Anfangs wusste Jack nicht so recht, wohin sich die Geschichte entwickeln würde. Aber dann tauchte plötzlich der mächtige Löwe Aslan darin auf. »Ich glaube, ich muss wohl um diese Zeit ziemlich viel von Löwen geträumt haben. Abgesehen davon habe ich keine Ahnung, woher der Löwe kam oder warum er kam. Aber kaum war er da, zog er die ganze Geschichte um sich zusammen, und bald zog er auch noch die anderen sechs Narnia-Geschichten hinter sich her.«
Der König von Narnia ist also eigentlich das erste Buch der Reihe, auch wenn bei manchen Ausgaben »Band 2« auf dem Buchrücken steht. Das hängt damit zusammen, dass die Reihenfolge, in der die Bücher geschrieben wurden, nicht der Chronologie der Ereignisse entspricht, von denen sie erzählen. Die Frage ist also, in welcher Reihenfolge man sie am besten lesen sollte. Darüber streiten sich die Gelehrten seit vielen Jahren. Dabei ist es ziemlich egal, denn jedes Buch ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Ursprünglich waren die Bände auch gar nicht nummeriert. Aber wenn man Narnia zum ersten Mal entdeckt, ist es wohl am besten, genau da anzufangen, wo Jack auch angefangen hat – mit Der König von Narnia .
Seither haben Millionen von Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt dieses zauberhafte Land Narnia entdeckt und für viele von ihnen ist es fast so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Joanne K. Rowling, die Verfasserin der Harry-Potter-Bücher, hat diese Geschichten seit ihrer Kindheit ebenso geliebt wie Andrew Adamson, der Regisseur des ersten Narnia-Films. Und auch wenn man in den Büchern irgendwann zu alt wird, um nach Narnia gelangen zu können – in der Wirklichkeit ist es anders: »Kein Buch ist es wert, es mit zehn zu lesen«, sagte C. S. Lewis einmal, »wenn es sich nicht ebenso (und oft noch weit mehr) lohnt, es mit fünfzig zu lesen.«
Zu beneiden sind alle, die Narnia zum ersten Mal kennen lernen – ob sie nun zehn oder fünfzig sind.
Christian Rendel
Lucy schaut in einen Kleiderschrank
Es waren einmal vier Kinder, die hießen Peter, Susan, Edmund und Lucy. Diese Geschichte erzählt von einem Erlebnis, das sie hatten, als sie während des Krieges wegen der Luftangriffe aus London fortgeschickt wurden. Man brachte sie im Haus eines alten Professors unter, der weit draußen auf dem Land wohnte, zehn Meilen vom nächsten Bahnhof und zwei Meilen vom nächsten Postamt entfernt. Er hatte keine Frau und lebte in einem riesigen Haus mit einer Haushälterin namens Mrs Macready und drei Dienstmädchen. (Ihre Namen waren Ivy, Margaret und Betty, aber sie kommen in der Geschichte kaum vor.) Er selbst war ein uralter Mann mit struppigen weißen Haaren, die nicht nur seinen Kopf, sondern auch den größten Teil seines Gesichts bedeckten, und die Kinder schlossen ihn beinahe sofort ins Herz. Nur am ersten Abend, als er sie an der Haustür in Empfang nahm, sah er so seltsam aus, dass Lucy (die Jüngste) sich ein wenig vor ihm fürchtete und Edmund (der Zweitjüngste) am liebsten laut losgelacht hätte und dauernd so tun musste, als putze er sich die Nase, um es zu verbergen.
Sobald sie am ersten Abend dem Professor Gute Nacht gesagt hatten und nach oben gegangen waren, kamen die Jungen in das Zimmer der Mädchen, um Lagebesprechung zu halten.
»Mann, haben wir ein Glück«, sagte Peter. »Das wird ein Spaß hier. Der Alte lässt uns bestimmt machen, was wir wollen.«
»So ein netter alter Herr«, sagte Susan.
»Ach, hör bloß auf!«, sagte Edmund, der müde war, was er aber nicht zugeben wollte, und das machte ihm immer schlechte Laune. »Wie du schon redest!«
»Wie rede ich denn?«, fragte Susan. »Und überhaupt, für dich ist langsam Schlafenszeit.«
»Du hörst dich schon an wie Mutter«, sagte Edmund. »Und wie kommst du eigentlich dazu, mir zu sagen, wann ich ins Bett gehen soll? Geh doch selber ins Bett.«
»Sollten wir nicht lieber alle ins Bett gehen?«, meinte Lucy. »Es gibt bestimmt Ärger, wenn man uns hier reden hört.«
»Gibt es nicht«, sagte Peter. »Ich sage euch, in einem Haus wie diesem interessiert sich kein Mensch dafür, was wir treiben. Und hören können sie uns sowieso nicht. Man braucht ja zehn Minuten von hier bis runter ins Esszimmer und dazwischen liegen jede Menge Treppen und Gänge.«
»Was ist das für ein Geräusch?«, fragte Lucy plötzlich. In einem so großen Haus war sie noch nie zuvor gewesen, und allmählich beschlich sie ein unheimliches Gefühl bei dem Gedanken an all diese langen Gänge und Reihen von Türen, die in leere Zimmer führten.
