«Ich auch», sagte Eddie.
Oskar saß mit gekreuzten Armen da und ließ die Beine überm Wasser baumeln.
«Schade», sagte er, «ich nicht. Ich hab nämlich im Dienst gegessen. Kriegt ihr denn in der Schule nichts zu essen? Oder ist das Essen vielleicht nicht gut?»
«Aber P-a-p-a!», heulte Mimi. «Wir haben doch Sommerferien!»
«Na klar», sagte Oskar lachend und strich über seinen Schnurrbart. «Ich hab doch bloß Spaß gemacht.»
Dann machte er unbekümmert einen Köpfer ins Wasser (und keinen Bauchklatscher) und kraulte wie besessen im Becken herum.
Mimi seufzte. Arne wandte sich an Linda.
«Hat deine Alte was zu mampfen dabei?»
«Vielleicht Zimtwecken», antwortete Linda zögernd. «Die hat Oma gebacken. Aber ich weiß nicht, ob ich euch davon abgeben darf. Und übrigens will ich gar nichts essen. Sonst darf ich erst in sechzig Minuten wieder baden.»
«Warum denn das?», fragte Arne interessiert.
«Wenn man eher badet, sinkt man auf den Meeresgrund und muss sterben», sagte Linda.
«Vielleicht so?», fragte Arne und machte einen Riesensatz ins Wasser. Er rollte sich wie ein Ball zusammen und verschwand. Eddie stürzte zum Beckenrand.
«Arne! Harne!» Er schrie wie am Spieß.
«Ganz ruhig, Eddie», sagte Mimi und nahm Eddies kleine kalte Hand in ihre weiche warme. «Das ist nur Spaß. Wahrscheinlich hat er das in Stockholm gelernt.»
Sie standen am Beckenrand und versuchten, Arne unten im Wasser zu entdecken. Mimi fand auch langsam, dass es lange dauerte, aber sie wollte Eddie keine Angst machen. Sie drückte seine Hand. «Er kommt gleich», sagte sie. «Es reicht bestimmt, wenn wir ein bisschen Mund-zu-Mund-Beatmung mit ihm machen.»
«Was ist das denn?», flüsterte Eddie. «Kann man das essen?»
In dem Augenblick hörten sie Arnes Stimme vom anderen Ende des Beckens.
«Was sucht ihr denn da? U-Boote?»
«Quatsch», sagte Mimi.
«Quatsch», sagte Eddie.
«Ich hab eine Idee!», rief Arne. «Wir gehen im ‹Goldenen Schwan› essen.»
Mimi und Eddie fanden, das war eine ausgezeichnete Idee. Im «Goldenen Schwan» arbeitete Mimis Mama als Kellnerin, und in der großen Küche des Restaurants konnte man ganz gute Sachen kriegen. Arne, Eddie und Mimi holten ihre Kleider und gingen an Linda vorbei, die auf einem Handtuch bei ihrer Mama saß.
«Wohin wollt ihr?», rief sie.
«In die Kneipe», antwortete Arne.
«Darf ich mit?», fragte Linda.
«Nein», sagte ihre Mama energisch.
Arne grinste.
«Ich hätte euch sowieso nicht zu Omas Zimtwecken einladen dürfen», sagte Linda und war sauer.
In dem Augenblick erinnerte sich Mimi an ihren Papa. Er kraulte immer noch im Becken herum.
«Papa!», schrie Mimi.
Oskar hörte nicht.
«Oskar!», schrie Eddie.
Oskar hörte sofort auf zu schwimmen und guckte zu den Kindern.
«Hallo, Mimi, wohin willst du?»
«Wir gehen zu Mimis Alter und essen was!», brüllte Arne.
«Mimis Alte?», sagte Oskar. «Das ist ja meine Frau.»
Ein feuchtwarmer Umschlag
Die Kinder gingen sehr rasch in Richtung «Goldener Schwan», der sieben Häuserblocks vom Freibad «Drei Anker» entfernt lag. Eddie hatte sich seine nasse Badehose wie eine Mütze auf den Kopf gelegt. Es roch nach Spätsommer und fast reifen Äpfeln, als sie an den Gärten der Villen vorbeikamen, aber auf dem Hinterhof vom «Goldenen Schwan» schlugen ihnen andere wohl bekannte Düfte entgegen. Fischkisten, Krabbenschalen, leere Bierflaschen, gemischt mit dem Geruch von Hunde- und Katzenpipi, gaben dem Hinterhof des Restaurants seine ganz besondere Note. Mimi zog die Nase kraus, aber Arne und Eddie holten tief und wollüstig Luft und betrachteten neugierig all die alten Tonnen, Flaschen und Kisten.
