„Licht, wir brauchen sofort Licht!“, brüllte sie ins Mikrofon. „Und haltet die Türen verschlossen!“
Jetzt erst dämmerte Belle, dass die Dunkelheit gar nicht Teil der Präsentation war. Nach einer halben Ewigkeit blitzten einzelne Strahler auf. Catherine Noir stand noch immer auf der Bühne. Sie umklammerte den Schlüssel mit ihrer Faust. In ihrer andern Hand hielt sie einen silbernen Kugelschreiber, aus dem vorne eine Nadel ragte. Den Feuertiger würde sie zur Not mit ihrem Leben verteidigen, das erkannte jeder im Saal. Doch dazu würde es nicht mehr kommen, denn die Truhe auf dem Tisch neben ihr war geöffnet – und leer. Auch Belles Herz schlug schneller. Der Feuertiger war gestohlen worden! Vor ihrer aller Augen! Und wo war eigentlich Oliver? Belle hatte das ungute Gefühl, dass sie sich um ihn kümmern musste.
„Hierher!“, Belle reckte den Hals. Oliver stand am Rand des Saals vor dem Notausgang im Halbdunklen. Er hob den Arm, als wollte er seinen Lehrer im allerletzten Moment anbetteln, ob er mal kurz aufs Klo dürfte.
„Hierher!“, rief er mit piepsiger Stimme. „Hallo, hallo, kommt alle hierher!“
Doch in dem Durcheinander achtete niemand auf ihn. Belle aber sah die Furcht in seinen Augen.
Sofort drängelte sie sich zu ihm durch.
Oliver kniete jetzt am Boden. Vor ihm lag ein zusammengerollter Mensch mit einer schwarzen Sturmhaube über dem Kopf. Aus seinem Rucksack lugte der Griff des Feuertigers.
Der Gestalt hinter der Bühne!, schoss es Belle durch den Kopf. Mit beiden Händen rollte sie ihn auf den Rücken. Belle zuckte erschrocken zurück. Auf der Vorderseite der schwarzen Maske waren zwei funkelnde Pantheraugen aufgedruckt. Sie hatten den berühmtesten Dieb der Gegenwart vor sich!
„Los, zieh ihm die Maske runter!“, forderte Oliver sie auf.
Als Belle nicht reagierte, streckte er selbst seine Finger nach dem Phantom aus. Doch in diesem Moment zerrten ihn die beiden Wachen von dem bewusstlosen Dieb herunter.
„Bist du lebensmüde, Junge?“, herrschte der größere von ihnen Oliver an. „Du weißt doch, was mit dir passiert, wenn die Klinge auf dich zeigt!“
Oliver nickte wie der Schulstreber, der beim Abschreiben erwischt worden war.
Catherine Noir bahnte sich einen Weg durch die Menge. „Bringt ihn in mein Büro“, kommandierte sie. „Fesselt ihm die Hände – und lasst ihn keine Sekunde aus den Augen. Ich komme gleich hinterher.“
Die Wachmänner legten sich die Arme des Phantoms über die Schultern und schleiften ihn aus dem Festsaal.
Die Präsidentin stieg auf einen Stuhl.
„Liebe Gäste, bitte beruhigen sie sich“, bat sie mit kräftiger Stimme. „Wir sind im Vorfeld des Festes gewarnt worden, dass ein Dieb versuchen würde, den Feuertiger zu stehlen.“ Catherine Noir lächelte. „Nun, es ist bei einem Versuch geblieben. Dank der genialen Idee unseres Akademieleiters Severin Maximov. Er hat den Deckel der Schatztruhe mit einem Kontaktgift versehen, das wenige Sekunden nach Berührung zu Bewusstlosigkeit führt. Unsere ältesten Club-Mitglieder waren eingeweiht und trugen deswegen erstmals Handschuhe.“
Alle im Saal klatschten. Belle und Oliver jedoch sahen sich enttäuscht an. Sie hatten die Chance, eines der größten Geheimnisse der Gegenwart zu lüften, um wenige Sekunden verpasst.
In der Eingangshalle von Deep Fog Castle gab es für den Rest des Abends nur ein Thema. Wohin Belle auch blickte, alle redeten nur über den vereitelten Diebstahl.