»Das ist bloß ein Vogel, du Dummkopf«, sagte Edmund.
»Es ist eine Eule«, sagte Peter. »Hier ist bestimmt ein Paradies für Vögel. Also, ich gehe jetzt ins Bett. Wollen wir morgen ein bisschen auf Entdeckungsreise gehen? Wer weiß, was wir hier alles finden. Habt ihr auf dem Weg hierher die Berge gesehen? Und die Wälder? Vielleicht gibt es da Adler. Oder Hirsche. Bestimmt gibt es Falken.«
»Und Dachse!«, rief Lucy.
»Füchse!«, setzte Edmund hinzu.
»Kaninchen!«, sagte Susan.
Doch als der nächste Morgen kam, fiel ein so dichter, gleichmäßiger Regen, dass man weder die Berge noch die Wälder sehen konnte, wenn man aus dem Fenster schaute, nicht einmal den kleinen Bach im Garten.
»War ja klar, dass es ausgerechnet heute regnen muss!«, sagte Edmund. Sie hatten gerade ihr Frühstück mit dem Professor beendet und befanden sich oben in dem Zimmer, das er ihnen zugeteilt hatte – einem langen, niedrigen Raum mit einem Fenster in der einen Richtung und zwei in der anderen.
»Hör schon auf zu meckern, Ed«, sagte Susan. »Ich wette, in einer Stunde oder so klart es auf. Und bis dahin wird es uns bestimmt nicht langweilig. Wir haben doch ein Radio und jede Menge Bücher.«
»Ohne mich«, sagte Peter. »Ich werde erst einmal das Haus erkunden.«
Damit waren alle einverstanden und so begannen ihre Abenteuer. Es war ein Haus, das nie ein Ende zu nehmen schien, und es steckte voller Überraschungen. Die ersten paar Türen, die sie öffneten, führten erwartungsgemäß nur in unbenutzte Zimmer; doch bald kamen sie in einen lang gestreckten Raum voller Gemälde und dort fanden sie eine Ritterrüstung. Danach kam eine Kammer, die ganz mit grünem Stoff verhangen war und in deren Ecke eine Harfe stand; dann ging es drei Stufen hinab und fünf Stufen hinauf und weiter in eine Art kleine Diele im Obergeschoss, wo eine Tür hinaus auf einen Balkon führte; und dann kam eine ganze Reihe von Zimmern, von denen immer eins ins nächste führte und deren Wände über und über mit Büchern bedeckt waren – die meisten waren sehr alt und einige noch größer als die Bibel in einer Kirche. Kurz darauf schauten sie in ein Zimmer, das ganz leer war, bis auf einen großen Kleiderschrank mit einem Spiegel in der Tür. Sonst befand sich überhaupt nichts in dem Zimmer, außer einer toten Schmeißfliege auf der Fensterbank.
»Hier ist nichts!«, sagte Peter und alle marschierten wieder hinaus – alle außer Lucy. Sie blieb zurück, weil sie sich dachte, es wäre doch lohnend, einmal die Tür des Kleiderschranks zu probieren, obwohl sie fast sicher war, dass sie verschlossen sein würde. Doch zu ihrer Überraschung ließ sie sich ganz leicht öffnen und zwei Mottenkugeln kullerten heraus.
Als sie hineinschaute, sah sie mehrere Mäntel dort hängen – größtenteils lange Pelzmäntel. Lucy liebte Pelze über alles – wie sie dufteten und wie weich sie sich anfühlten. Sofort stieg sie in den Kleiderschrank zwischen die Mäntel und kuschelte ihr Gesicht hinein, wobei sie natürlich die Tür offen ließ, denn sie wusste, es ist eine große Dummheit, sich in einem Kleiderschrank einzuschließen. Bald ging sie noch ein Stück weiter hinein und stellte fest, dass hinter der ersten Reihe Mäntel noch eine zweite hing. Hier hinten war es fast völlig dunkel, sodass sie die Arme nach vorn ausstreckte, um nicht mit dem Kopf gegen die Rückwand des Schranks zu stoßen. Sie machte noch einen Schritt tiefer hinein – dann zwei oder drei Schritte – immerzu in der Erwartung, die Holzwand an den Fingerspitzen zu spüren. Aber sie spürte nichts dergleichen.
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