Die schmale schwarze Eisentreppe mit den zerbrochenen Stufen war ganz glitschig. Sie mussten sich gut am Geländer festhalten, damit sie nicht hinfielen. Eddie war froh, dass er sich mit der Badehose den Kopf kühl hielt, während er die glatte, schmale Treppe hinaufkletterte.
In der Küche ging es lebhaft wie immer zu. Roberto stand an dem einen großen Herd und briet Steaks, dass das Fett nur so spritzte. Rodolfo war dabei, rosa Lachs zu schneiden. Die Scheiben formte er zu kleinen Rosen, in die er Dillzweige steckte. Und als die Kinder gerade in die Küche kamen, wurde die Schwingtür, die ins Restaurant führte, aufgestoßen. Elin stürzte mit einem Haufen schmutziger Teller herein. Als sie Mimi entdeckte, freute sie sich so, dass sie fast das Geschirr fallen gelassen hätte.
«O Mimi, wie schön! Und Eddie und Arne hast du auch mitgebracht. Habt ihr Hunger? Habst ihr gebadet? Wollt ihr Lasagne haben? War das Wasser kalt? Hast du Papa getroffen? Vielleicht möchtet ihr lieber Erbsensuppe haben?»
«Lasagne!», riefen Arne und Eddie wie aus einem Mund.
Roberto schüttelte seinen Kopf, sodass ihm die Kochmütze verrutschte, aber er lächelte.
«Was für ein Glück für dich, Elin, dass der Chef heute verreist ist», sagte er.
«Ach, der», sagte Elin. «Übrigens haben es sich die Gäste von Tisch fünf anders überlegt. Sie möchten lieber gebratenen Hering statt Steak.»
Roberto stöhnte. Düster betrachtete er die Steaks, die in den Zwiebeln lagen und vor sich hin zischten. Aber dann leuchtete sein Gesicht auf.
«Möchtet ihr vielleicht Steaks haben, Kinder? Schnell her mit den Tellern!»
Er schob die Steaks auf einer Platte herüber.
«Wir sollten doch Lasagne kriegen, Mama», wandte Mimi ein.
«Still», sagte Arne entschieden. «Sonst ess ich dein Steak auch noch auf.»
Roberto lachte dröhnend, rückte sich die Kochmütze zurecht und begann pfeifend, Heringe in einer anderen Pfanne zu braten.
Arne und Eddie hatten schon längst angefangen zu essen, als Mimi sich endlich an den Tisch setzte. Sie hatte erst einmal eine Serviette unter ihrem Teller ausgebreitet.
Glücklich betrachtete Elin die Jungen.
«Meine Güte, was ihr alles verdrücken könnt, Jungs», sagte sie. «Es ist eine Freude, euch zuzusehen.»
«Ja, ja, kleine Mama», ärgerte Rodolfo sie und streichelte ihr über den Kopf.
«Pass auf, meine Frisur!», jammerte Elin.
«Frisur!», rief Mimi. «Mama, jetzt hör aber auf!»
Müde sank Elin auf einen Hocker. Plötzlich wandte sie sich zu Eddie um.
«Aber, mein Kleiner, was um alles in der Welt hast du da denn auf dem Kopf?»
Eddie wurde knallrot und hörte auf zu essen.
Arne riss ihm die Badehose herunter.
«Musst du diesen blöden Bibi auf dem Kopf haben?», fauchte er. «Hast du denn überhaupt keine Tischmanieren?»
«Den hat er schon auf, seit er hier ist, verstehst du», sagte Roberto prustend. Er sprach immer noch mit italienischem Akzent, obwohl er schon acht Jahre beim «Goldenen Schwan» in Schweden arbeitete.
Alle lachten, nur Eddie nicht. Der saß da und stocherte in seinem Essen herum.
Elin musste sich am Kühlschrank festhalten, damit sie nicht umfiel, so witzig fand sie das alles.
«Er hat einen Bibi auf dem Kopf», sagte Arne lachend. Aber in dem Augenblick bemerkte er, dass Eddie traurig war.
Arne wurde sofort ernst.
«Worüber lacht ihr?», brüllte er und warf Elin, Mimi, Roberto und Rodolfo bitterböse Blicke zu. «Seid ihr verrückt, oder was? Eddie hat sich am Kopf verletzt.»
«Hab ich das?», piepste Eddie und starrte seinen großen Bruder mit dunkelblauen runden Augen an.
«Er hat sich am Kopf verletzt, als ihm ein dicker Mann im Nichtschwimmer auf den Kopf gesprungen ist», erklärte Arne mit geheimnisvoller Stimme. «Und der Arzt bei den ‹Drei Ankern› hat ihm einen feuchtwarmen Umschlag gemacht. Das ist gut gegen Verletzungen.»
Roberto wandte sich wieder seiner Heringsbraterei zu.
«Gibt’s einen Arzt bei den ‹Drei Ankern›?», fragte Rodolfo.
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