Als es wieder ruhig wurde, sagte Vandergult: „Ich habe inzwischen meine Stiefel Revue passieren lassen. Gott sei Dank, es sind keine Zugstiefel darunter. Ich darf also hoffen, dass ich vor Ihren Augen bestehen kann.“
„Oh, Mr. Vandergult! Nehmen Sie mir das offene Wort nicht übel. Es ist mir nur so entschlüpft.“
„Wie kommt es denn, dass Leute mit Zugstiefeln ...“
„Das weiss ich auch nicht. Es ist ein anderer Schlag. Glauben Sie mir, in unserem Beruf lernt man Menschen kennen. Am liebsten sind mir Gäste, die glattrasiert sind wie Mr. Vandergult.“
„Was, damit hat es auch eine besondere Bewandtnis?“
„Aber freilich. Männer mit Vollbärten geben keinen Penny.“
„Das ist ja grossartig.“ — — —
Mr. Higgins, der eine halbe Stunde später in den kleinen Salon eintrat, trug in der Tat Zugstiefel. Er sah Mr. Vandergult mit einem festen Blick aus seinen runden Augen ins Gesicht. Und schob den Hut ein wenig in den Nacken.
„Guten Tag, Mr. Higgins,“ sagte Vandergult. „Wie geht es Ihnen?“
Mr. Higgins schien über derlei belanglose Redensarten erhaben. Er trat auf Vandergult zu — so energisch, dass dieser einen halben Schritt zurückwich, weil er für die Spitzen seiner Lackschuhe fürchtete, und sagte:
„Ich bin der Besitzer des Geländes parallel der London-Brighton-Eisenbahn.“
„Aha.“
„Die London-Brighton-Eisenbahn betreibt die Linien nach der Südküste von England. Das Gelände, das mir gehört, hat einen Wert von dreihundertsiebzigtausend Pfund.“
„Ich gratuliere.“
„Dieser Preis ist allerungünstigst kalkuliert. Mit anderen Worten, er ist spottbillig.“
„Soso.“
„Also eine Frage, Mr. Vandergult: wollen Sie das Gelände kaufen?“
„Nein,“ sagte Vandergult.
Mr. Higgins nickte. „Das habe ich mir gedacht.“
„Na also,“ sagte Vandergult. „Dann sind wir uns ja einig.“
Mr. Higgins steckte die Hände in die Hosentaschen und trat wieder so nahe an Vandergult heran, dass dieser, um seine Lackschuhe in Sicherheit zu bringen, mit dem Rükken gegen die Scheibe prallte. „Sie irren sich, die Tür ist dort drüben. Dies hier ist ein Fenster.“
Mr. Higgins schüttelte den Kopf und legte Vandergult die Hand mit einem Ruck auf die Schulter. „Hören Sie, was ich Ihnen sage. Ich bin Ihnen nicht böse.“
„Sie glauben nicht,“ antwortete Vandergult, „wie glücklich mich Ihre Worte machen.“
„Aber ich möchte trotzdem ein Geschäft mit Ihnen machen. Wollen Sie fünfzigtausend Pfund verdienen, ohne einen Penny zu investieren?“
„Ja,“ sagte Vandergult.
„Hören Sie zu. Die London-Brighton-Eisenbahngesellschaft hat alles Interesse daran, mein Gelände in ihren Besitz zu bringen. Um die Wahrheit zu sagen, sie wird es in soundso viel Jahren unbedingt haben müssen. Aber, das ist eben das Dumme: erst in soundso viel Jahren. Die Gesellschaft weiss: es läuft ihr nicht weg.“
„Die Gesellschaft hat nicht unrecht,“ sagte Vandergult.
„Sie lässt sich Zeit. Darüber kann ich hinwegsterben. Das möchte ich vermeiden.“
„Das begreife ich vollkommen,“ sagte Vandergult.
„Hören Sie zu: Auf dem Bahnhof London Bridge steht eine Lokomotive unter Dampf.“
„Das ist ja hochinteressant.“
„Eine Lokomotive der London-Brighton-Eisenbahngesellschaft auf dem Bahnhof London Bridge. Diese Lokomotive werden Sie mit mir besteigen und eine Fahrt mit mir nach Norwood Junction machen.“
„Was soll ich denn da?“
„Gar nichts. Darauf fahren Sie mit mir wieder nach London Bridge zurück.“
„Und dafür wollen Sie mir fünfzigtausend Pfund bezahlen.“
„Ja.“
„Das ist grossartig,“ sagte Vandergult.
Mr. Higgins nickte und machte den vergeblichen Versuch, Vandergult durch die Mauer hindurchzudrücken. Sie war stärker als er. Enttäuscht wich er zurück.
