»Ich habe fast alles vergessen«, bekannte Uplegger, der sich dem Bücherstapel näherte, auf den seine Kollegin gedeutet hatte. Dieser befand sich neben einer ungefähr 30 Zentimeter hohen Drahtskulptur. Aus dem Draht war ein menschlicher Körper geformt, jedenfalls konnte man das mit etwas gutem Willen vermuten. Zunächst nahm Uplegger eine »Kompaktgrammatik Kroatisch« zur Hand, unter der sich ein Buch mit Verbtabellen befand. Dem folgte eine Broschüre mit dem Titel »Deutsche Lehnwörter in der Stadtsprache von Zagreb«, und er konnte nicht widerstehen, eine beliebige Seite aufzuschlagen. AUFGEREGT , las er, was wenig überraschend aufgeregt bedeutete, darunter das Wort AUFŠNIT für Aufschnitt und AUSPUH für Auspuff, was ihn amüsierte. Das nächste Buch machte bereits vom Titel einen anspruchsvollen Eindruck: »Heidelberger Publikationen zur Slavistik: Grammatikhandbuch des Kroatischen«. »Frau Klaas scheint Kroatisch nicht nur gelernt, sondern regelrecht studiert zu haben«, meinte er. »Mit geradezu wissenschaftlicher Akribie.«
»Tja, bei dieser anscheinend überbordenden Liebe zu Kroatien wohl kein Wunder«, erwiderte Barbara, die sich über die Aktenordner hermachte. Auf den ersten Blick gab es nichts, was ihre Aufmerksamkeit zu fesseln vermochte.
Uplegger schlug auch das Grammatikhandbuch auf. Er las nur die eine Überschrift: Das präsentische Adverbialpartizip – das genügte ihm schon. Eine gewisse Bewunderung für die Tote erfüllte ihn, aber das Buch wollte er sofort schließen. Dann bemerkte er jedoch, dass einige Seiten weiter ein Foto einige Millimeter aus dem oberen Schnitt ragte, das vermutlich als Lesezeichen diente. Er öffnete das Buch an dieser Stelle. Ein sehr hübscher junger Mann lächelte ihn an. »Hier!«, rief er.
Barbara Riedbiester, die stirnrunzelnd vor der Ablage mit der Aufschrift Penelope Pastor verharrte, drehte sich um. Mit dieser Künstlerin hatte sie bei einem früheren Fall zu tun gehabt; ihre Begegnung war nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen, sondern hatte viel mehr eine ewige Aversion begründet.
»Diente als eine Art Lesezeichen. Sie war bis zum nichtmodalen Vorgangspassiv vorgestoßen …«
»Die Glückliche!« Seine Kollegin kam näher und betrachtete die Aufnahme. Der abgebildete junge Mann war um die 30 und sah aus wie ein Fotomodell. Er war schwarzhaarig, hatte braune Augen und ein strahlendes Zahnpasta-Werbungslächeln – ein solcher Mann kriegte alles herum, was er haben wollte – Frau, Mann, Diverses. Das wusste er, und das Lächeln hatte etwas Selbstverliebtes. Der Fotograf oder die Fotografin hatte nicht nur sein Gesicht aufgenommen, sondern auch seinen vielversprechenden Oberkörper, der in einem quergestreiften Shirt verpackt war und verriet, dass in dieser sterblichen Hülle jede Menge Sport steckte. Den Hintergrund bildete das Bugspriet eines Seglers, dann waren ein Stück Meer in Touristikerblau und in der dunstigen Ferne eine olivgrüne Insel zu sehen, vielleicht auch eine Landzunge. Das Bild sah nach Urlaub aus, nach Sommerliebe oder Kurschatten. Barbara Riedbiester fand es zum Kotzen.
»Hinten steht was drauf«, sagte Uplegger und drehte das Foto um.
Die Kommissarin musste die Augen zusammenkneifen. Seit Jahren hatte sie eine Brille, aber sie setzte sie nicht gern auf, obwohl sie damit wie eine Professorin aussah. Das behauptete jedenfalls ihre beste Freundin Claudia. Barbara wollte nicht wie eine Professorin aussehen. Cavtat, August 2019 entzifferte sie und fragte: »Was ist Cavtat? Oder wo?«
»›Wo?‹ scheint mir die korrektere Frage zu sein«, erwiderte Uplegger, legte die Fotografie auf den antiken Tisch und zückte sein Smartphone.
Sie grinste.
