Ich hätte es vielleicht nicht so eilig haben dürfen, hatte sie gedacht. Doch schließlich muß sie selbst es entscheiden. Sie hat noch Zeit, sich die Sache zu überlegen.
Ein paar Wochen später hatte eine Kollegin vom Fürsorgeamt sie angerufen und ihr mitgeteilt, daß der Abort nicht komplikationslos verlaufen sei und daß Agneta Roslund nun unter schweren Depressionen leide, völlig apathisch geworden sei und sich weigere, nach Hause zu fahren. Kristina hatte Clas angerufen, und es war ihr gelungen, für Agneta einen Platz in der psychologischen Klinik des Karolinischen Krankenhauses zu bekommen, und dann hatte sie die ganze Geschichte aus ihren Gedanken zu verdrängen versucht, sie hatte anderes zu tun, als über ehemalige Klienten nachzugrübeln.
»Und jetzt das!« murmelte sie vor sich hin. »Doch es war nicht meine Schuld, ich konnte ja nicht wissen ...«
Im Laufe ihrer Tätigkeit im Fürsorgeamt hatte sie sich zu der Erkenntnis durchringen müssen, daß ein Abort, der schnell und ohne aufrèibendes Moralisieren durchgeführt wurde, in Fällen wie diesem im allgemeinen vorzuziehen war. Früher, als sie noch Fürsorgerin an der Neuen Grundschule gewesen war, hatte sie vor jedem Abort-Antrag eine Heidenangst gehabt und die Entscheidung bis zuletzt hinausgezögert, doch als die Mädchen immer jünger und die Schwangerschaften immer häufiger wurden, hatte sie den Versuch aufgegeben, die ethischen und moralischen Konsequenzen mit ihren Klientinnen zu diskutieren. Die Gespräche waren nur aufreibend und voll von Vorwürfen gewesen, und sie mußte erkennen, daß sie die Situation der Hilfesuchenden erschwerten, viele wurden unschlüssig, viele schienen danach von Reue gepackt zu werden, von Gewissensqualen, die sich oft in Angriffen auf diejenige äußerten, die die Sache organisiert hatte.
Um die Realität so zu sehen, wie sie ist, hatte sie trotzdem beim Fürsorgeamt angefangen, und die zwei Jahre dort hatten die letzten Reste ihres Zögerns hinweggefegt. Vor dem anschwellenden Strom von Antragstellern gab sie auf: vor den mageren Grundschulmädchen, die träge und kaugummikauend mit der Standardbescheinigung ihrer Schulfürsorgerin an ihr vorbeizogen, den vielen Jugendlichen, die gerade erst ins Berufsleben getreten waren und nun zu ihr kamen, um den ersten, zweiten oder dritten Abort zu beantragen, den Frauen im mittleren Alter, die nach der Urlaubsreise in den Süden voller Panik angestürzt kamen. Sie war nicht imstande, sich in die einzelnen Fälle zu vertiefen, sie glichen einander allzusehr, da war nirgends etwas auszurichten, und sie beschränkte sich darauf, die Anträge auf Auskratzungen und andere Eingriffe schnell und ohne unnötige Wartezeit und peinliche Fragerei zu erledigen.
Ja, sie hatte gelernt, mit diesen Fällen fertig zu werden, und auch wenn sie routinemäßig Broschüren über Verhütungsmittel verteilt und die Jüngsten in vielen Fällen mit kostenlosen Kondomen beinahe überschüttet hatte, tat sie es doch ohne große Hoffnung auf Erfolg.
Sie kriegen es einfach nicht fertig, hatte sie manchmal gedacht. Sie wollen nicht den Eindruck erwecken, durchtrieben und berechnend zu sein, und so die Gefühle zerstören.
Sie erinnerte sich, was das zwölfjährige Mädchen aus Gubbängen auf die Frage geantwortet hatte, warum sie denn nicht darauf achte, daß die Jungen Kondome benutzen.
»Wenn man verliebt ist, will man doch nicht an so etwas denken!«
Und nun das mit Agneta Roslund! Es kam ungelegen und unerwartet. Sie konnte nichts gegen das Unbehagen tun, das plötzlich in ihr aufstieg, und sie fühlte sich fast so unsicher wie in den ersten Jahren nach der Sozialhochschule. Dieses Gefühl rief einen unangenehmen Geschmack im Mund hervor, brachte sie aus dem Gleichgewicht, ließ all die Erinnerungen auf sie einstürzen, die zu verdrängen sie gelernt, die zu vergessen sie sich gezwungen hatte. Doch sie wollte sich nicht erinnern. Sie stand vom Schreibtisch auf und ging hinüber zur Toilette, um zu gurgeln und sich das Gesicht mit kaltem Wasser abzuspülen.