„Ich werde dafür sorgen, dass der Manager der Eisenbahngesellschaft genau weiss: auf dieser Lokomotive fährt Vandergult. Ich zeige Ihnen während der Fahrt rechts und links mein Terrain. Sie blicken interessiert hinüber und machen sich ein paar Notizen. Verstehen Sie? Die Eisenbahngesellschaft merkt, dass Vandergult auf das Terrain reflektiert. Ein Spekulationsobjekt ersten Ranges für einen Zwischenkäufer — denn wenn die Gesellschaft es in einigen Jahren aus zweiter Hand von Ihnen erwirbt, muss sie vielleicht das Zehnfache bezahlen: Vandergult kann’s abwarten. Was wird sie also tun? Sie wird mir heute nachmittag einen Brief aufs Pult legen mit einem Angebot. Abgemacht? Fünfzigtausend Pfund bei Besteigung der Lokomotive.“
„Hunderttausend Pfund.“
„Nicht einen Penny mehr. Sagen wir fünfundsiebzigtausend.“
„Abgemacht.“
„Also kommen Sie. Mein Auto wartet vor der Tür.“
„Ich möchte noch schnell meinem Sekretär ein paar Worte sagen. Gehen Sie ruhig einstweilen vor.“
„Aber Sie lassen mich nicht im Stich, Mr. Vandergult.“
„Seien Sie unbesorgt.“
Jonny Reimers wäre gern mitgefahren, aber er hatte Zahnschmerzen. Und ein dunkler Instinkt sagte ihm, dass Fahrten auf Lokomotiven kein eigentliches Heilmittel gegen Erkältungen sind. Er murmelte etwas von einem Grog von Whisky.
Die Fahrt verlief programmässig. Da heller Sonnenschein war, verlängerte Mr. Higgins sie bis Brighton. Schliesslich konnte er für seine fünfundsiebzigtausend Pfund etwas verlangen. Unterwegs machte Vandergult imaginäre Notizen, während Higgins einige Kommentare gab, wobei er nicht unterliess, Herrn Vandergult gegen die Eisenwände der Lokomotive zu drücken.
Es war fast Abend, als Vandergult ins Hotel zurückkehrte. Man erzählte ihm die merkwürdige Neuigkeit, dass soeben aus dem Fenster seines Hotelzimmers ein Mann hinausgeflogen sei. Auf die Strasse.
Neugierig trat Vandergult näher. Als er die Tür des Wohnzimmers öffnete, sah er zu seinem Erstaunen Jonny Reimers mit einem Besen in der Hand. Er fegte rätselhafte Dinge zusammen. Undeutlich erkannte Vandergult ein Tintenfass, einen Hut, eine Taschenuhr und Bestandteile einer Lampe.
„War hier ein Erdbeben?“ erkundigte er sich.
Jonny ergriff den Besen und zeigte zum Fenster hinaus. „Verstehst du?“ fragte er.
„Nein,“ sagte Vandergult.
„Hieronimy war hier. Er wollte eine Erpressung versuchen. Da habe ich ihn hinausgeboxt. Buchstäblich. Er ist durchs Fenster geflogen.“
Vandergult nickte. „Welch ein glücklicher Zufall, dass wir parterre wohnen.“
Er trat ans Fenster. Eben hielt eine Droschke, in die ein Mann humpelnd einstieg. Es war Hieronimy.
Jonny Reimers, den Besen in der Hand, trat interessiert näher. Draussen stand ein Halbkreis von Menschen, die in auffallender Weise geschart waren und ein wohlwollendes Lächeln zeigten.
„Was machen die für merkwürdige Gesichter?“ fragte Reimers kopfschüttelnd.
„Die meinen natürlich, es handelt sich um eine Kinoaufnahme. Siehst du, da drüben applaudiert schon einer.“
Jonny schloss das Fenster und zog die Vorhänge zu.
„Sag’ mal“ — nachdenklich setzte sich Jacobsen in den Sessel. „Glaubst du, dass Hieronimy durch diesen kleinen Vorfall ausgesöhnt worden ist?“
Reimers lachte. „Nein. Das glaube ich nicht. Ich glaube, nun wird er ...“
Jacobsen nickte. „Meinst du nicht auch, dass es Zeit sein dürfte, vielleicht abzureisen?“
„Ich bin ganz deiner Meinung. Wohin wollen wir gehen?“
„Hm. Ich habe hier einen Scheck über 75 000 Pfund auf die Midland Bank. Den werden wir morgen früh kassieren. Und ich denke, dann fahren wir nach Paris.“
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Читать дальше