«Was willst du?» fiel Holm kurz angebunden ein. «Meine Zeit ist knapp.»
Aksel Hansen winkte mit der Hand verachtungsvoll ab. «Für mich wirst du Zeit haben, wenn du nicht etwas recht Unangenehmes erleben willst.»
«Soll das eine Drohung sein?»
«Eine Drohung?» wiederholte der ungebetene Gast mit gespieltem Erstaunen. «Wo denkst du hin! Ich bin nur gekommen, um mit dir ein bißchen von den früheren Zeiten zu plaudern. Wie lange bist du nun wieder in der guten alten Heimat?»
«Seit zweiundzwanzig Jahren», antwortete Holm unwillkürlich.
Sein ehemaliger Kamerad nickte nachdenklich. «Eine lange Zeit, aber sie vergeht ja nicht gleichschnell für alle. Für mich waren es sehr lange Jahre, Andreas. Hast du dir jemals Gedanken gemacht, wie es mir ergangen sein mag?»
«Nein! Jedenfalls habe ich nie darüber nachgedacht, ob es dir an Geld fehlen könnte. Du bist ja allein auf der reichen Goldader zurückgeblieben.»
Hansen lachte leise. «Sie war gar nicht so ergiebig, wie wir uns vorgestellt hatten. Nachdem du meinen Bruder getötet und dich davongemacht hattest ...»
«Sprich nicht so laut», sagte Holm mit einem unruhigen Blick auf die Tür zu seinem Privatsekretariat. «Es braucht nicht jeder deine Geschichten zu hören. Laß mich endlich wissen, was du willst!»
Hansen schlug die Beine übereinander und sagte schleppend: «Ich will dir nur erzählen, wie es mir ergangen ist. Nein, Andreas, die Goldader war nicht mehr so ergiebig, wie wir geglaubt hatten. Sie verlief nur noch fünfzig Meter weiter, und dann war es mit dem Spaß zu Ende. Da mein Bruder ja tot war und ich selbst eine ganz schöne Summe beisammen hatte, schüttelte ich Australiens Staub von den Füßen und reiste nach Amerika. Dort ging es einige Jahre auf und ab, und infolge falscher Spekulationen verlor ich jeden Cent. Schließlich hatte ich in Chicago Pech. Du weißt ja, damals herrschte in Amerika das Alkoholverbot, und als Schmuggler konnte man ganz schön verdienen mit dem Mondschein, wie der Alkohol genannt wurde. Viele heimsten damit ein Vermögen ein ...»
«Du warst also mehr oder weniger ein Gangster?» fragte Holm ruhig.
«Ja, so kann man es wohl nennen, aber zu meinem Unglück fiel ich der Polizei in die Hände. So ungerecht kann es in der Welt zugehen. Die großen Bonzen an der Spitze, die Mord und alles mögliche auf dem Gewissen haben, verstehen es nun einmal, dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen; aber wir armen kleinen Fische werden jahrelang eingesperrt. Nachdem ich meine Strafe abgesessen hatte, konnte man mich nicht ausweisen, weil ich amerikanischer Staatsbürger geworden war; doch als auch in den folgenden Jahren alles schiefging, bekam ich allmählich Heimweh. Ich sehnte mich nicht nur nach Dänemark, sondern ich war auch neugierig, was aus meinem alten Freund Andreas Holm geworden war. Da ich es nun weiß, können wir anfangen, vernünftig miteinander zu reden.»
«Erpressung?» fragte Holm kalt.
«Nenn es, wie du willst», antwortete Hansen, «aber ich brauche Geld, und zwar sofort. Du sitzt hier in Kopenhagen als reicher und hochgeachteter Geschäftsmann, der in allen Großstädten der Welt Filialen hat, aber niemand in deiner Umgebung weiß etwas davon, daß du – ein Mörder bist!»
Nur mit Mühe brachte Holm die Erwiderung hervor: «Ich habe in Notwehr geschossen ...»
«Wie kannst du das beweisen?» höhnte Hansen. «Vom andern Lager kamen die Goldgräber gelaufen, und sie brauchten nicht lange Zeit, den Zusammenhang zu erfassen. Ejnar lag tot auf dem Boden, und sein Mörder war getürmt.»
Holm wäre dem ehemaligen Kameraden am liebsten an die Gurgel gefahren, doch er beherrschte sich.
Hansen hatte eine Pistole gezückt. Leise, aber mit unheimlicher Deutlichkeit sagte er: «Du hast meinen Bruder getötet, und ich könnte jetzt Rache üben und dir eine Kugel durch den Kopf schießen. Ich ziehe es jedoch vor, die Sache friedlich zu regeln.»