Doch das Unbehagen saß tiefer, es hatte mit vernarbten Erinnerungen zu tun, mit den Gerüchen einer Klinik in einer Gasse in Kopenhagen, mit einer kalten Sonde in den harten, gefühllosen Händen eines fetten, nach Bier stinkenden Arztes, der hinter dem Mundschutz Unverständliches vor sich hin brummelte; mit den verächtlichen Blicken einer Nachtschwester, die sie aus dem Operationszimmer hinausgeführt hatte und in einem kalten Zimmer mit einem feuchten Bett zurückließ; mit einer langen, ermüdenden Zugfahrt, während der sie wieder und wieder auf die Toilette laufen mußte, um die vollgesogenen Binden zu wechseln; mit dem ohnmächtigen Versuch, das Gesicht zu wahren, als einer ihrer Lehrer zustieg und sich mit ihr die ganze Strecke von Ånge nach Östersund lebhaft über die Sportferien unterhielt. Und es hatte mit dem Anruf nach Hause zu tun, als sie ihrem Vater mitten im Monat dreihundert Kronen zusätzlich abnötigen mußte, für Literatur, wie sie sagte, die sie vor dem Abitur noch unbedingt brauchte, mit seiner Ratlosigkeit und seinem Seufzer, bevor er zustimmte; und auch mit den Gesprächen mit Sigfrid, dem Aushilfslehrer in Deutsch, mit seinem Erröten und Stammeln, als er die restlichen fünfhundert zusammengekratzt und sie weinend angefleht hatte, diese Reise zu unternehmen. Ja, vor allem erinnerte sie sich wohl an seine zitternde Feigheit, seine Angst davor, die Unachtsamkeit könne offenbar werden, an seine plötzlich gute Laune, als sie nachgab, und ihre unbändige Verachtung für ihn, als die Sache vorüber war. Und da war auch ihre tränenvolle Angst auf der Fahrt nach dem unbekannten Kopenhagen und die Leere und Kälte in ihr auf der Heimreise, als alles vorbei war und sie allein um die brennenden Schmerzen wußte. Sie hatte es nicht bereut; der Schleimklumpen, der ihre ganze Zukunft hätte zerstören können, war weg, übriggeblieben war nur der kühle Entschluß, niemals jemandem davon zu erzählen, und die Erkenntnis, das Geheimnis ganz allein tragen zu müssen. Auf der langen Reise in dem rüttelnden Sitzwagen war ihr das immer klarer geworden, und als sie im Schneegestöber aus dem Zug stieg und den Kindesvater hinter das Bahnhofsgebäude entwischen sah, hatte sie ein kaltes, triumphierendes Gefühl der Kraft in sich verspürt, hatte die Gewißheit sie erfüllt, daß nichts mehr sie unterkriegen würde, daß sie niemandem mehr erlauben würde, sie zu Boden zu drücken, daß sie sich niemals so feige und erbärmlich verhalten würde, wie er es getan hatte, daß sie stark sein würde, sehr stark.
Damals hatte sie sich endgültig für diesen Beruf entschieden, und als sie jetzt in der Toilette stand und den unangenehmen Geschmack loszuwerden trachtete, sah sie ihre Eltern vor sich, wie sie in ihren blankgewetzten und unmodernen Sonntagskleidern feierlich steif im Gewühl vor dem Tor des Gymnasiums gestanden und pathetisch die Blumensträuße umklammert hatten, und sie dachte daran, wie verloren die beiden ausgesehen hatten.
Sie hörte noch den Stolz in der Stimme des Vaters, als er zu Hause auf der Vortreppe den Nachbarn ihre Zukunftspläne entwickelte. »In dem Mädchen steckt etwas! Sie wird denen da oben schon zeigen, was wir wert sind!«
»Du darfst nicht sentimental werden, das führt zu nichts«, sagte sie halblaut vor sich hin, und als ihr bewußt wurde, daß jemand vor der Tür stehen und lauschen könnte, zog sie heftig an der Spülung.
Du mußt einen klaren Kopf behalten, dachte sie, wenigstens du mußt damit fertig werden!
Gleich nach der Mittagspause, als sie unten im Konsum für die ganze Woche eingekauft und noch Zeit gehabt hatte, in dem kürzlich umgebauten Restaurant »Tre bockar« rasch einen Kaffee zu trinken, fiel ihr auf dem Weg zur vierten Etage, wo am Nachmittag die Versammlung stattfinden sollte, wieder ein, was Elisabet am Morgen gesagt hatte. Sie machte kehrt und ging hinunter zu Barbro Wallin, der Leiterin des Büros, zu deren Aufgabenbereich es unter anderem gehörte, die Klienten auf die elf Fürsorger aufzuteilen. Barbro war die Älteste im Büro, sie wurde bald sechzig, war aber noch immer äußerst interessiert an ihrer Arbeit; noch immer voller Enthusiasmus über die Bedeutung der Familienberatung. Sie hatte einen Zug von Idealismus an sich, der Kristina zuweilen irritierte, doch ihre jahrzehntelange Erfahrung hatte ihr eine Autorität verliehen, die niemand in Abrede stellen konnte.
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