Das zweite große Problem, das zu einer Re-Formulierung des psychischen Apparates durch Freud führt, hängt mit der Frage zusammen, »wo« die Zensuren zwischen den Systemen arbeiten: Gehören sie jeweils einem zu? Liegen sie an deren Grenzen? Freud folgert daher zum einen in Richtung der Annahme unbewusster Anteile des Ichs und zum anderen in Richtung der Formulierung des Über-Ichs als »zensurierender« Instanz. So formuliert er sein Struktur- oder Instanzen-Modell aus Ich, Über-Ich und Es (Freud, 1923b). Das Über-Ich wird dabei verstanden als Gewissensinstanz, die das Ich (bzw. hier eher: das Selbst; vgl. Storck, in Vorb. a) prüft und beurteilt. Es entscheidet darüber, wann jemand Schuldgefühle, aber auch Stolz erlebt. Dabei können Strafangst oder Gewissensangst als wichtiger Motor von Abwehrvorgängen beschrieben werden, dahingehend, dass die Abwehr zur Bewältigung eines Konflikts aus Wunsch und internalisiertem Verbot einsetzt. Das Erleben des Wunsches zieht Schuldgefühle nach sich bzw. ein ›schlechtes Gewissen‹. Bei Freud (1917a, S. 8) heißt es: »Irgendwo im Kern seines Ichs hat er [der Mensch; TS] sich ein Aufsichtsorgan geschaffen, welches seine eigenen Regungen und Handlungen überwacht, ob sie mit seinen Anforderungen zusammenstimmen.« An anderer Stelle formuliert er: »Wir waren […] gezwungen anzunehmen, daß sich im Ich selbst eine besondere Instanz differenziert hat, die wir das Über-Ich heißen […Es] kann sich dem Ich gegenüberstellen, es wie ein Objekt behandeln und behandelt es oft sehr hart. Es ist für das Ich ebenso wichtig, mit dem Über-Ich im Einvernehmen zu bleiben, wie mit dem Es« (Freud, 1926e, S. 253 f.). Das Über-Ich differenziert sich aus dem Ich, es ist eine »Stufe im Ich« und wird durch Internalisierungsprozesse gebildet, verwendet dabei allerdings Energie, die aus dem Es stammt (was z. B. bedeutet, dass die Strenge des Über-Ichs, trotz seiner Genese aus der Internalisierung elterlicher Gebote und Verbote, nicht deren Strenge wiedergibt, sondern die Triebstärke). Die Beziehung des Über-Ichs zum Ich umfasst Gebote – »So […] sollst du sein« – und Verbote – »So […] darfst du nicht sein« (Freud, 1923b, S. 262). Außerdem lässt sich, auch wenn Freud dies so nicht konsistent tut, zwischen dem Über-Ich (verbunden mit Gewissen, Schuld oder Strafe) und dem Ich-Ideal (Idealbilder, verbunden mit Scham) unterscheiden, wobei letzteres manchmal als ein Aspekt des erstgenannten gilt.
Im Rahmen dieses Modells erklärt sich die Abwehr nun dadurch, dass Es-Strebungen mit den Forderungen des Über-Ichs kollidieren (oder mit den Bedingungen der sozialen Realität), so dass das Ich gefordert ist, Abwehr zu mobilisieren, um bewusstseinsfähige Kompromissbildungen zu finden, d. h. eine Umarbeitung, die sowohl Es als auch Über-Ich hinreichend zufrieden stellt und/oder realitätsgerecht handeln zu können und so Scham, Angst, Schuld oder andere unlustvolle Affekte und Konsequenzen zu vermeiden.
2.3 Zur Differenzierung von Abwehr und Widerstand
Greenson (1967, S. 88 f.) definiert den Widerstand in folgender Weise: »Der Widerstand richtet sich gegen das analytische Verfahren, den Analytiker und das vernünftige Ich des Patienten. Der Widerstand verteidigt die Neurose, das Alte, das Vertraute und das Infantile gegen Aufdeckung und Veränderung. Er kann Anpassung bewirken. Der Ausdruck ›Widerstand‹ bezieht sich auf alle Abwehroperationen des seelischen Apparats, wie sie in der analytischen Situation wachgerufen werden. […] In der psychoanalytischen Situation manifestieren sich die Abwehrvorgänge als Widerstand.« Während sich die Abwehr also wie oben dargestellt, darüber bestimmt, dass sie (1) sich auf einen unbewussten Reiz richtet, (2) der Unlustvermeidung dient und (3) als ein unbewusster Vorgang dem Ich zugehörig ist, wird der Widerstand nicht als ein eigener Prozess bestimmt – vielmehr handelt es sich um Abwehrbemühungen im Verlauf der analytischen Arbeit, die sich im Wesentlichen gegen die Veränderung bzw. gegen die analytische Beziehung als deren Mittel und Medium richtet. Widerstand bedeutet also, dass in der analytischen Behandlung Unlust droht, deshalb wirken Abwehrvorgänge (vgl. a. Seiffge-Krenke, 2017).
