1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 Nora spielte mit ihrem Füllfederhalter und rückte die große, viereckige Brille von Zeit zu Zeit nervös zurecht.
»Ich weiß nicht mehr, wie ich mich zu ihm verhalten soll. Es klingt vielleicht lächerlich, doch ich glaube, er ist drauf und dran, sich in mich zu verlieben. Jedenfalls sieht es so aus.«
Sie hätte es voraussehen müssen, genau das war zu erwarten gewesen! Nora war ja nicht nur intelligent, sie war außerdem auffallend schön und weder verlobt noch verheiratet. Und Peter Hallberg – sie hatte es selbst konstatiert – war trotz aller Bescheidenheit und Schüchternheit ein ungewöhnlich gutaussehender Mann.
»Na und du?« fragte sie und versuchte, so zu tun, als bemerke sie Noras Verlegenheit nicht. »Du magst ihn auch, nicht wahr?«
»Irgendwie, ja. Zu Anfang hatte ich vor allem Mitleid mit ihm wegen dieser ganzen Scheidungsgeschichte, den Kindern und seiner Angst vor der Impotenz. Doch inzwischen habe ich entdeckt, daß er mich nicht kaltläßt. Und das beunruhigt mich.«
»Hat er schon irgendwie etwas angedeutet?«
»Nein, er hat bisher noch kein Wort gesagt. Noch nicht.« Noras Stimme zitterte ein wenig, als hätte sie Angst. »Doch es ist ihm deutlich anzumerken, daß er sich hier wohl fühlt, ja, es ist nicht zu übersehen, daß er sich fast schon an mich klammert. Deshalb fürchte ich mich ein wenig vor ihm, oder richtiger, vor mir selbst. Denn ich spüre ja genau, daß ich eigentlich nichts dagegen habe, ihm über diese Impotenzangst hinwegzuhelfen. Zugleich weiß ich aber, daß es dumm von mir wäre, daß es die ganze Angelegenheit nur noch komplizieren würde.«
»Dann ist es ja gut«, sagte Kristina rasch. »Dann weißt du ja, was du zu tun hast. Man muß bei seinem Engagement gewisse Grenzen einhalten, das ist eine gute Regel in unserem Beruf. Fängt man an, die eigene Person mit dem Privatleben der Klienten zu verquicken, ist man bald übel dran. Wir sollen Berater sein, nicht Samariter. Kurzum: Willst du mit Peter ins Bett steigen, solltest du wenigstens warten, bis er mit seiner Therapie hier fertig ist.«
»Das habe ich mir auch schon gesagt«, antwortete Nora und sah plötzlich erleichtert aus. »Und ich wußte, daß du mir genau das raten würdest. Ich wollte es nur von dir selbst hören, das macht die Sache für mich sehr viel leichter. Aber eigentlich ist es doch zum Kotzen, daß man ...«
Nora biß sich auf die Zunge und wurde glühend rot. Kristina stand rasch auf, tätschelte ihr leicht die Wange und stimmte ihr mit einem verständnisvollen Lachen zu.
»Ja, Nora, es gibt in diesem Beruf auch eine Reihe von Nachteilen. Manchmal beschneidet er unsere Entscheidungsfreiheit.«
In der Tür drehte sie sich noch einmal um und fügte mit beherrschterer Stimme hinzu: »Aber leider ist es so: Voraussetzung für ein positives Ergebnis unserer Arbeit ist nun einmal, daß wir uns nicht in die Konflikte der Klienten hineinziehen lassen. Geben wir da nach, haben wir kaum eine Möglichkeit, die eigenen Gefühle im Zaum zu halten.«
Vielleicht war ich zu schroff, dachte sie, als sie die Treppe hinunterging. Doch ich mußte ihr ja abraten, ich weiß doch, was aus solchen Geschichten werden kann.
In ihren ersten Jahren hier im Büro, ehe sie gelernt hatte, eine schützende Distanz zu wahren, war sie einige Male in ähnliche Situationen geraten. Sie hatte sich in männliche Klienten verliebt, in einem Fall sogar dem Wunsch nachgegeben, in eigener Person zu helfen, und sich unvorsichtigerweise auf eine nervenaufreibende Verbindung eingelassen. Er hieß Kurt Landgren, war Zahnarzt, seine Frau hatte ihn wegen eines anderen verlassen, und er selbst war auf dem besten Wege, sein Selbstvertrauen und jegliche Tatkraft einzubüßen. Er hatte sie ein paarmal zu Hause angerufen, und aus einem plötzlichen Gefühl des Mitleids und der Verantwortung heraus hatte sie ihn auf einen kurzen Winterurlaub nach Norwegen mitgenommen. Danach war es wahnsinnig schwierig gewesen, ihn wieder loszuwerden. Er hatte sich an sie geklammert, hatte all seine wiedergefundene Virilität auf sie konzentriert, und damit er begriff, daß sie es ernst meinte, war sie schließlich gezwungen, ihn brutal und schmerzhaft abzuweisen.
