„Papa“, ermahnte sie ihn. „Sind wir auch wirklich richtig? Ich habe seit einer Viertelstunde kein einziges Straßenschild mehr gesehen.“ Auch an Häusern, geschweige denn Menschen, waren sie schon ewig nicht mehr vorbeigekommen.
Pierre Pompadour grinste und drückte das Gaspedal noch mehr durch. Belle seufzte und sah aus dem Fenster. Sie war aufgeregt wie … wie … na, wie an ihrem ersten Schultag eben. Ihre Familie hatte bisher mit dem ACE absolut nichts zu tun gehabt. Der Club war auf sie aufmerksam geworden, weil Belle nach einer missglückten Safari als Achtjährige eine Woche alleine in der Sahara überlebt hatte. Außerdem beherrschte sie mittlerweile acht Sprachen und war eine Expertin für Hieroglyphen des Altertums. Trotzdem war Belle angespannt. Konnte sie mit all den Supertalenten der Akademie überhaupt mithalten? Die meisten der anderen Schülerinnen und Schüler stammten aus Familien, die seit Jahrhunderten mit dem Adventure Club of Europe zu tun hatten, wie Belle wusste. Deren Vorfahren waren bei Ausgrabungen von ägyptischen Pharaonen dabei gewesen, hatten die letzten Tasmanischen Tiger in Australien wieder ausgewildert oder 1924 an der ersten unbemannten Mondumrundung teilgenommen (die Passagiere waren ausschließlich Frauen gewesen, was Belle sehr belustigte …).
Und sie? Ja, sie hatte eine Menge Wissen zu bieten und nebenbei auch noch alle Jugendturniere Frankreichs im Fechten gewonnen. Aber reichte das?
Mit quietschenden Reifen bog der Oldtimer im letzten Moment in einen Waldweg ein.
„Papa!“, brüllte Belle aufgeregt.
„Belle!“, antwortete ihr Vater mit einem beinahe schon herablassenden Lächeln. „Ich bin noch immer da hingekommen, wo ich hinwollte. So ein modernes Gerät passt einfach nicht zu diesem Auto.“
Belle schnaubte. „Wenn wir zu spät kommen, dann …“
Pierre Pompadour kaute auf den Spitzen seines Schnurrbartes herum. Da plötzlich die Sicht schlechter wurde, musste er das Tempo auf für ihn lahme 120 km/h drosseln. Es wurde von Minute zu Minute nebeliger. Bald sah Belle fast gar nichts mehr. Und dann standen sie vor einer alten Mühle. Dahinter war nur Wald.
„Bist du sicher, dass das die Akademie ist?“, fragte Belle spitz.
Pierre Pompadour antwortete nicht. Er riss nur das Steuer herum, gab Vollgas und brauste in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.
Belle hätte ihn erwürgen können! Wie konnte man nur so verstockt sein! Wahrscheinlich waren sie von Deep Fog Castle mittlerweile weiter entfernt als vom Mond! Der Nebel allerdings passte immerhin. Aber den gab es in England ja häufiger als Wochentage …
Belle wurde herumgeschleudert, als ihr Vater in eine Allee einbog. Hupend überholte er einen dreckverkrusteten Geländewagen mit ausklappbarem Zelt auf dem Dach. Auch an einem glänzenden Sportwagen drängelte er sich vorbei. Und dann war sie plötzlich da. Wie aus dem Nichts tauchte die Burg aus dem dichten Nebel auf, der ihr den Namen gab.
Schwungvoll jagte Pierre Pompadour unter den acht langen Metallbeinen eines käferähnlichen Reiseobjekts hindurch auf den Vorplatz der Burg. Die Limousine bremste scharf, sodass der Kies in alle Richtungen spritzte.
Pierre Pompadour hielt Belle seine Armbanduhr unter die Nase. „15 Uhr, auf die Sekunde pünktlich!“
Augenblicklich riss Belle die Beifahrertür auf und sprang mit hochrotem Kopf aus dem Wagen.
„Danke für die tolle Fahrt, Papa!“, schimpfte sie und warf die Tür zu. Stampfend ging sie zum Kofferraum und holte ihren Seesack hervor. „Weißt du, was?“, rief sie ihrem Vater zu. „Du darfst auch ohne Navi zurückfahren – und zwar jetzt gleich. Das Fest möchte ich gerne genießen, ohne dich.“
Damit drehte sie sich um und stampfte auf einen Stehtisch zu, an dem zwei Lehrer kühle Getränke und traditionelle Gurkensandwichs servierten.
