„Lassen Sie immer die Zündschlüssel stecken?“ fragte sie.
Er freute sich über diese natürliche Bemerkung und grinste sie an. „Nur wenn ich es sehr eilig habe. Und vorhin hat es ja wirklich sehr pressiert. Wenn ich nicht so rasch zur Stelle gewesen wäre, hätte ich Sie womöglich gar nicht kennengelernt.“
Er hoffte, daß sie den Ball auffangen und auf seinen Flirtversuch eingehen würde. Aber sie tat es nicht. Sie sagte nichts, sah ihn nicht einmal an, saß einfach da, die langen Beine von sich gestreckt, die Hände in den Taschen vergraben, leicht zusammengesunken.
Er ließ den Motor an, brachte das Auto auf die Fahrbahn und wendete. „Wohin also?“
„Zur Herzogstraße.“
„Zu Fuß ist das aber noch eine ganze Ecke.“ Er fragte sich, warum sie, wenn sie schon in der Nacht spazierengehen mußte, nicht im modernen Teil Schwabings jenseits der Leopoldstraße geblieben war.
Sie äußerte sich nicht zu seiner Bemerkung.
Er unternahm einen neuen Versuch, sie zum Sprechen zu bringen. „Ich fürchte, ich habe mich nicht einmal vorgestellt.“
Diesmal reagierte sie. „Sie heißen Sanner, wenn ich den Polizisten richtig verstanden habe“, sagte sie in einem Ton, der deutlich machte, daß sie nicht im entferntesten daran interessiert war.
Er ließ sich nicht entmutigen. „Stimmt. Paul Sanner. Ich bin Journalist, Fräulein Forester.“ Gleichzeitig wurde ihm bewußt, daß diese Erklärung überflüssig war, denn wenn die Forester nicht ganz dumm war – und so schätzte er sie nicht ein –, hatte sie sich das schon selber zusammenreimen können. So war er diesmal auch nicht enttäuscht, daß sie nicht darauf einging. „Das hatten Sie sich schon gedacht, wie?“ fügte er hinzu.
„Ja, Herr Sanner“, sagte sie, wie es ihm schien, nur um nicht unhöflich zu sein.
„Darf ich fragen, was Sie studieren?“
Jetzt wurde sie etwas lebhafter. „Aber ich studiere gar nicht, nicht wirklich, meine ich. Das habe ich nie behauptet.“
„Nein, das haben Sie nicht, Fräulein Forester. Aber Sie erzählten dem Wachtmeister etwas von einem Institut, in das Sie müßten. Daraus habe ich geschlossen, Sie wären Studentin.“
Wieder zog sie sich in sich selber zurück.
„Nun seien Sie doch nicht so geheimnisvoll! Ich verstehe ja: Sie sind jetzt müde, vielleicht sogar erschöpft. Aber ein bißchen könnten Sie sich doch mit mir unterhalten. Schließlich sind die paar Fragen, die ich Ihnen stelle, ja nicht taktlos.“
„Wollen Sie über mich in Ihrer Zeitung schreiben?“ fragte sie überraschend.
„Ich muß Sie enttäuschen. Ich habe keine Zeitung, ich meine, ich habe keine feste Anstellung.“
„Aber Sie schreiben doch für irgendwelche Blätter?“
Das mußte er, wenn auch mit Unbehagen, zugeben.
„Ich will nicht in die Zeitung kommen.“
„Verstehe. Aber Sie können es bestimmt nicht verhindern, indem Sie die Geheimnisvolle spielen.“
„Ich spiele nicht.“
„Sehen Sie, ich könnte Ihnen jetzt hoch und heilig schwören, keine Zeile über Sie zu schreiben. Ich könnte mich sogar aus reiner Sympathie an diesen Schwur halten. In der Sache würde es gar nichts nutzen. Ich bin ja nicht der einzige Schreiberling in München, und viele Reporter haben gute Beziehungen zur Polizei.“
Dazu wußte sie keine Antwort oder wollte sie nichts sagen.
„Es wird schon nicht so schlimm werden“, tröstete er sie und zerbrach sich den Kopf, wie er sie zum Reden bringen könnte. Er hatte das Gefühl, es ganz falsch angefangen zu haben.
Nach einigem Überlegen entschloß er sich, von sich selber zu erzählen. „Ich stamme übrigens nicht aus München, sondern bin in Kassel geboren. Meine Eltern leben immer noch dort. Vor ein paar Jahren bin ich zum Studium hierhergekommen. Philologie. Dann hat es mir so gut gefallen, daß ich geblieben bin. Ob für immer oder vorläufig, das kann ich noch nicht sagen. In meinem Beruf muß man mobil sein. Ich wohne in der Keferloher Straße, ganz nahe am Olympiagelände. Da gibt es jede Möglichkeit, Sport zu treiben, und nachts ist es besonders eindrucksvoll, wenn Licht aus allen Fenstern der Hochhäuser fällt. Waren Sie schon einmal dort?“
Sie nickte.