«Man merkt es, daß du in die Gangsterschule gegangen bist!»
«Allerdings. Denk ja nicht, ich könnte meine Beschuldigung nicht beweisen, alter Freund. Ich habe mir nämlich von den vier andern Goldgräbern eine Erklärung unterschreiben lassen, in der sie bezeugen, was sie gesehen haben, und ihre Unterschriften sind ein halbes Jahr später vom Notariat in Kalgoorlie beglaubigt worden. Die Polizei hätte dich gern zu fassen gekriegt, aber sie konnte dich nicht aufspüren. Zu deinem Glück kümmerte sich die australische Polizei dann nicht weiter um den Fall, sonst säßest du heute nicht hier als Multimillionär und hochgeachteter Geschäftsmann.»
«Wieviel kostet die Erklärung der vier Goldgräber?» fragte Holm sachlich.
«Fünfzigtausend Kronen.»
«Hast du sie bei dir?»
«Ja.»
«Gut. Du bekommst von mir einen Scheck auf fünfzigtausend Kronen, und ich bekomme die Erklärung – unter der Bedingung, daß du mir nie mehr unter die Augen trittst.»
Hansen lachte spöttisch. «Nein, nein, so leicht geht das nicht. Natürlich weiß ich, daß du für lumpige fünfzigtausend Kronen Deckung hast – für dich ja ein Pappenstiel –, aber ich verlange das Geld in bar. Noch ist die Bank nicht geschlossen, wir können also miteinander hingehen.»
«Und welche Garantie habe ich, daß du mich in Zukunft in Ruhe lassen wirst?»
Hansen zuckte die Schultern. «Die beglaubigte Erklärung ist mein einziger Beweis, und du kannst sie ja zerreißen.»
In seiner verzweifelten Lage sah Holm keinen andern Ausweg, und eine knappe Stunde später wechselten fünfzigtausend Kronen die Hand. Die beglaubigte Erklärung verbrannte Holm. Damit glaubte er seinen Quälgeist los zu sein, aber schon nach ein paar Tagen merkte er seinen Irrtum. Er erhielt einen eingeschriebenen Brief, in dem nur stand:
«Lieber Andreas, du bist eine naive Seele. Schau dir gefälligst das beigelegte Papier an. In kurzer Zeit wirst du wieder von mir hören. Aksel.»
Mit aufgerissenen Augen betrachtete Holm eine Fotokopie der beglaubigten Erklärung.
Der Rest des Tages wurde für Andreas Holm zu einem Alpdruck. Die Erpressung sollte weitergehen. Eine Fotokopie war in diesem Fall ebenso gültig wie das Originaldokument, und höchstwahrscheinlich verfügte Aksel Hansen über einen ganzen Stapel. Was tun? Natürlich konnte er sich an die Kriminalpolizei wenden, die mit dem Erpresser kurzen Prozeß machen würde. Der Vorfall in Kalgoorlie würde zur Sprache kommen, jedoch als verjährt betrachtet werden. Aber ein Skandal ließe sich nicht vermeiden: Der angesehene Geschäftsmann Andreas Holm wäre als Mörder abgestempelt. Das war an sich ein erschreckender Gedanke, noch schlimmer fand er es, daß seine Frau und sein Sohn dann von dem furchtbaren Ereignis erfuhren, das er ihnen so viele Jahre lang verheimlicht hatte.
Holm war sehr niedergeschlagen, als er sich an diesem Abend zu seinem besten Freund begab, dem Fabrikanten Henning Beyer. Dieser Mann war der einzige Mensch, dem Holm vor vielen Jahren die volle Wahrheit über seine Vergangenheit gesagt hatte. Keinen Augenblick hatte Beyer den Sachverhalt bezweifelt, und seither war zwischen ihnen nie mehr davon die Rede gewesen.
Als sie nun in Beyers gemütlichem Herrenzimmer beisammen saßen, berichtete Holm alles, was vorgefallen war, und schloß mit den Worten: «Du verstehst, Henning, daß es für mich eine Katastrophe ist. Die Lawine kommt ins Rollen, wenn ich den Kerl anzeige, und wenn ich es nicht tue, wird er mich nie mehr in Frieden lassen. Er weiß genau, daß ich damals in Notwehr geschossen habe, aber wie soll ich das beweisen, wenn er die Trümpfe in Händen hält?»
«Könnte die Erklärung der Goldgräber nicht vielleicht eine Fälschung sein?» fragte Beyer.
«Urteile selbst», sagte Holm und reichte ihm die Fotokopie. «Die Unterschriften sind notariell beglaubigt. Damit hat es auf jeden Fall seine Richtigkeit, mag die Erklärung selbst auch gefälscht sein.»
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