„Ach, keine Sorge. Die Mädchen setzen sich durch, sind ja auch einiges älter. Manchmal kabbeln sie sich natürlich“, sagte Brigge und nahm zwei blaue Tassen vom Bord, stellte sie auf das weißgescheuerte Brett, schnitt ein paar Streifen Sonntagskuchen, der noch frisch auf dem Blech lag, herunter und gab Henner die Kaffekanne zu tragen.
„Wir setzen uns in den Garten, komm. Wenn wir Glück haben, sind wir noch ein Weilchen unter uns.“
Während der Kaffee zog, lief sie noch einmal ins Haus zurück und kam mit einem Stapel Fotos zurück.
„Die können wir uns inzwischen begucken. Da, das ist Gisela mit zwölf, süß, nicht? Eine richtige kleine Eva. Sie wird größer als ich, schlägt nach dir. Nur, daß sie dunkle Augen hat.“
„Und was für schöne Haare!“ sagte er schwach. Brigge lachte stolz. „Die pflegen wir auch. Nur das Offentragen ist doch sehr unpraktisch. Lang bis zum Gürtel und dann offen –“
„Ich finde, mit siebzehn sollte ein Mädchen die Frisur tragen dürfen, die ihm selbst gefällt“, sagte Henner heftig. „Gewiß gibt es praktische Gesichtspunkte, aber –“
„Na, findest du es etwa schön, wenn die Haare das halbe Gesicht verdecken?“ Sie selbst trug noch die alte Frisur, eine höchst unzeitgemäße Zopfschnecke im Nacken. Es paßte zu ihrem Typ, aber sie fühlte sich kritisiert.
„Die jungen Mädchen tragen es aber heute so. Du machst ihr da hoffentlich keine Schwierigkeiten!“
„Doch. Ich verlange wenigstens, daß es nicht in die Suppe hängt – und daß es immer gepflegt aussieht. Außerdem sollte sie lieber –“
„Was denn?“ fragte er streitlustig.
„– – in der Schule anständig sein und nicht nur an Schönaussehen und Frisuren denken“, sagte Brigge aufgebracht, „nichts als Ärger hab’ ich mit ihr. Wenn sie ihre Lehrer nicht kurz vor der Versetzung so unschuldig und schmelzend anlächeln würde, wäre sie längst sitzengeblieben.“
„Sie ist aber nicht“, sagte er trotzig. Brigge mußte lachen. Sie lachte, daß ihr die Tränen kamen. Er war ganz erstaunt über diesen Ausbruch.
„Laß nur“, wehrte sie ab, „ich sehe, du wirst dich nie ändern. Hier ist übrigens ein hübsches Bild von Schimmel, guck.“
Henner griff nach der Aufnahme und hielt sie neben Giselas Bild. Schimmel, ja, das war noch das Gesicht von früher. Sie sah seiner Schwester Hildegard auf diesem Bild sehr ähnlich, nach der sie hieß. Er sagte das, halblaut. Brigge legte ihre Hand auf seine.
„Sie hat auch ihre Augen – oder deine“, sagte sie leise und herzlich. Sie schauten zusammen das Foto an, ganz still. Man hörte das Summen des Spätsommers im Garten. „Was macht übrigens ihr Kind?“
„Es geht ihm gut. Der Vater hat wieder geheiratet, aber die neue Frau liebt den Kleinen. Sobald es mal klappt, hol’ ich mir den Jungen und fahr’ mit ihm an die See, oder sonst irgendwohin, wo es schön ist für das Kind.“
„Zu uns“, sagte Brigge sofort, „die Jungens werden ihn überall mit herumschleppen und auf die Pferde setzen, und Gisela und Schimmel erst recht. Gisela vor allem ist vernarrt in kleine Kinder. Schon mit den Jungen damals hat sie sich abgeschleppt, klein wie sie noch war, daß man es manchmal nicht mit ansehen konnte. Wie findest du die beiden überhaupt? Sind sie nicht ein Staat? Peter ist ja etwas klein, er schlägt nach mir, aber Anselm –“
„Wie alt ist er?“ fragte Henner etwas übereilt. Brigge nahm die Haube von der Kaffeekanne und sah angelegentlich hinein.
