1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 »Gut, daß du hereinschaust«, sagte Barbro, die gerade dabei war, die Notizen über die Fälle zusammenzusuchen, die aller Wahrscheinlichkeit nach auf der Sitzung zur Sprache kommen würden. »Ich habe da ein Problem. Du weißt ja, daß Svea nächste Woche frei hat, sie will mit ihren Eltern eine Autotour durch Dänemark machen. Kannst du einspringen und ihr einen Fall abnehmen? Die Klientin kommt das erstemal und hat schon einen Termin für Montagvormittag.«
»Jaa«, antwortete sie zögernd, »ich könnte schon, obwohl es mir lieber wäre, wenn ich es nicht brauchte. Ich habe morgen schon einen Besuch, und die verbleibende Zeit wollte ich für den Rundfunk nutzen, mir fehlt noch das Manuskript für die nächste Sendung. Ist es etwas Besonderes?«
»Nein, ganz und gar nicht«, antwortete Barbro und zog bekümmert die Stirn in Falten, »sie will nur etwas über die juristischen Konsequenzen einer Scheidung wissen. Doch wenn du nicht willst, dann geht es wohl ...«
»Nein, nein, ich übernehme das schon«, fiel sie rasch ein, »es scheint ja nicht weiter kompliziert zu sein. Für den Rest des Tages werde ich allerdings das rote Lämpchen einschalten.«
»In Ordnung, Kristina«, sagte Barbro, und ihr Gesicht hellte sich auf. »Man kann sich eben auf dich verlassen. Sie kommt um elf.«
Ich bin zu gutmütig, geradezu töricht, dachte sie, als sie dann gemeinsam die Treppe zu dem neueingerichteten Sitzungszimmer im obersten Stockwerk hinaufstiegen. Ich bringe es wohl niemals fertig, nein zu sagen.
Fast die ganzen zwei Stunden, die die Beratung dauerte, saß Kristina schweigend da. Normalerweise pflegte sie ihre Gesichtspunkte eifrig darzulegen, sie selbst war eine derjenigen gewesen, die sich für die einmal in der Woche stattfindenden Besprechungen mit allen Angestellten und den vier Experten eingesetzt hatte, die als ständige Berater des Büros fungierten. Sie wußte, daß die Zusammenkünfte von Nutzen waren, daß sie dem einzelnen Mitarbeiter die Möglichkeit boten, Fälle, bei denen er nicht weiterkam, aus neuer Sicht zu sehen, daß sie zu der Offenheit beitrugen, die die Arbeitsatmosphäre in hohem Maße bestimmte. Doch heute war ihr die ganze Angelegenheit zuwider. Sie hatte das Gefühl, so etwas schon zu oft mitgemacht zu haben, und es gelang ihr, den plötzlich aufsteigenden Wunsch zu unterdrücken, den Roslund-Fall zur Sprache zu bringen.
Sie wußte noch immer zuwenig über das, was wirklich geschehen war, und war außerdem unsicher, wie sie die Sache darlegen sollte, denn Agneta war ja eigentlich ihre private Klientin. Außerdem befürchtete sie, man könne den Fall als Mißerfolg für sie werten. Sie wußte ja, daß einige der älteren Fürsorgerinnen ihre Arbeitsweise noch immer (und das nach sieben Jahren) ein wenig skeptisch betrachteten. Als sie hier angefangen hatte, war sie von allen die Jüngste gewesen und zudem unverheiratet. Das hatte genügt, um die Älteren gegen sie einzunehmen. Sie wußte, einige waren der Ansicht, sie sei arrogant und überheblich, und ihr war auch bekannt, daß ihre Privilegien – die Freistellungen für Konferenzen und die Arbeit beim Rundfunk – immer mal wieder mit säuerlichen Kommentaren bedacht wurden. Sie wußte, daß man sie im Auge behielt, also wollte sie es tunlichst vermeiden, das Feuer, das vielleicht von selbst am Verlöschen war, neu zu schüren.
Sie sind nur neidisch, dachte sie, viele wären nur allzugern an meiner Stelle.
Sie saß dösend in einer Ecke des niedrigen, weichen Sofas, direkt unter einem der großen Atelierfenster, und malte zerstreut auf dem Rand ihres Notizblocks herum. Es fiel ihr schwer, Interesse für die auf der Tagesordnung stehenden Probleme aufzubringen, sie meinte plötzlich, das alles schon viele Male gehört zu haben, glaubte im voraus zu wissen, wie die Diskussion verlief, denn zu oft schon waren sämtliche Varianten eines möglichen Vorgehens durchgesprochen worden.
Ich hätte über die Anzahl meiner Fälle Buch führen sollen, dachte sie. So weiß ich nicht einmal, ob es tausend oder zweitausend sind, seit ich hier angefangen habe.