Er wusste, was dieses Grinsen bedeutete, und nahm ihr den Wind aus dem Segeln: »Ja, es ist urkomisch, dass ich bloß ein Nokia habe, also das zweifelhafte Produkt einer ehemaligen Gummistiefelfabrik. Ich bewundere zutiefst Ihr iPhone und bin furchtbar neidisch. Eines Tages lauere ich Ihnen auf dem Heimweg auf, schlage Sie nieder und stehle es. Das wollten Sie doch hören?«
»Nein, ich wollte was über Cavtat hören.«
»Wikipedia behauptet, dass es Tsavtat ausgesprochen wird, nicht ›Kavtat‹. Es ist eine Ortschaft 20 Kilometer südlich von Dubrovnik mit knapp über 2000 Einwohnern. In der Antike gab es dort die griechische Siedlung Epidauros, später eine römische Kolonie namens Epidaurum. Der Hafen ist attraktiv für Jachten. – Das gibt’s doch nicht! – Einer der Söhne der Stadt ist Vlaho Bukovac! Kroatischer Maler.«
»Den kennen Sie wohl?«
Uplegger schwieg. Er tippte den blau hervorgehobenen Namen an und gelangte so zu der Seite über Bukovac. Der Maler hatte von 1855 bis 1922 gelebt und wurde als herausragender Vertreter des kroatischen Jugendstils bezeichnet – dann waren die beiden kleinformatigen Werke im Besitz des Ehepaares Klaas womöglich einiges wert.
»Und in diesem Tsavtat wachsen so schöne Männer?«, fragte Barbara mit Blick auf das Foto.
»An jeder Pinie einer«, sagte Uplegger und steckte sein Telefon wieder ein.
Liselotte Hagemeister fühlte sich unbehaglich. Sie hatte kein Auge zugetan und war während der Nacht immer wieder an das Fenster getreten, von dem aus sie das Nachbarhaus sehen konnte. Inzwischen waren die Strahler im Garten erloschen und abgebaut, aber hinter den erleuchteten Fenstern sah sie immer wieder jemanden in einem weißen Schutzanzug vorbeihuschen. Die Morgendämmerung kroch herauf.
Vom Abtransport der Leichen hatte Frau Hagemeister nichts mitbekommen – oder befanden sie sich noch im Haus? Die alte Lehrerin fröstelte. Sie war nicht neugieriger als andere und wollte die Nachbarschaft keineswegs kontrollieren, aber um sich nach langem Sitzen und Lesen die Beine zu vertreten, kam es häufiger vor, dass sie aus einem Fenster schaute. Manchmal blickte sie in den Garten und schaute den Vögeln zu, sah eine Katze vorbeischleichen oder erfreute sich einfach an den Blumen. Hin und wieder guckte sie auf die Schliemannstraße, auf der aber selten etwas geschah, das sie nicht sofort wieder vergaß. Ja, auch das Haus der Familie Klaas nahm sie gelegentlich in Augenschein. Nun beunruhigte sie das Gefühl, irgendetwas Wichtiges gesehen zu haben. Dass da etwas gewesen war, was die Polizei wissen sollte. Sie wusste aber nicht was.
Ihre frühere Schülerin hatte sie gefragt, ob sie in den vergangenen Tagen, vor allem jedoch am Montag etwas Verdächtiges bemerkt habe. Was war etwas Verdächtiges? An den Vornamen hatte sie sich komischerweise auf Anhieb erinnert, doch wusste sie überhaupt nicht mehr, wie die Kommissarin als Schülerin gewesen war. Durch irgendetwas ausgezeichnet konnte sie sich nicht haben, denn Schüler, bei denen das Leistungspendel in die eine oder andere Richtung ausschlug oder die durch ein besonderes Talent herausragten, vergaß man nicht. Barbara Riedbiester hatte nach Besuchern gefragt, auf der Straße parkenden Fahrzeugen, die noch nie auf der Schliemannstraße gestanden hatten, nach Leuten, die sich auffallend für das Haus interessierten – etwas in dieser Art. Frau Hagemeister hatte nichts zu antworten gewusst. Doch seit geraumer Zeit glaubte sie, dass sie tatsächlich etwas gesehen hatte. Etwas scheinbar Belangloses, wie die Polizistin sich ausgedrückt hatte. Oder etwas, das gar nicht so belanglos war.
Liselotte Hagemeister, die sich zeitlebens gerade gehalten hatte, schlurfte gebeugt in die Küche. Was hatte sie gesehen? Einen Wagen? Nein, eher eine Person. Sie musste sich am Türgriff festhalten, als sie begriff, dass nicht nur sie jemanden gesehen, sondern dass dieser Jemand auch sie angestarrt hatte.
Plötzlich hatte sie furchtbare Angst.
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