Du hast bereits gelernt, dass es verschiedene Arten des Ichs gibt: dein konditioniertes Ich (Ego) und dein höheres Ich (wahres Selbst). Entscheidend ist, wer den Geist (das Ich) gerade führt.
Also frage dich: „Führt mich meine Konditionierung (mein Erlerntes, meine Geschichte, mein Glaube) oder mein wahres Selbst, das in diesem Moment verankert ist, durchs Leben?“
Die Unterschiede zwischen Ego und wahrem Selbst sind in Bezug auf den Verstand gravierend. Das Ego, das konditionierte Ich, wird gelenkt von Erfahrungen, der Egoverstand übernimmt die Kontrolle und bezieht sein Wissen und seine Wahrheit aus den Erfahrungen. Das heißt, bist du mit deinem Ego identifiziert, bist du das Opfer deiner Realität. Du hinterfragst nicht, sondern bist dem unkontrollierten Denken hilflos ausgeliefert. Dein Egoverstand rattert ständig, nährt Angst, Negativität, Manipulation und Illusion. Er baut eine Kulisse in deinem Kopf, er erschafft eine Traumlandschaft, in der du dich verlierst und zum Gefangenen deiner Realität wirst.
Der Egoverstand ist immer auf der Suche, hat nie genug, ist stets unzufrieden und schürt in dir Angst und Misstrauen.
Trennen wir uns vom Ego und erkennen die Konditionierungen, hören wir ja nicht auf, den Verstand zu benutzen. Nachdem du dich von der Identifikation gelöst hast, übernimmt dein wahres Selbst die Führung über das Denken. Dieses Denken bezeichne ich als „führenden Geist“.
Der führende Geist ist im Moment verankert und lebt dadurch sein wahres Selbst. Bist du der führende Geist, bist du dir deiner Gedanken bewusst, kannst sie lenken und steuern und dadurch entscheiden, welchen Input du deiner inneren Welt geben möchtest. Bist du dir dessen gewahr, was dein Verstand produziert, wirst du immer seltener das Verlangen verspüren, für alles eine Erklärung zu wollen, du wirst aufhören, alles zu „zerdenken“ und dich über den Verstand zu definieren. Du wirst nicht länger mit ihm identifiziert sein, weil du ihn als Tool, als Werkzeug, zu betrachten beginnst. Du übernimmst die Kontrolle und die Entscheidungsgewalt. Diese bewusste Führung ist mächtig, mit ihr bist du nicht länger Opfer deiner Konditionierung beziehungsweise Geschichte. Du erhebst dich aus dem Egoverstand und nutzt ihn für sinnvolle Zwecke.
In der Spiritualität heißt es oft, lös dich von deinem Verstand, hör auf zu denken, geh in die Stille!
Für mich war es anfangs sehr schwer, in die Stille zu finden, selbst mit Praktiken wie Meditation, Yoga und Qi Gong. Bis ich erkannte, dass Stille nicht bedeutet, nicht denken zu dürfen. Für mich ist Stille ein Bewusstseinszustand, in dem der führende Geist im Moment verankert ist und der Geist aus seinem Verstand keine Nahrung zieht, sondern ihn benutzt, um Aufgaben zu lösen oder zu reflektieren. Es ist wie mit dem Ego: Löse ich mich von meinem illusorischen Ich, bedeutet das nicht, dass sich das Ego in Luft auflöst, sondern dass ich mich nicht länger über meine Konditionierungen definiere. Jedoch habe ich weiterhin ein Ego.
Dieses Ich ist jedoch das wahre Selbst, das bewusst eine Rolle in diesem Leben einnimmt. Ohne Ich könnten wir nicht am Leben teilnehmen. Wir sind hier, um eine menschliche Erfahrung zu machen, also ist es in Ordnung, zu denken und ein Ich zu besitzen. Du musst nichts löschen, du darfst lediglich dein Ich mit Bewusstsein fluten.
Die Wirkung, die sich in dir entfaltet, wenn der führende Geist am Hebel sitzt ist, ist die, dass alles zum Abenteuer wird. Denn die emotionale Komponente deines Verstandes fällt von dir ab. Emotionen sind nichts anderes als Erinnerungen, vergangene Gefühlszustände, die in dir gespeichert sind. Lösen wir uns von dem Egoverstand, lösen wir uns auch vom Vergangenen, das uns emotional anhaftet. Dann erleben wir (der führende Geist) Gefühlszustände, deren Essenz sich aus dem Moment heraus bildet.