„Man muss die Kühnheit dieses Phantoms regelrecht bewundern!“, trompetete Dick Snyder in die Runde. Belle blieb stehen, um ihm zuzuhören. „Wenn er nicht so ein Schurke wäre – er wäre glatt ein spannendes Mitglied für den ACE.“
Die Umstehenden protestierten heftig. Oliver neben ihm untersuchte gerade die spannenden physikalischen Gesetze, die hinter dem Trinken mit Strohhalm steckten.
Dick Snyder sah ihm kopfschüttelnd zu. „Ich wünschte, unser Oli hätte auch nur ein kleines bisschen von diesem Mut, aber er ist leider völlig aus der Art geschlagen.“
Belle sah, wie Oliver rot wurde. „Ich heiße Oliver, Papa“, piepste er zurück.
Dick Snyder knuddelte ihn väterlich. „Junge, ich meine es nicht so“, versuchte er zu beschwichtigen. „Maximov wird aus dir einen großen Abenteurer machen. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Du wirst eines Tages vollenden, was deiner Großmutter und mir nicht gelang: das Aufspüren der Ruinen von Batavia!“
Er legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter. Oliver machte ein Gesicht, als wäre sie schwer wie ein Mühlstein. Als er zu Belle hinübersah, drehte sie sich schnell weg. Bei einem weiteren Gespräch an diesem Abend würde der Nerd sie sicher als gute Freundin ansehen und darauf hatte Belle absolut keine Lust. Um richtige Freunde zu finden war es klug, sich von Gestalten mit Pullunder und Sandalen fernzuhalten.
Belle stellte sich in einen Pulk mit älteren Schülern. Doch die dachten gar nicht daran, mit einer Neuen zu sprechen. Und Belle war viel zu stolz dafür, um um Aufmerksamkeit zu betteln.
Also trank sie ihren Saft aus und ging ins Obergeschoss. Ohne die Panik des Zuspätkommens fand sie den Weg sofort.
Doch mitten im Gang blieb sie stehen. Die Tür von Zimmer Luxor stand weit offen. Leise schlich Belle sich an. Hektische Geräusche drangen in den Flur, als würde jemand ihren Schrank durchwühlen. In Belles Innerem schrillten Alarmglocken. War das Phantom wieder ausgebrochen und knackte nun ihr mageres Sparschwein? Mit einem Satz sprang Belle in den Raum.
„Was machst du da?“, rief sie.
Ein Mädchen mit Billionen von schwarzen Haaren auf dem Kopf stieß einen spitzen Schrei aus.
Erschrocken drehte sie sich zur Tür um. Auf ihrem Arm turnte ein Tier herum.
Das Mädchen, das auf dem verschwindenden Elefanten angekommen war! Warum war Belle beim Anblick des Rucksacks nicht gleich auf sie gekommen?
„Tschuldigung“, sagte Belle. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber die Tür …“
Das Mädchen lächelte verlegen. „Ich mag es nicht, in geschlossenen Räumen zu sein. Da fühle ich mich immer wie im Käfig.“
Sie stoppte und streckte Belle ihre Hand entgegen.
„Ich bin Oni, wir sind wohl Zimmergenossinnen – oder was sagt man dazu?“
Belle nahm die Hand. „Ich bin Belle. Und wer ist dieser putzige Kerl hier?“
Sie versuchte, dem Tierchen mit dem Finger auf die Nase zu stupsen. Doch es kreischte und versteckte sich hinter Onis bombastischer Frisur.
Onis Gesicht hellte sich auf. „Das ist Anubi, mein Erdmännchen. Er ist nicht nur putzig, sondern auch unglaublich verfressen. Lass also besser nichts herumliegen, was du noch selbst essen willst, besonders keine Leckerbissen wie Skorpione, Kakerlaken oder Gottesanbeterinnen …“
Belle schüttelte lachend den Kopf. „Okay, ich achte drauf.“
Sie gähnte. „Und jetzt muss ich dringend pennen. Mann, war das ein Tag!“
Belle ließ sich rückwärts auf das Himmelbett fallen. Noch im Kippen schlief sie ein.
Als Belle am folgenden Morgen wach wurde, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Tür stand sperrangelweit auf und das Bett auf der anderen Seite des Zimmers war unberührt und leer. Oni und Anubi waren nicht da. Auch ihr Rucksack fehlte, der Schrank war leer. Sie waren offensichtlich abgehauen. Aber warum?
Читать дальше