Zur Veranschaulichung des Gefühls, es mit einem hartnäckigen Widerstand zu tun zu haben, der die Bemühungen des Analytikers unbewusst zurückweist und auf dem Bestehenden bzw. der Nicht-Vertiefung der Beziehung beharrt, kann in eine Folge aus der TV-Serie The Wire (»Unto others«; 2006) geblickt werden. Der ehemalige Polizist Colvin engagiert sich in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern, die oppositionelles und delinquentes Verhalten zeigen, indem er zusammen mit einem Sozialwissenschaftler und mit Lehrerinnen ein Programm durchführt, das die Lebensrealität der Jugendlichen ins Zentrum rückt (z. B. indem gefragt wird, wo sie sich in zehn Jahren sehen und was dafür oder dagegen spricht zu dealen). Einer der Jugendlichen ist Namond, der nach entwertenden Aussagen ins Büro zitiert wird, wo Colvin und eine Lehrerin mit ihm sprechen wollen. Colvin fragt die Lehrerin: »Kann ich es mal versuchen?« Sie willigt ein, Namond sagt: »Fuck you«. Colvin macht ein paar Schritte auf ihn zu und sagt: »OK. Aber du bist immer noch in diesem Raum.« Namond sagt: »Fuck you«. Colvin dazu: »Du weißt, dass du solange nicht zu den anderen gehen kannst, bist du gelernt hast, dich zu benehmen.« Namond sagt: »Fuck you«. Colvin versucht es unbeirrt weiter: »Solange du es nicht in den Griff bekommst, kannst du nicht in den normalen Unterricht.« Namond sagt: »Fuck you«. Colvin dann: »Und du gehst ganz sicher nicht nach Hause, denn es gibt keine Schulverweise mehr.« Daraufhin steht Colvin resigniert auf und will aus dem Raum gehen. Namond ruft ihm nach: »Mr. Colvin, Sir…« Dieser dreht sich um und Namond sagt: »Fuck you«.
Nun muss zum einen gesagt werden, dass Widerstand nicht viel mit »Aufsässigkeit« oder rebellischem Verhalten zu tun hat, und er kann sich auch anders als in direkter Verweigerung oder aggressiven Verhaltensweisen zeigen. Zum anderen muss beachtet werden, dass es sich beim Widerstand nicht um etwas handelt, das man einer Analysandin vorwerfen könnte bzw. ihr »in die Schuhe schieben« könnte. Das Beispiel soll vielmehr zeigen, wie es sich anfühlen kann, in der Behandlung mit einer Art der Zurückweisung konfrontiert zu sein, die nicht durch bloße Anweisungen oder Appelle an die Einsicht aufgelöst werden kann. Der Widerstand ist dabei motiviert durch die Vermeidung von Unlust, aber immer auch ein Zeichen davon, dass etwas zu früh, zu bedrängend oder die Analysandin in anderer Weise überfordernd geschieht. Dabei geht es auch nicht darum, dass eine Analysandin zu allem »Fuck you« sagt, sondern um das Konfrontiertsein mit einer absolut wirkenden Barriere.
2.3.1 Widerstand als die Äußerung von Abwehrmechanismen in Behandlungen
Auch das Konzept des Widerstands entwickelt Freud angesichts der Auseinandersetzung mit Phänomenen in klinischen Behandlungen: »[Der] Widerstand ist etwas völlig Neues, ein Phänomen, welches wir auf Grund unserer Voraussetzungen gefunden haben, ohne daß es in diesen enthalten gewesen wäre. Wir sind von diesem neuen Faktor in unserer Rechnung nicht gerade angenehm überrascht.« (Freud, 1916/17, S. 114) Das Auftreten von Widerstandphänomenen erschwert die Arbeit, es ist nicht damit getan, Analysandinnen eine Einsicht vor Augen zu führen, die dann umstandslos bloß intellektuell angenommen werden müsste. Man kann Analysandinnen nicht einfach sagen, was ihnen unbewusst ist, und dann wird es integriert und Veränderung wird möglich. Das Symptom hat eine angstreduzierende Funktion und die Funktionalität des Symptoms weist also auch darauf hin, dass man es nicht einfach »entfernen« kann. Jedes psychopathologische Symptom ist in gewisser Hinsicht gegenüber etwas anderem das »kleinere Übel«. Es ist zwar in der Regel mit Leidensdruck oder Einschränkungen verbunden, aber es ist zugleich immer die Vermeidung eines vermeintlich schlimmeren Zustands oder Gefühls.
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