»Warum?«, erkundigte sich Barbara.
»Erfolg und Geld haben aus zwei liebenswürdigen Menschen zwei arrogante Ekel gemacht«, antwortete Frau Hagemeister. »Sie betrachten alle Menschen von oben herab. Sie würden nie etwas in der Nachbarschaft borgen, weil sie sich alles kaufen können. Das ist ihre Botschaft. Gegen zwei Familien haben sie wegen Lärmbelästigung geklagt. Einmal gegen Leute vorn in der Parkstraße, weil ihre Kinder zu laut im Garten spielen. In dieser Sache haben sie verloren. Anders beim Hund.«
Barbara runzelte die Stirn. »Welcher Hund?«
»Die Kruses, die zwei Häuser weiter in Richtung Laurembergstraße wohnen, haben einen großen Hund … Labrador?« Frau Hagemeister zuckte mit den Schultern. »Ich habe nicht die geringste Ahnung von Hunden. Aber so absurd es klingen mag: Eine Richterin am Amtsgericht hat Bellzeiten verordnet. Vormittags und nachmittags je eine halbe Stunde, und ab 22 Uhr ist generell Schluss. Dorothee und Michael Klaas sind vermutlich die unbeliebtesten Bewohner der Schliemannstraße zwischen Liskow-, Park- und Laurembergstraße. Das hat sogar auf ihre Kinder abgefärbt. Sie hatten zwar Freunde, aber nicht aus der Umgebung.«
Das Arbeitszimmer im ersten Stock machte einen aufgeräumten Eindruck, was zu dem Umstand, dass die Täter das ganze Haus durchsucht haben sollten, nicht recht zu passen schien. Jonas Uplegger registrierte es, sagte aber noch nichts dazu. Das Zimmer war eindeutig das des getöteten Mannes, der als Architekt gearbeitet und gemeinsam mit seinem Sohn Johannes das Architekturbüro Klaas & Klaas betrieben hatte. Allein die Aufschriften der Aktenordner verrieten es: Da war von einem Bauvorhaben Stadtvillen Froschgraben die Rede oder vom Projekt TOI-Rand 1. Planungsstadium Entwürfe unrein , aber noch beweiskräftiger waren die Ordner und Mappen mit den Aufklebern Klaas & Klaas GbR . Auch die Bücher in einem niedrigen, aber breiten Regal sprachen Bände: »Brandschutz«, »Musterbuch Isolierung«, »Fachkunde Holztechnik«, »Türen- und Fensterbau«. Auf dem ziemlich aufgeräumten Schreibtisch am Fenster, aus dem man einen Blick auf die Schliemannstraße und ein gegenüberliegendes Haus hatte, standen mehrere Bände einer juristischen Schriftenreihe: »Öffentliches Baurecht Band I: Bauordnungsrecht«, »Öffentliches Baurecht Band II: Bauordnungsrecht, Nachbarschutz, Rechtsschutz« sowie »Kreditsicherungsrecht« und »Umweltrecht«, vermutlich alles Dinge, die ein Architekt zu berücksichtigen hatte.
Neben dem Schreibtisch, den Aktenregalen und niedrigen Schränken fanden sich in dem nicht sehr großen Raum eine Couch, auf der mehrere zerwühlte Decken lagen, davor ein runder Glastisch und zwei Stühle aus namenloser Herstellung. Auf diese Weise war eine kleine Sitzecke improvisiert worden, außerdem sah es danach aus, als hätte Michael Klaas in Arbeitspausen ein Nickerchen gemacht. Oder gelesen, denn auf dem Glastisch lag ein Buch. Das große Titelbild zeigte in den Himmel ragende Betontürme, womöglich zwei Silos. Darüber stand in schlichter zweireihiger Schrift: TOWARD A CONCRETE UTOPIA: ARCHITECTURE IN YUGOSLAVIA 1948–1980 . Rechts unten war bescheiden ein Signet angebracht: MoMA . Uplegger hatte eine Ahnung, was es bedeutete. Er hatte bereits vor dem Betreten des Hauses Handschuhe übergestreift und konnte sich daher erlauben, das Buch aufzuschlagen. Tatsächlich, so verriet der Klappentext, handelte es sich um das Museum of Modern Art in New York.
In einer dem Fenster und damit auch dem Schreibtisch gegenüberliegenden Ecke stand ein offener Waffenschrank mit Platz für fünf Gewehre und einem Fach für Munition. Uplegger deutete dorthin.
Manfred Pentzien verstand die Geste. »Zur Untersuchung beschlagnahmt«, sagte er knapp.
»Wie viele Waffen hatte er?«, fragte Wendel.