Sie mochte Nora viel zu gern, als daß sie hätte zusehen können, daß diese sich der gleichen Gefahr aussetzte.
Sie ist zu weich, dachte sie. Sie muß lernen, härter zu sein. Sonst wird man sie früher oder später kaputtmachen.
Sie stand, hinter der Gardine verborgen, am Fenster des Wohnzimmers und sah ihn kommen. Sie hatte hastig und ohne viele Umstände gegessen, hatte nur etwas Braten aus der Büchse gewärmt und ihn auf ein paar Scheiben Knäckebrot gelegt. Am Abwaschtisch lehnend hatte sie die Brote nervös und mehr aus Pflichtgefühl hinuntergeschlungen. Sie hatte eine Dose Bier geöffnet, doch nur ein kleines Glas davon getrunken. Sie war voller Unruhe, denn trotz aller Bemühungen war sie den lächerlichen Argwohn nicht losgeworden, der ihre Sicherheit untergrub.
Ich stelle mich ans Fenster und schaue ihn mir an, dachte sie. Sieht er verdächtig aus, lasse ich ihn gar nicht erst herein.
Doch sie wußte nicht genau, was sie mit »verdächtig aussehen« meinte.
Genau drei Minuten vor sieben entdeckte sie ihn. Plötzlich stand er einfach da, jenseits der Rasenfläche mit dem herbstlich leeren Planschbecken. Er rührte sich nicht von der Stelle und sah zum Haus herüber. Dann überquerte er ruhig und zielbewußt die Straße und verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie wußte, daß er um das Haus herumging, daß er das Gartentor öffnete und dann mit wenigen Schritten an der Haustür war. Sie konnte sich vorstellen, daß er im Flur stehenblieb und im Halbdunkel die Namen überprüfte, bevor er langsam die Stufen bis zum zweiten Treppenabsatz hinaufstieg.
Jetzt! dachte sie, und im gleichen Augenblick, als die Glocken der Västerledskyrka zu läuten begannen, klingelte es spröde und blechern an ihrer Wohnungstür.
Sie registrierte seine übertriebene Pünktlichkeit ohne Erstaunen, diese Eigenheit hatte sie schon seinem Anruf entnehmen können.
Entweder ist er krankhaft pedantisch, dachte sie, oder so völlig eingeschüchtert, daß er nicht wagt, auch nur eine Minute zu spät zu kommen.
Bevor sie die Tür öffnete, warf sie noch einen Blick in den Garderobenspiegel. Sie hatte ein flauschiges Hauskleid angezogen, als wolle sie sich von ihrer sonstigen Rolle, ihrem Aussehen im Büro, distanzieren. Nervös zupfte sie das Kleid über den Hüften zurecht, und als sie die Tür öffnete, spürte sie, daß ihr Willkommenslächeln steif und unnatürlich ausfiel. Sie wußte nicht, wie sie das Gespräch beginnen sollte, trat daher nur schweigend zurück, und er hängte, ebenso schweigend, seinen graublauen Trenchcoat an den Garderobenhaken. Er trug einen nüchternen, doppelreihigen Anzug und einen äußerst konventionellen Schlips, und sie war nicht verwundert, als er sich bückte und ein paar abgetragene Galoschen von den Füßen streifte.
Auch das noch, dachte sie. Hat er Angst, sich zu erkälten?
Mit einer einladenden Geste bat sie ihn ins Zimmer, er verbeugte sich ein wenig förmlich und rieb die leicht gelblichen Hände aneinander.
»Es ist außerordentlich nett von Ihnen, mich empfangen zu wollen«, sagte er, und wieder fiel ihr seine etwas umständliche Ausdrucksweise auf.
Sein Blick irrte die ganze Zeit umher, und sie bemerkte, daß er die Angewohnheit hatte, beim Sprechen die Lippen mit der Zungenspitze anzufeuchten. Sie kannte das, hatte es bei vielen ihrer Klienten gesehen, vor allem bei solchen, denen Psychopharmaka verordnet worden waren, die trockene Schleimhäute und Durst verursachten.
Er blickte sich abschätzend im Zimmer um, bevor er sich auf dem äußersten Rand des unbequemsten Sessels niederließ.
»Ich habe es mir schon gedacht«, sagte er leise. »Sie haben es nett hier, hübsch eingerichtet und gemütlich. Und die vielen Bücher!«
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