilianische Öffentlichkeit jubelte. Man konnte es kaum glauben: Das dunkelhäutige Team aus Brasilien hatte tatsächlich die für so überlegen gehaltenen weißen Europäer geschlagen.
Gilberto Freyre schrieb daraufhin einen Kommentar in einer brasilianischen Tageszeitung, der Berühmtheit erlangen sollte. Er argumentierte, dass die Brasilianer nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer ethnisch gemischten Mannschaft gewonnen hätten. Die Vorzüge der Rassen hätten sich in der Mannschaft addiert. Ihre größte Stärke sei jedoch das individuelle Können, die Spontanität, die künstlerischen Dribblings und der lyrische Tanz, den die afro-brasilianischen Spieler auf dem Platz zelebrierten. Das sei die wahre Charakteristik nicht nur des brasilianischen Fußballs, sondern der brasilianischen Nationalität.
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