„Ich habe meinen täglichen Druckbogen vor dem Frühstück noch nicht fertig!“ sprach er mit hoher Stimme zu dem Diener. „Warum störst Du mich?“ Jetzt erst erkannte er den Besucher und erhob sich. Er trug unter einem vorn offenen, bis zur halben Wade reichenden Schlafrock eine schwarzseidene Weste und lange dunkle Hosen. Zwischen hohen, weissen, spiss zulaufenden Vatermördern richtete sich sein Blick neugierig auf den Kandidaten. Ein Wink an den Diener, das Zimmer zu verlassen. Ein Lächeln:
„Nun — wie war es mit den jungen Jakobinern auf der Wartburg?“
„Ach — Herr Staatsrat . . .“ Der Kandidat Mummenthey sank auf einen Sessel. Der andere trat belustigt näher.
„Tränen, mein Bester . . .?“
„Ach, Herr von Kotzebue! Ich bin ein unwürdiges Subjekt!“
„Nun — was macht denn das?“
„Mein Herz steht allem Hohen und Heiligen offen!“ heulte der Kandidat.
Der Weimarer Bürgersohn und Kaiserlich russische Legationsrat August von Kotzebue lächelte nachsichtig:
„Dafür apanagiere ich Sie nicht!“
„Ich weiss, ich gelte für einen geschickteren Säufer als Patrioten. Aber die Weihestunden gestern auf der Wartburg haben mich ins Tiefste erschüttert. Unter Zähren gelobte ich mir, künftig Teutschland zu dienen!“
Kotzebue schaute mit einem interessierten Ausdruck des Komödiendichters auf den reuigen Mann, so als spielte ihm der eine wirksame Bühnenszene vor.
„Weiter, mein Allerbester!“
„Am Nachmittag . . .“ Ein ersticktes Schluchzen, „kam bei mir die Wahrheit in der Tiefe der Flasche! Ich bekam Mut! Ich steckte eine Pistole zu mir. Ich schlich mich im Dunkel zu den Scheiterhaufen auf der Wartburg. Hier die Liste der Schriften, die öffentlich verbrannt wurden — auch von Ihnen, Herr Staatsrat, mit dem Wolfsgeheul: Wehe über Kotzebue, den arglistigen Erzknecht! . . . den grausamen Verräter!“
„Ah — sehr gut!“ Der Agent des Zaren nahm geschäftig das Blatt an sich und legte es auf den Schreibtisch.
„Ich wurde entdeckt und verfolgt!“ stöhnte der Kandidat Mummenthey. „Einer der Wildesten von Jena — und das will etwas heissen — zielte mit dem blanken Dolch nach meinem Herzen! Gottlob: Ich war durch Ihre hohen Verbindungen in Esthland, Herr Staatsrat, ein Jahr dort Hauslehrer und habe mir ein Koller aus gegerbtem Elenfell mitgebracht, wie man es in jenem Lande trägt. Dies Leder fängt jeden Stoss auf. Ich hatte es der Herbstkälte wegen untergezogen. Es hat mir das Leben gerettet!“
„Kennen Sie den jungen Ideologen, der sich so unschicklich an Ihnen vergriff?“
„Ich werde ihn dem Herrn Staatsrat in persona hiesigen Orts weisen können, denn der Monsieur ist noch vor mir heute Nacht mit einem Freund nach Weimar durchgeritten. Der Postmeister in Erfurt, der ihn kennt, hat es mir berichtet. . . .“ Ein tränenreicher Augenaufschlag. „Wie ist es mit meinem Schmerzensgeld, Herr Staatsrat?“
Als der Kandidat Mummenthey eine Viertelstunde später das Haus des Dichters Kotzebue verliess, hatte er noch feuchte Augen der Zerknirschung, aber er trällerte schon wieder liederlich vor sich hin und klingelte, auf dem Weg zu Kneipe, im Hosensack mit dem Schock harter Taler, in die sich in deutschen Landen die rollenden Rubel des Zaren gewandelt hatten.
Und drinnen schritt der Staatsrat von Kotzebue in wehendem Schlafrock auf und nieder und diktierte seinem Schreiber den eiligen Geheimbericht nach Petersburg.
