Hanna drehte sich grinsend mal in die eine, dann in die andere Richtung.
»Hanna, mach’s nicht so spannend«, rief eine gebräunte, pummelige Frau mit Lockenturm und üppigem Goldschmuck. Alle lachten.
Nina suchte nach einem Ausweg. Doch die Bühne war umringt von den Zuschauern des Spektakels. Sie dachte an das Taxi, schon bald würde das hier überstanden sein, sie würde sich in die Polster des Taxis zurücklehnen und …
Plötzlich stoppte die Musik. Hanna, die ihr gerade noch den Rücken zugekehrt hatte, wandte sich mit einem Mal um und warf den Brautstrauß in ihre Richtung! Außer ihr stand niemand dort. Nina machte eine Art Hechtsprung, erwischte den Brautstrauß fast … jetzt hatte sie ihn … oder doch nicht ganz, statt ihn zu fassen, lenkte sie ihn mit ihrer Bewegung ab, sodass er im hohen Bogen in eine leere Ecke flog.
Ein enttäuschtes »Oooh« ging durch die Menge.
Michaela stöhnte. »Du bist doch nicht beim Polizeisport. Fangen sollst du ihn, nicht pritschen.«
Der Lockenturm rettete die Situation. So schnell ihre High Heels sie trugen, stöckelte sie auf den Strauß zu, schnappte ihn sich, hielt ihre Beute triumphierend hoch und strahlte in die Menge.
Eine Stunde später schloss Nina ihre Haustür auf und kickte die Pumps von den schmerzenden Füßen. Fröstelnd drehte sie die Heizung in ihrem Wohnzimmer auf und ließ sich noch im Mantel auf ihr Sofa fallen, ohne das Licht einzuschalten. Urlaub war manchmal anstrengender als Arbeit. Aber das Schlimmste lag hinter ihr: erst die Feier anlässlich der Pensionierung des Kollegen Kux und jetzt die Hochzeit. Sie gähnte. Regen pladderte gegen die Fensterscheibe, durch die Rinnsale, die die Scheibe hinunterliefen, wurde das schwache Licht einer Straßenlaterne gebrochen. Sie gähnte noch einmal und holte ihr Handy aus der Tasche. Dodo hatte angerufen und auf die Mobilbox gesprochen. Bestimmt Polizeikram. Michaela hatte recht, sie sollte besser abschalten. Im wahrsten Sinne des Wortes: Weg mit dem Handy!
Sie hörte die Mobilbox ab.
»Hey Nina, hier Dominik. Falls dir langweilig sein sollte und du die Versehrtentruppe verstärken möchtest …« Lachen. »Du erinnerst dich, dass Weber seit der Bierkistenaktion bei Kux’ Feier Rücken hat. Leider sind es die Bandscheiben, und er fällt länger aus. Frank ist auf der frisch gewischten Treppe ausgerutscht und hat sich den Knöchel gebrochen. Da wir einen neuen Mordfall haben, sitzt er schlecht gelaunt mit Unterschenkelgips im Büro und muss den Aktenführer machen. Immerhin kriegen wir einen neuen Kollegen, aber ob der gut ist, wissen wir nicht. Scheint ehrgeizig zu sein, wollte gleich zu unserer Mordkommission. Freu dich, dass du Urlaub hast, und viel Spaß auf Malle.«
Neuer Mordfall? Neuer Kollege? Interessant … Nina richtete sich auf, lehnte sich dann wieder zurück und seufzte. Wieso hatte sie die Nachricht überhaupt abgehört? Wie hatte Michaela sich ausgedrückt? Kapier es doch endlich, du hast Urlaub .
Dominik bog mit dem Dienstwagen auf den Wanderparkplatz bei Peter auf’m Berge ein. Das Licht seiner Scheinwerfer streifte einen weißen Oldtimer, der zwischen all den silbergrauen Polizei-Dienstwagen auffiel: Ein schickes Citroën-Cabriolet mit heruntergezogenem Verdeck. Der Wagen musste aus den Sechzigern oder den Siebzigern stammen. Dominik parkte daneben. Er fuhr privat selbst einen neuen Citroën, aber diese alten Modelle hatten was – sie weckten Assoziationen von einer Autotour im sonnigen Süden, hinter dem Steuer Grace Kelly mit flatterndem Seidenschal und riesiger Sonnenbrille. Ein Hauch von Glamour im neblig-düsteren Teutoburger Wald. Doch wer von den Kollegen fuhr diesen Wagen? War der dröge Mordkommissionsleiter Bent Andersen von seinem Volvo auf dieses stilvolle Gefährt umgestiegen? Dominik lächelte. Wohl kaum. Außerdem fuhr Bent, korrekt bis in die Haarspitzen, nie mit seinem Privatwagen zu einem Fundort. Dominik stieg aus.