»Fünf, die mutmaßliche Tatwaffe eingeschlossen. Mehr hätten in den Schrank ja auch nicht gepasst.«
»Alles Jagdwaffen?«
»Alles Jagdwaffen«, bestätigte Pentzien. »Also Gewehre. Waidmesser und dergleichen haben wir bisher nicht gefunden, aber wir stehen ja auch erst am Anfang.«
Die Wände in dem Arbeitszimmer waren ebenfalls mit Kunstwerken geschmückt, die allerdings kleiner ausfielen als im Wohnbereich, was sicher mit der Raumgröße zu tun hatte. Dominierend war jedoch ein sehr sorgfältig gezeichneter Plan für ein Wohngebiet, der an der Wand links vom Schreibtisch hing: Wer an dem Schreibtisch saß, musste nur ein wenig den Kopf wenden, um ihn zu sehen. Auf dem Plan gab es ein Schriftfeld, darauf befand sich der Firmenaufkleber sowie die Beschreibung: Projekt TOI-Rand 1. Planungsstadium Reinentwurf 17 IV 21 . Jemand hatte den Plan mit rotem und schwarzem Filzstift so heftig durchgestrichen, dass er an einer Stelle einen Riss von mindestens zehn Zentimetern Länge aufwies.
Uplegger warf nur einen kurzen Blick auf die gerahmten Zeichnungen, Ölskizzen und Aquarelle, die keineswegs alle abstrakt waren, eher im Gegenteil. Nur bei einer Ölstudie verweilte er etwas länger. Dargestellt war ein Fischerdorf, jedenfalls nahm Uplegger das an; allem Anschein nach ein mediterranes. Es gab eine Signatur: V. Bukovac 09 . Der Name sagte dem Kommissar überhaupt nichts. Allerdings hielt er ihn für südosteuropäisch, für kroatisch oder serbisch oder dergleichen. Er wollte ihn schon googeln, hielt es aber dann doch nicht für wichtig genug angesichts der Umstände, unter denen er sich hier befand.
Viel wichtiger war im Moment der Tresor. Es handelte sich nach der fachkundigen Auskunft ihres Begleiters um einen Wandtresor der Firma Eisenbach mit einem elektronischen Zahlenschloss und doppelwandiger Tür. Sehr groß war er nicht, aber wichtige Unterlagen oder kostbaren Schmuck konnte man schon in ihm aufbewahren. Der Tresor war in die Wand eingemauert, die das Arbeits- vom Nachbarzimmer schied, das nach Auskunft von Manfred Pentzien das Schlafzimmer des Ehepaares war. Anders als in allen Filmen, in denen Wandtresore vorkamen, hatte man ihn nicht hinter einem Bild verborgen, sondern er war für jedermann sichtbar. Vielleicht ließ das darauf schließen, dass Michael Klaas’ Arbeitszimmer für Besucher tabu gewesen war. Wie angekündigt war der Safe leer.
»Was mich irritiert, ist die Ordnung«, sagte Uplegger. »Es sieht aus, als wäre dieser Raum nicht durchsucht worden.«
»Das haben wir natürlich auch registriert«, meinte Pentzien. »Ich kann nicht definitiv sagen, dass die Täter nicht im Schreibtisch gewühlt haben, denn darin sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Könnte natürlich auch die schöpferische Unordnung des Herrn Architekten gewesen sein.«
»Sind denn alle anderen Räume durchwühlt worden?«, fragte Uplegger noch einmal nach.
»Alle, sogar die Schränke in Bad und Küche. Nun ist dieses Zimmer das letzte im Obergeschoss nach Schlaf- und Kinderzimmer. Will sagen, nachdem die Täter den Tresor entdeckt und die Zahlenkombination aus den Geschädigten herausgeschnitten hatten«, Pentzien hüstelte, »haben sie vielleicht die Schätze gefunden, auf die sie scharf waren. Warum hätten sie dann noch weitersuchen sollen?«
»Klingt logisch.«
»Ihnen, Kollege Uplegger, dürfte aus langjähriger Zusammenarbeit bekannt sein, dass ich nie etwas sage, das nicht logisch ist.« Das hörte sich zwar überheblich an, war aber eher selbstironisch gemeint, denn Pentzien grinste von Ohr zu Ohr.
»Ihre Logik ist legendär«, bestätigte Uplegger schmunzelnd.
Der Mann ohne Eigenschaften hatte inzwischen eine Schreibtischschublade und dann noch eine geöffnet und rief: »Die sind ja leer!«
»Wir haben schon alles sichergestellt. Das meiste ist bereits auf dem Weg ins Labor be-zett-weh zur Auswertung.«
»Und? Etwas auf den ersten Blick Interessantes?«
Pentzien hob die Achseln. »Das aus meiner Sicht Interessanteste dürfte die Mappe mit Kontoauszügen und dann das Inventarverzeichnis der Gemälde, Zeichnungen, Stiche und Grafikmappen sein.«
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