„Particulièrement c’est un nommé Chrétien Ellerbrook . . .“ Er unterbrach sich. „Wenn Sie mit dem Französischen nicht so rasch ins Reine kommen, so übersetzen Sie es nachher!“ Er fuhr auf deutsch fort: „Unter den verführten Jünglingen ist vorzüglich ein gewisser Christian Ellerbrook, ehedem kurfürstlich kölnischer Untertan und schon als ehemaliger Lützower einer üblen Gesinnung verdächtig, um so eher zu nennen, als er in dem berüchtigten Jena, diesem Schlupfwinkel aller freiheitlichen Verworfenheit, studiert und sich zum Überfluss nicht entblödet, zur Zeit, in der ich dies schreibe, unmittelbar nach den politischen Saturnalien auf der Wartburg, herausfordernd das Weimarer Pflaster zu treten. Auf sotanen Ellerbrook wäre, nach meinem untertänigsten Ermessen, ungesäumt von Petersburg aus die Aufmerksamkeit einer hohen österreichischen und preussischen Central-Polizeibehörde zu lenken!“
Der Studiosus Ellerbrook wanderte inzwischen an der Seite seines Freundes Helmich in seiner verwegenen schwarzen Burschentracht mit blossem Hals und langen Haaren über weissem Umlegekragen durch die Gassen von Weimar dem Graben zu. Er schwenkte das Samtbarett mit den schwarzweissen wehenden Federn und begrüsste mit einem: „Heil, Ihr Burschinnen!“ die kichernden Bürgermädel. Er runzelte grimmig die Stirne.
„Bruder: dort kommt ein Schnürling in polnischem Rock nach welscher Mode und einem schwarzen Seidenlappen um den Hals. Ich will über die Strasse und den Gecken fragen, ob er ein Deutscher ist!“
„Du wirst hier keine Händel mit der Noblesse anfangen.“ Der Assessor und Kammerjunker zog den Widerstrebenden weiter. Christian Ellerbrook sang laut und wohltönend zu den alten Bürgerhäusern empor:
„Türme und Stürme sind wir, die Zügel und Flügel!“ . . .
„Still!“
„Es ist ein altes Vorrecht der Jenenser Burschen, mit Gesang in Weimar einzuziehen!“
„Du bist aber schon in Weimar!“ Der Assessor blieb vor einem schmalen, hochgiebligen Bürgerhaus stehen. „Wir sind am Ziel. Hier wohnt die Göttliche. Zusammen mit ihrem verwitweten Vater! Poltere vor ihm nicht, wie Ihr es pflegt, gegen Gamaschendienst und Korporalstock. Der Herr von Laubisch ist, bei aller Liberalität seines Kunstsinns, ein abgedankter Major.“ Er trat mit dem Freund ins Haus. „Ich höre Stimmen aus dem blauen Salon. Es ist schöne Welt um sie. Wir wollen sie überraschen!“ Er blieb stehen und wies verklärt durch die offene Flügeltüre —: „Da sieh!“
Es war ein halbrunder, blaugetünchter Raum, dessen hohe Fenster sich auf den herbstbunten Garten und das weithin dahinter gewellte, regengraue Thüringer Land öffneten. Sparsam und steif die weissgoldenen Empiremöbel längs der schwarzen Scherenschnitte an den Wänden. Ein halbes Dutzend junger Damen sass da beisammen, hochgegürtet, in duftig wallenden dünnen Gewändern, den Blumenaufputz der grossen Schutenhüte über Stickrahmen und Häkeleien gebeugt.
Ein junges Mädchen las mit sanfter und seelenvoller Stimme aus einem goldbepressten roten Saffianbändchen vor. Sie war die einzige, die nicht, wie ihre zu Besuch gekommenen Freundinnen, im Hut war, sondern als Haustochter unter einem weissen Spitzenhäubchen wirre braune Locken sich um die weichen, einem Pastell des achtzehnten Jahrhunderts gleichenden Züge ringeln liess. Zart und mittelgross trug sie ein mit roten Rosen und grünen Blättern besticktes weisses Empirekleid nach Wiener Mode mit fünffach gepufften Ärmeln und Rosen in dem vorn gelockten und nach hinten griechisch geknoteten Haar. Die weissbestrumpften, in gemsenfarbenen, absatzlosen Bänderschuhen steckenden schmalen Füsse waren in bewusster, plastischer Anmut gekreuzt, während sie leise las.
„Euch drückte schwer das heimatliche Land.
Ihr trugt’s nicht mehr. Drum wandertet Ihr aus!“
„Das ist sie, Christian“, flüsterte der Weimarer Kammerjunker verklärt. „Urteile selbst, Bruder: Ein monniges Kind!“
„Verklärtes Blau! O hoffnungsgrüne Flut!
Die Wunde heilt und alles wird nun gut!“
Die feine Mädchenstimme schwang in Schmerz:
„Das Schiff auf Klippen treibt, dass es zerschellt!
Die Todesangst erfasst die eben Frohen —
Sei, Himmel, Du beseligend ihr Ziel,
Sie, deren Herz gestrandet wie ihr Kiel!“
Die schöne Friderique von Laubisch schloss ergriffen. Sie hob den kindlichen Kopf. Der braune Augenaufschlag war feucht, mit dem sie dem Fremdling eine kleine, klassisch geformte Hand hinstreckte.
Читать дальше