„Ob er genug gezogen hat? Damit wir nicht den ganzen Satz in die Tassen bekommen. So, gibt mir deine. Wie alt Anselm ist? Acht. Sieht älter aus, ja? Nimmst du Zucker?“
Er nahm keinen und hatte nie welchen genommen. Brigge füllte ihre eigene Tasse, Henner schwieg. Es war nicht einfach für ihn. Acht, Brigge mußte sehr schnell wieder geheiratet haben. Und nichts davon hatte er erfahren. Keine persönliche Nachricht, nur über den Rechtsanwalt manchmal etwas. Daß sie, obwohl er die Schuld auf sich genommen hatte, keinerlei Ansprüche stellte. Aus Dickköpfigkeit, so meinte er damals, jetzt aber dämmerte es ihm, daß es vielleicht auch Anständigkeit und Fairneß gewesen war – es ging ihm wirklich wirtschaftlich sehr schlecht. Er war dann ein paar Jahre in Amerika gewesen. Seit er zurück war und es ihm besser zu gehen begann, hatte er sich angewöhnt, monatlich etwas für die Töchter zu überweisen, auch durch den Anwalt. Von Gisela und Schimmel kamen, als sie älter wurden, kleine freundliche Dankschreiben, daran ein immer wiederkehrender, wenn auch kurzer Gruß von der Mutter, als Schlußformel, von den Kindern treuherzig hingemalt. Nie ein Wort von einem neuen Vater, nie eins von kleinen Brüdern. Und nun war er hergekommen, um einmal nachzusehen, wie es eigentlich um die Seinen stand. Das hatte er nicht erwartet, im ganzen Leben nicht.
„Bist du glücklich?“ fragte er aus diesem Zusammenhang heraus, und sie verstand ihn genau. Trotzdem tat sie, als meine er etwas anderes.
„Sehr. Sie sind famos, die Bengel. Und – siehst du, nun habe ich ihn doch Anselm nennen können, ätsch! Weißt du noch, unsere erbitterten Namensgefechte damals vor Giselas und Schimmels Geburt? Beide Male waren wir schließlich froh, daß es ein Mädchen war, also keiner von uns seinen Kopf durchsetzen konnte.“
Er lächelte etwas säuerlich.
„Jaja. Jetzt hast du es besser. Jetzt wirst du nicht mehr unterdrückt. – – Aber Anselm ist verrückt, ich meine: der Name.“
„Gar nicht. Das ist Geschmackssache. In seine Klasse geht zum Beispiel ein Eike, wie findest du das?“
„Eike ist ein nordischer Name, ganz bekannt.“
„Meinetwegen, aber bestimmt verrückter als Anselm. Außerdem gibt es dort noch einen Oki. Der heißt eigentlich Oskar Kilian, aber –«
„Na also, dann ist es eben eine Abkürzung.“
„Aber Anselm klingt schöner!“
„Finde ich nicht.“
„Aber ich!“
„Ich jedenfalls nicht.“
Sie sahen sich an, wütend, Brigge rot, mit blitzenden Augen, er mühsam beherrscht und, wie immer in solchen Augenblicken, blaß, fast weiß. Er war zehn Jahre älter als sie und ihr gewiß überlegen, dennoch hatte er es nie ertragen, wenn sie so stritt. Obwohl es ihr, zugegeben, gut stand.
„Außerdem finde ich es vor allem wichtig, daß der Vorname zum Nachnamen paßt“, trumpfte sie schließlich etwas unüberlegt auf.
„Und der ist?“ fragte er nach einer kurzen Stille. Brigge war im Augenblick verdutzt.
„Rate mal“, sagte sie dann frech.
„Raten. Du bist ein Kindskopf“, murrte er verärgert. „Wer kann einen Nachnamen raten! Lehmann – Schultze – Müller – soll ich dir das Adreßbuch aufsagen?“
„Ach, bitte, ja tu das doch!“ lachte Brigge, schon wieder obenauf, „wenn du Glück hast, komm’ ich in der ersten Hälfte dran, und du hast mal wieder gewonnen.“
Er schwieg verdrossen. Sie zog eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche ihrer Reithose.
„Da, nimm und vergiß. Rauch und vergiß. Und reit und vergiß. Heute – morgen – wann du willst. Wir können auch miteinander reiten, wie damals, in Sankt Peter.“
„Das ist übrigens Peter“, sagte sie gleich darauf ein wenig hastig und legte eine andere Fotografie neben die der beiden Mädchen, „du hast ihn dir vielleicht vorhin nicht so genau angesehen. Er ist ziemlich anders als Anselm, aber doch auch ein hübscher Kerl, oder findest du nicht? Eine so gescheite Stirn hat der Bengel.“
„Hm“, sagte Henner.
,Peter‘ hatte er damals gewollt. Eben weil sie sich in Sankt Peter kennengelernt hatten. Das aber konnte bei der nunmehrigen Wahl des Namens kaum bei ihr den Ausschlag gegeben haben. ,Peter‘, war zu Zeiten solch ein Modename gewesen und gerade deshalb hatte sie sich so dagegen gesträubt. Er mochte nicht fragen …
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