Trotzdem registrierte sie dieses Gefühl der Unlust mit einiger Verwunderung; es kam nur selten in ihr auf, und wenn, glich es zumeist einem dumpfen Groll, den sie sich nicht anmerken lassen durfte. Sie konnte es manchmal kaum noch ertragen, daß die Klienten sich ausschließlich auf ihre Gefühle konzentrierten, daß sie die wirkliche Situation von ihren Erlebnissen verdecken und sich selbst von momentanen, ständig schwankenden irrationalen Gefühlen leiten ließen, daß sie diese Gefühle nicht unter Kontrolle hatten. Zuweilen konnte sie diese ständige Beschäftigung mit den Gefühlen nicht mehr ausstehen, und ihr verhaltener Zorn war dann am stärksten, wenn die Klienten zu den Wohlhabenden zählten, denn fast immer waren sie es, die am schwierigsten zur Vernunft zu bringen waren.
Nur sie können es sich leisten, ihre Gefühle zu hätscheln, dachte sie bitter und merkte, daß ihr Kritzeln aggressiv und heftig geworden war, nur sie kommen zu uns. Ein Arbeiter hat sicherlich weder Zeit noch Geld, sich um psychische Zipperlein zu kümmern.
Die offensichtliche Disproportion bei der sozialen Zugehörigkeit der Klienten beunruhigte sie oft, und ab und zu empfand sie leichtes Unbehagen wegen ihrer Rolle in diesem Spiel.
Ich sitze hier und doktere an denen herum, die mich am wenigsten benötigen, dachte sie. Nicht ihnen zuliebe habe ich mich schließlich für das Sozialwesen entschieden.
Doch das Gefühl, diejenigen im Stich gelassen zu haben, denen sie sich vor allem hätte widmen sollen, konnte sie in der Regel abschütteln, und das Gefühl der Wut und des Triumphes, das sie packte, wenn die Begüterten plötzlich ihre Armseligkeit vor ihr ausbreiteten, hatte sie hinlänglich zu verbergen gelernt. Ein für allemal hatte sie ihre Gefühle beherrschen gelernt, sie ließ sich nicht mehr von ihnen verleiten, sie verstand sich auf die Tricks ihres Berufs, sie hatte sich gezwungen, stark und kühl zu sein, und von den Mädchen in der Anmeldung hatte sie erfahren, daß fast die Hälfte aller Klienten um einen Termin bei ihr baten. Das alles wußte sie, und das flößte ihr beinahe immer Ruhe und Sicherheit ein.
Gleich nach der Sitzung kam Nora auf sie zu und zupfte sie leicht am Ärmel.
»Hast du Zeit, mal kurz bei mir hereinzuschauen?«
»Aber sicher, du weißt doch, daß ich für dich immer Zeit habe!«
Nora war die Jüngste im Büro, sie hatte gerade ihren dreißigsten Geburtstag hinter sich und arbeitete erst knapp sechs Monate bei ihnen. Vorher hatte sie sich vier Jahre lang im Jugendfürsorgeamt abgerackert, wo Kristina sie entdeckt und – vom Scharfblick und Arbeitsvermögen des Mädchens beeindruckt – überredet hatte, die Stelle zu wechseln. Sie hatte gebeten, das Mädchen im ersten Jahr selbst anleiten zu dürfen. Nora war mit ihrer Frische, ihrem ein bißchen ruppigen Ton und ihrer legeren Kleidung ein willkommener Neuzugang in diesem Büro, in dem die leise und lavendelduftende Altjüngferlichkeit manchmal in gefährliche Nähe rückte.
»Du darfst mich nicht auslachen«, sagte Nora, als sie die Tür hinter sich zuzog, »aber ich muß dich etwas fragen. Es geht um Peter Hallberg, du kannst dich vielleicht an ihn erinnern.«
Kristina war nicht erstaunt. Sie bemerkte die leichte Röte auf Noras Wangen und die plötzliche, nervöse Aktivität, mit der diese den Schreibtisch abräumte.
»Ja, sicher«, antwortete sie. »Stimmt mit ihm irgend etwas nicht?«
Peter Hallberg war einer von Noras ersten Klienten gewesen. Als Betreuer hatte Kristina dem Verlauf der Geschichte aus der Ferne folgen können. Hallberg war siebenundzwanzig und Diplomökonom. Nach einer komplizierten Doppelscheidung war er am Ende das fünfte Rad am Wagen, das man nicht mehr benötigte.
Er hatte seine Frau und zwei Kinder verloren, das Einfamilienhaus in Vinsta verlassen und sich ein Zimmer irgendwo auf Kungsholmen mieten müssen. Sie wußte, daß Nora viel Zeit in den Fall investiert hatte, zumal Peter Hallberg noch immer zur Konsultation kam, obwohl die vier anderen Beteiligten ihre Besuche längst eingestellt hatten.
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