„Interessieren Sie sich für Fußball?“
„Wir sind gleich da“, sagte sie statt einer Antwort.
Obwohl er absichtlich langsam gefahren war – auf den nächtlichen Straßen war kaum noch Verkehr – hatten sie die Herzogstraße schon erreicht.
„Halten Sie da vorne! Da! Vor dem großen Tor.“
Er bremste, wo sie es ihm angegeben hatte.
„Danke fürs Mitnehmen“, sagte sie und wollte rasch aussteigen.
Aber er war schneller als sie, lief um den VW herum und öffnete ihr die Tür.
„Danke“, wiederholte sie.
„Soll ich Sie nicht nach oben bringen?“ erbot er sich. „Ich habe nicht die Absicht, Sie zu belästigen. Ich möchte nur ganz sicher sein, daß Sie heil nach Hause kommen.“
„Aber das bin ich ja schon.“ Sie zog den Reißverschluß ihres Parkas ein Stück nach unten und holte aus der Innentasche einen Schlüsselbund hervor.
Links neben dem Tor, vor dem sie standen, war ein Blumenladen, rechts eine Musikalienhandlung; die Schaufenster waren nur matt beleuchtet.
Paul Sanner blickte zu dem düsteren Gebäude hoch. „Sieht aus wie ein Bürohaus.“
„Ist es auch“, bestätigte sie.
„Sie wohnen hier ganz allein?“
„Im Hinterhaus“, sagte sie und steckte einen ihrer Schlüssel in das Schloß des Tores.
„Aber dann müssen Sie ja noch über den Hof!“
„Macht nichts. Ich bin es gewohnt.“
„Bitte, lassen Sie mich Sie begleiten!“
„Ausgeschlossen!“ Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Irn wahrsten Sinne des Wortes, verstehen Sie? Ich muß hinter mir abschließen. Das Tor darf nachts nicht offen sein.“ Sie zog den schweren Flügel einen Spalt auf. „Gute Nacht, Herr Sanner.“
„Sehen wir uns wieder?“
„Wer weiß!“ gab sie ausweichend zur Antwort, und schon war sie verschwunden.
Er hörte, wie sie von innen abschloß.
Paul Sanner wunderte sich über sich selbst. Er hätte über ihr Verhalten verärgert sein sollen, aber er war es nicht. Gerade ihre ablehnende Haltung reizte ihn, das Spiel nicht aufzugeben. Noch nachträglich beglückwünschte er sich, zum Tatort gefahren zu sein. Die Meldung über den Vorfall war nicht mehr als drei Zeilen wert. Aber er war sicher, daß mehr, viel mehr dahinterstecken mußte.
Der Hof war stockdunkel; die kleine Lampe über der Tür des Hinterhauses genügte nicht, ihn zu erhellen, sondern verstärkte noch den Eindruck pechschwarzer Finsternis. Aber Marie Forester empfand keine Spur von Furcht. Sie war sicher, daß ihr hier keine Gefahr drohte.
Ohne ihn wahrzunehmen, wich sie dem Lieferwagen der Computerfirma aus, die das Hinterhaus gemietet hatte. Es war stets die gleiche Stelle, an der er nachts geparkt wurde. Tagsüber ging es hier lebhaft zu. Es war ein ständiges Anfahren und Abfahren, Ausladen und Aufladen, Kommen und Gehen. Aber nach Geschäftsschluß lagen Haus und Hof völlig verlassen. Marie Forester hatte die einzige Privatwohnung, ein Atelier im fünften Stock unter dem Dach. Es machte ihr nichts aus, ja, es gefiel ihr sogar, und nicht nur deshalb, weil sie ihre Stereoanlage so laut aufdrehen konnte, wie sie wollte, ohne daß sie fürchten mußte, jemanden dadurch zu stören.
Ohne Angst schloß sie das leere Haus auf, trat ein, knipste die Beleuchtung an und schloß hinter sich ab. Mit dem Lift fuhr sie in den vierten Stock hinauf.
Dabei schoß es ihr durch den Kopf, daß ihr Bruder sie oft davor gewarnt hatte.
„Paß nur auf“, sagte er immer wieder, „früher oder später wird er einmal steckenbleiben, und du wirst die ganze Nacht darin verbringen müssen.“
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