„Belle!“, rief ihr Vater ihr hinterher. „Was hast du denn?“
Doch Belle drehte sich nicht noch einmal um. Ein Lehrer, der wie eine Birke aussah, hielt Belle sein Tablett hin. Doch ihr war der Appetit vergangen. Sie wollte nur noch möglichst schnell auf ihr Zimmer.
Vor dem Eingang der Burg hatte sich eine Schlange gebildet. Belle stellte sich hinten an, was sonst. Neben dem Tor stand ein rothaariger älterer Mann mit ebenso rotem Bart und begrüßte jeden der Ankömmlinge mit Handschlag. Beim Näherkommen erkannte Belle in ihm einen Lehrer, den sie schon bei ihrem Vorstellungsgespräch vor ein paar Monaten kennengelernt hatte.
Harold Godric McFinnegan trug wie immer einen dreiteiligen Tweed-Anzug und sah genauso aus, wie Belle sich einen ehrbaren Professor vorstellte. Jedenfalls wirkte er ganz und gar nicht wie ein verwegener Abenteurer. Aber er repräsentierte den Club mit altenglischem Charme und Klasse – auch wenn er natürlich stolzer Schotte war, wie Belle wusste.
„Ohne Krawatte hockt der sich noch nicht mal in die Badewanne“, behauptete ein Schüler hinter Belle felsenfest.
Als Belle an vorderster Stelle in der Schlange war, erklang hinter den Dächern von Deep Fog Castle ein Knallen wie von Pistolenschüssen. Alle fuhren herum. Ein merkwürdiges Fluggerät kurvte zwischen den Türmen hindurch. Es sah aus wie eine Wurst aus Eisen, aus drei dicken Rohren quoll schwarzer Rauch hervor. Das Ding drehte einen Looping, stoppte mit quietschenden Bremsen in der Luft und senkte sich dann zu Boden. Zischend öffnete sich eine Luke und eine vierköpfige Familie kletterte ins Freie, Vater, Mutter und zwei Jungen. Der jüngere von ihnen sah sich mit puterrotem Kopf um. Der Vater nahm die Schutzbrille ab und schob seinen Sohn auf McFinnegan zu.
„Harold, wie schön!“, grüßte der Mann. „Bewunderst du meine neuste Erfindung? Es ist ein Ü-Boot. Das Ü steht für Über – Überland, Überwasser, Überwolken!“
McFinnegan nickte höflich, aber nicht überschwänglich.
„Darf ich dir deinen neuen Schüler vorstellen“, fuhr der Pilot fort. „Das ist Oli!“
Der Junge sah beschämt zu Boden. „Ich heiße Oliver!“, beschwerte er sich mit piepsiger Stimme. „Das i am Ende eines Namens ist die Verniedlichungsform. Ich bin aber kein Wellensittich!“
„Oliver Snyder, willkommen“, begrüßte McFinnegan den Jungen. „Wir haben dich in Zimmer Machu Picchu untergebracht.“
Olivers Vater klatschte in die Hände. „Ah, herrlich! Das war auch meine Bude – und die deiner Großmutter!“, er lachte überlaut. „Machu Picchu, Oli, die sagenumwobene Inkastadt in den Anden! Wir sind eben für Höheres geboren!“
Oliver Snyder rollte mit den Augen.
Belle biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht war sie doch zu streng mit ihrem Vater gewesen. Egal wie peinlich er sich benahm, offenbar ging es noch viel, viel schlimmer …
Mitten im Park erschien nun wie aus dem Nichts ein riesiger Elefant. Auf seinem Rücken hockte eine 90-jährige Frau mit dunkler Haut und schneeweißen Haaren. Sie trug unzählige Ketten um den Hals. An ihren Schultern hielt sich ein Mädchen fest, das mit großen Augen die Burg begutachtete. Ebenso neugierig schielte ein Erdmännchen aus ihrem Rucksack hervor.
„Oni Amaka“, murmelte der Lehrer. „Scheint die Gabe ihrer Urgroßmutter geerbt zu haben …“
Die Elefantenkuh umfasste ihre Reiterin mit dem Rüssel und setzte sie behutsam neben einem Pfefferminzbeet ab. Oni hangelte an den Falten des Dickhäuters wie an einer Strickleiter herunter. Das Erdmännchen feuerte sie mit lautem Kreischen an. Kaum waren beide unten, verschwammen die Umrisse des Elefanten, bis er schließlich ganz verschwunden war.
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