Das führt dazu, dass wir bewusst am Spiel des Lebens teilnehmen, uns aber nicht länger eine Rolle aufbürden, um in der Welt zu funktionieren. Der führende Geist wird zum Dirigenten deiner Wahrnehmung und löst jeglichen Widerstand auf, den der Egoverstand erzeugt.
Ist der führende Geist am Drücker, eröffnet er uns Dimensionen und Perspektiven, die für den Egoverstand unvorstellbar sind. In der Spiritualität heißt es, der Verstand sei begrenzt. Dies trifft auf den Egoverstand vollständig zu, jedoch nicht auf den führenden Geist. Denn der bezieht sein Wissen nicht aus dem Erfahrungspaket oder aus dem, was er erfassen kann, sondern aus seinem wahren Selbst. Lebst du dein wahres Selbst, bist du in deinem Sein verankert, das dir Informationen gibt, die jenseits der Vorstellungskraft liegen. Dies bedeutet, dass wir uns nicht länger begrenzen und unseren Geist öffnen.
Die Erfahrungen, die ich als führender Geist machen durfte, lieferten mir das Vertrauen, dass alles jederzeit in seiner göttlichen Ordnung ist. Entscheidend ist, wer das, was ist, erfasst.
Fangen wir an zu leben, anstatt zu funktionieren, gehen wir bewusst statt emotional durchs Leben.
Die entscheidende Frage ist:
„Benutzt dein Verstand dich oder benutzt du ihn?“
Kapitel 5
Der Spiegel deiner Welt
Erneut verschließt du die Tür zu deinem Herzen.
Du wurdest oft verletzt. Oft plagte dich das Gefühl, erst benutzt und dann entsorgt zu werden. Anscheinend bist du nicht vor Verletzungen jeglicher Art gefeilt und den Umständen und Launen anderer Menschen hilflos ausgeliefert.
Von deiner Kindheit bis hinein ins Erwachsenenalter hast du alle schmerzhaften Erfahrungen in dir getragen – sie blockierten deine Selbstentfaltung. Solche Blockaden wirken in deinem Unterbewusstsein. Werden sie durch gewisse Situationen reaktiviert, entsteht ein Gefühl der Enge, dass du auf dein Gegenüber projizierst.
So wie ein Kind, das sich die Hand an der heißen Herdplatte verbrennt, verbrennst du dich in deinen Handlungen, deinem Denken und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch statt die Schuld auf andere zu schieben, solltest du auf deine Reaktionen achten und ergründen, was sich in deiner inneren Welt abspielt, welcher Schmerz dort angekratzt wird. Weise nicht anderen die Schuld zu, bemitleide dich nicht selbst, sondern gehe in dich und heile deine Verletzungen.
Du darfst verstehen, dass es niemals dein Gegenüber ist, das für deinen Schmerz verantwortlich ist. Es ist dein Schmerz beziehungsweise deine unbewusste Kommunikation mit dir selbst!
Die entscheidende Frage ist:
„Welches Ich ist der Ursprung des aktuellen Gefühlsausbruchs?“
Wenn du emotional auf etwas reagierst, ist es immer dein Ego, das sich bemerkbar macht. Etwas in dir erinnert sich in diesem Moment an vergangene Situationen, und die wiederum lösen in dir diese Reaktion hervor.
Also: Stürze dich nicht auf dein Gegenüber. Suche nicht bei ihm die Schuld für deine Gefühle. Lenke besser deine Aufmerksamkeit nach innen.
Dahinter steht die Erkenntnis, dass alles, was dich im Außen triggert, bereits in dir ist.
Solange du nicht in deinem Inneren nach der Ursache suchst, begibst du dich solange unbewusst in Situationen, bis du deine Lektion gelernt hast. Dein Gegenüber ist der Spiegel dessen, was in deinem Inneren vor sich geht. Genauso bist du ein Spiegel für dein Gegenüber.
Du hast die Wahl: Du kannst dich dein Leben lang von anderen für ihre Zwecke missbrauchen lassen. Oder du fragst dich, welche Lernaufgabe du hast. Indem du immer verbitterter und verantwortungsloser im Umgang mit dir und deinen Mitmenschen wirst, schränkst du deine Lebensqualität drastisch ein. Übernehme lieber Verantwortung und wage einen Blick hinter die Kulisse deines Schmerzes. Dann wirst du all die Mängel aufdecken, die seit jeher in dir schlummern. Nimm sie an, vergebe dir. Damals wusstest du es nicht besser.
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