Der Fundort der Leiche lag ein Stück entfernt in der Nähe des Hermannswegs und war schon von Weitem an dem Scheinwerferlicht der Spurensicherung zu erkennen, das zwischen den dunklen Stämmen der Bäume hindurchschimmerte. Dominik folgte dem Licht, das immer greller wurde, während er sich näherte, und auf dem Waldboden jedes vertrocknete Blatt, jede Eichel, jeden Stein deutlich hervortreten ließ. Die Leute in den weißen Overalls wischten wie Gespenster hin und her, fotografierten, gossen Gips in einen Abdruck, wühlten im Laub. Mit Absperrband hatten sie eine Bannmeile um den Fundort gezogen und einen Trampelpfad für die Ermittler markiert.
Die mächtige Gestalt des Mordkommissionsleiters ragte zwischen den wuselnden Spurensicherern wie ein Fels in der Brandung auf. Bent Andersen sprach mit einer schmalen Frau mit feuerroten Haaren in der Nähe eines Lochs im Boden. Das Scheinwerferlicht leuchtete Bents narbendurchzogenes Gesicht ebenso gnadenlos aus wie alles andere, ließ seine kurzen, aschblonden Haare fast weiß wirken. Wie hatte Frank ihn mal beschrieben, als Bent vor einem Jahr von Flensburg nach Bielefeld gewechselt war? So ’ne Mischung aus Erik, dem Roten und Puff-Türsteher . Seither hatte es mehrere Fälle gegeben, bei denen sie zusammenarbeiten mussten, doch was hinter der Stirn von Big Bent vor sich ging, war Dominik ein Rätsel geblieben.
Er machte dem Fotografen Platz, der ihm auf dem Pfad entgegenkam, und gesellte sich zu Bent und der Frau.
»Ach Dominik, hallo.« Bent lächelte verkniffen. Begeisterung sah anders aus. Der Kommissariatsleiter Ernst Meyer zu Bargholz hatte Dominik dieser Mordkommission mal wieder ohne Rücksicht auf die »Chemie« zugeteilt. Bent räusperte sich. »Mein Kollege Dominik Domeyer – die Rechtsmedizinerin Frau Hansen.«
Sie nickten sich zu, und Dominiks Blick fiel auf den wachsbleichen Körper in dem Erdloch: Die gut erhaltene, nackte Leiche einer jungen Frau, die auf dem Rücken lag. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen, die Lippen geöffnet, die langen, dunklen Haare lagen ausgebreitet um ihren Kopf, doch das Ganze wirkte nicht inszeniert. Es war noch immer zu erkennen, dass sie eine Schönheit gewesen sein musste.
Dominik atmete schwer. Ein anderes Bild stieg vor ihm auf: Lissa, seine siebzehnjährige Tochter, ebenso intelligent wie frech, mit dunklen Korkenzieherlocken und einer Vorliebe für Gothic. Sie verbrachte gerade ein Highschooljahr in Neuseeland. Ihre beruflichen Pläne wechselten monatlich, von der Bühnenbildnerin bis zur Meeresbiologin. Zuletzt war auch das Wort Polizei gefallen, mehrmals sogar … Trotz eines Anflugs von Freude und Stolz war er sich nicht im Klaren, was er davon halten sollte. Er hatte Lissa erst vor zwei Tagen angerufen, woraufhin sie sich über ihren schlimmen Glucken-Papa beklagte, aber er würde sie gleich anrufen, wenn er heute Nacht nach Hause kam.
Welche Ziele, welche Träume hatte wohl die junge Frau in ihrem kalten Waldgrab gehabt?
Die Stimme der Rechtsmedizinerin riss ihn aus seinen Gedanken. »Das Loch ist nicht sehr tief, aber da die Leiche im Boden gelegen hat, kann ich die Liegezeit kaum bestimmen. Auf jeden Fall liegt sie hier länger als sechsunddreißig Stunden, die Leichenflecken lassen sich nicht mehr wegdrücken. Genauer geht’s leider nicht. Wenn sie an der Luft gelegen hätte, wäre die Besiedelung mit bestimmten Insektenarten ein Anhaltspunkt gewesen, etwa Schmeißfliegen und …«
»Wer hat sie gefunden?«, unterbrach Dominik.
»Der Revierförster, der hier mit seinem Hund unterwegs war. Der Hund hat eine Stelle freigescharrt, bei der ein Fuß zum Vorschein kam«, antwortete Bent.
»Ihr Hals …«, begann Dominik.
»Das sind Würgemale«, warf Frau Hansen ein. »Und an den Handgelenken sind auch Male zu erkennen, sehen Sie diese roten, glattrandigen Einschnitte? Möglicherweise war sie gefesselt. Sieht aber nicht nach einem Strick aus. Und zwischen den Beinen …« Sie stockte. Es war offensichtlich: getrocknetes Blut und Hämatome an den Innenseiten der Oberschenkel. »Mit etwas Glück finden wir Spermaspuren. Ich werde übrigens noch heute Nacht im Städtischen Krankenhaus obduzieren. Möchte einer der Herren dabei sein?«
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